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An Milena Jesenská

[Prag, 31. Juli 1920]
Samstag, später
 

Wie man den heutigen Brief den lieben treuen fröhlichen glückbringenden Brief auch drehen mag, es ist doch ein "Retter"-brief. Milena unter den Rettern!

(wäre ich auch unter ihnen, wäre sie dann schon bei mir? nein, dann gewiß nicht) Milena unter den Rettern, sie die doch am eigenen Leib es immerfort erfährt, dass man den andern nur durch sein Dasein retten kann und sonst durch nichts. Und nun hat sie mich schon durch ihr Dasein gerettet und versucht es nun nachträglich noch mit andern, so unendlich kleineren Mitteln. Wenn einer den andern vom Ertrinken rettet, so ist das natürlich eine sehr große Tat, wenn er aber nachher dem Geretteten noch ein Abonnement auf Schwimmlektionen schenkt, was soll das? Warum will es sich der Retter so leicht machen, warum will er den andern nicht immerfort auch weiterhin durch sein Dasein, sein stets bereites Da-sein retten, warum will er die Aufgabe abwälzen auf Schwimmeister und Davoser Hotelbesitzer? Und außerdem wiege ich ja doch 55.40! Und wie kann ich wegfliegen, wenn wir uns bei der Hand halten? Und wenn wir beide wegfliegen, was tut es dann? Und außerdem - das ist der eigentliche Grundgedanke des vorigen - fahre ich niemals mehr so weit von Dir weg. Ich komme doch erst aus den Meraner Bleikammern.


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Samstag abend

Das war geschrieben, ich wollte heute auch noch anderes schreiben, aber es ist jetzt nebensächlich. Ich kam nachhause sah im Dunkel auf dem Schreibtisch den unerwarteten Brief, überflog ihn, wurde immerfort zum Nachtmahl gerufen, aß irgendetwas, das leider nicht anders vom Teller verschwinden wollte als dadurch dass man es hinunterschluckte, las dann den Brief gründlich, langsam, schnell, wild, glücklich, einmal staunend - man glaubt es gar nicht, aber es steht doch da und man glaubt es doch nicht, aber man sinkt darüber hin und das ist doch ein Glauben schließlich verzweifelt, verzweifelt, herzklopfend verzweifelt. "Ich kann nicht kommen" das wußte ich bei der ersten Zeile und wußte es bei der letzten, dazwischen war ich allerdings mehrmals in Wien so wie man in einer schlaflosen überwachen Nacht zehnmal etwa halbminutenlange Träume hat. Dann gierig ich zur Post, telegraphierte Dir, wurde ein wenig ruhiger und sitze jetzt da. Sitze jetzt da mit der kläglichen Aufgabe Dir zu beweisen dass ich nicht kommen kann. Nun, Du sagst ich sei nicht schwach, vielleicht also gelingt es mir, vor allem aber vielleicht gelingt es mir die nächsten Wochen durchzubringen, aus denen mich schon jetzt jede Stunde angrinst mit der Frage: "Du warst also wirklich nicht in Wien? Bekamst diesen Brief und warst nicht in Wien? Warst nicht in Wien? Warst nicht in Wien?" Ich verstehe nicht Musik aber diese Musik verstehe ich leider besser als alle Musikalischen.

Ich konnte nicht kommen, weil ich im Amt nicht lügen kann. Ich kann auch im Amt lügen aber nur aus 2 Gründen, aus Angst (das ist also eine Bureauangelegenheit, gehört dorthin, da lüge ich unvorbereitet, auswendig, inspiriert) oder aus letzter Not (also wenn "Else krank" wird, Else, Else, nicht Du Milena, Du wirst nicht krank, das wäre schon allerletzte Not, von der rede ich überhaupt nicht), also aus Not könnte ich sofort lügen, dann wäre kein Telegramm nötig, Not ist etwas, was gegenüber dem Bureau bestehen kann, dann fahre ich entweder mit oder ohne Erlaubnis. Aber in allen Fällen, wo unter den Gründen, die ich für das Lügen hätte, das Glück, die Not des Glücks der Hauptgrund ist, kann ich nicht lügen, kann es nicht, so wie ich nicht zokg-Hanteln stemmen kann. Käme ich mit dem Else-Telegramm zum Direktor, es würde mir gewiß aus der Hand fallen und fiele es, ich würde gewiß darauf, auf die Lüge, treten und hätte ich das getan, würde ich gewiß vom Direktor weglaufen ohne um etwas zu bitten. Bedenke doch, Milena, das Bureau ist doch nicht irgendeine beliebige dumme Einrichtung (die ist es auch und überreichlich, aber davon ist hier nicht die Rede, übrigens ist es mehr phantastisch als dumm) sondern es ist mein bisheriges Leben, ich kann mich davon losreißen, gewiß, und das wäre vielleicht gar nicht schlecht, aber bis jetzt ist es eben mein Leben, ich kann damit lumpig umgehn, weniger arbeiten als irgendjemand (tue ich) die Arbeit verhudeln (tue ich) mich trotzdem wichtig machen (tue ich) die liebenswürdigste Behandlung, die im Bureau denkbar ist, als mir gebärend ruhig hinnehmen, aber lügen, um plötzlich als freier Mensch, der ich doch nur angestellter Beamter bin, dorthin zu fahren, wohin mich "nichts anderes" treibt als der selbstverständliche Schlag des Herzens, nun ich kann also nicht so lügen. Das aber wollte ich Dir noch ehe ich Deinen Brief bekommen hatte schreiben, dass ich gleich diese Woche meinen Paß erneuern oder sonst in Ordnung bringen lasse, um möglichst gleich zu kommen, wenn es sein muß.


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Ich überlese das und habe es doch gar nicht so gemeint und bin doch nicht "stark" da ich es nicht richtig sagen konnte [das noch: ich kann dort vielleicht schlechter lügen als ein anderer, dem (so sind die meisten Beamten) seiner Meinung nach immerfort Unrecht geschieht, der über seine Kräfte arbeitet - hätte ich doch diese Meinung, das wäre schon fast ein Wiener Schnellzug - der das Bureau als eine dumm geleitete Maschine ansieht -er würde das viel besser machen eine Maschine in der er ebeninfolge dieser Dummheit der Leitung an unpassender Stelle verwendet wird seinen Fähigkeiten nach ist er ein Ober-Ober-Rad und muß hier nur als Unter-UnterRad arbeiten u. s. , mir aber ist das Bureau - und so war es die Volksschule, Gymnasium, Universität, Familie, alles, ein lebendiger Mensch, der mich, wo ich auch bin, mit seinen unschuldsvollen Augen ansieht, ein Mensch, mit dem ich auf irgendeine mir unbekannte Weise verbunden worden bin, trotzdem er mir fremder ist, als die Leute, die ich jetzt im Automobil über den Ring fahren höre. Also fremd ist er mir bis zur Sinnlosigkeit, aber gerade das erfordert Rücksichten, ich verberge ja meine Fremdheit kaum, aber wann erkennt das eine solche Unschuld - und ich kann also nicht lügen] nein stark bin ich nicht und schreiben kann ich nicht und nichts kann ich. Und nun Milena wendest Du Dich auch noch von mir ab, nicht für lange, ich weiß, aber sieh, lange hält es der Mensch nicht aus, ohne dass das Herz schlägt und solange Du abgewendet bist, wie kann es denn schlagen?


Wenn Du mir nach diesem Brief telegraphieren könntest! Das ist ein Ausruf, keine Bitte. Nur wenn Du es frei tun kannst, tue es. Nur dann, Du siehst, ich unterstreiche nicht einmal diese Zeilen.


Noch ein drittes, das mir das Lügen ermöglichen würde habe ich vergessen: wenn Du neben mir wärest. Aber dann wäre es die unschuldigste Lüge der Welt, denn dann stünde doch im Direktionszimmer niemand außer Dir.




1] "Else krank": Bezieht sich auf den verabredeten Telegrammtext mit fiktiven Namen, mit dem sich Kafka die Erlaubnis zu einer Reise verschaffen sollte. Vgl. Brief vom [2. bis 3. August 1920], Dienstag, Anm. 1.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at