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An Milena Jesenská

[Meran, 21. Juni 1920]
Montag
 

Du hast recht, als ich jetzt - ich bekam die Briefe leider spät abend und will morgen früh mit dem Ingenieur einen kleinen Ausflug nach Bozen machen - den Vorwurf wegen des Kindchens las, sagte ich mir wirklich: Genug, diese Briefe kannst Du heute nicht lesen, ein wenig mußt Du doch schlafen, wenn Du morgen früh den Ausflug machen willst. - und es brauchte ein kleines Weilchen ehe ich weiterlas und verstand und die Spannung sich löste und ich, wenn Du hier wärest (womit nicht nur körperliche Nähe gemeint ist) das Gesicht aufatmend in Deinen Schooß hätte legen können. Das heißt doch krank sein, nicht? Ich kenne Dich doch und weiß auch, dass "Kindchen" keine so furchtbare Anrede ist. Auch verstehe ich Spaß, aber alles kann mir auch Drohung sein. Wenn Du mir schreiben wirst: "Gestern habe ich die "und" in Deinem Brief zusammengezählt, es waren so und so viele; wie kannst Du Dir erlauben mir "und" zu schreiben und gerade so und so viele" - so werde ich, wenn Du ernst bleibst, vielleicht auch überzeugt sein, dass ich Dich damit beleidigt habe und genug unglücklich sein. Und schließlich könnte es ja wirklich vielleicht eine Kränkung sein, das ist schwer nachzuprüfen.

Auch darfst Du nicht vergessen, dass Scherz und Ernst zwar an sich leicht zu unterscheiden sind, aber bei Menschen, die so bedeutend sind, dass das eigene Leben von ihnen abhängt, ist das doch auch wieder nicht leicht, das Risiko ist doch so groß, man bekommt Mikroskop-Augen und wenn man die einmal hat, kennt man sich überhaupt nicht mehr aus. In dieser Hinsicht war ich wohl auch in meiner starken Zeit nicht stark. Z. B. in der erste Volksschulklasse. Unsere Köchin, eine kleine magere spitznasige, wagenhohl, gelblich, aber fest, energisch und überlegen führte mich jeden Morgen in die Schule. Wir wohnten in dem Haus, welches den kleinen Ring vom großen Ring trennt. Da gieng es also zuerst über den Ring, dann in die Teingasse, dann durch eine Art Torwölbung in die Fleischmarktgasse zum Fleischmarkt hinunter. Und nun wiederholte sie jeden Morgen das Gleiche wohl ein Jahr lang. Beim Aus-dem-Haus-treten sagte die Köchin, sie werde dem Lehrer erzählen, wie unartig ich zuhause gewesen bin. Nun war ich ja wahrscheinlich nicht sehr unartig, aber doch trotzig, nichtsnützig, traurig, böse und es hätte sich daraus wahrscheinlich immer etwas Hübsches für den Lehrer zusammenstellen lassen. Das wußte ich und nahm also die Drohung des Köchin nicht leicht. Doch glaubte ich zunächst, dass der Weg in die Schule ungeheuer lang sei, dass da noch vieles geschehen könne (aus solchem scheinbaren Kinderleichtsinn entwickelt sich allmählich, da ja eben die Wege nicht ungeheuer lang sind, jene Ängstlichkeit und totenaugenhafte Ernsthaftigkeit) auch war ich, wenigstens noch auf dem Altstädter Ring, sehr ihm Zweifel, ob die Köchin, die zwar Respektsperson aber doch nur eine häusliche war, mit der Welt-Respekts-Person des Lehrers überhaupt zu sprechen wagen würde. Vielleicht sagte ich auch etwas derartiges, dann antwortete die Köchin gewöhnlich kurz mit ihren schmalen unbarmherzigen Lippen, ich müsse es ja nicht glauben, aber sagen werde sie es. Etwa in der Gegend des Eingangs zur Fleischmarktgasse - es hat noch eine kleine historische Bedeutung für mich (in welcher Gegend hast Du als Kind gelebt?) - bekam die Furcht vor der Drohung das Übergewicht. Nun war ja die Schule schon an und für sich ein Schrecken und jetzt wollte es mir die Köchin noch so erschweren. Ich fieng zu bitten an, sie schüttelte den Kopf, je mehr ich bat, desto wertvoller erschien mir das, um was ich bat, desto größer die Gefahr, ich blieb stehn und bat um Verzeihung, sie zog mich fort, ich drohte ihr mit der Vergeltung durch die Eltern, sie lachte, hier war sie allmächtig, ich hielt mich an den Geschäftsportalen, an den Ecksteinen fest, ich wollte nicht weiter, ehe sie mir nicht verziehen hatte, ich riß sie am Rock zurück (leicht hatte sie es auch nicht) aber sie schleppte mich weiter unter der Versicherung auch dieses noch dem Lehrer zu erzählen, es wurde spät, es schlug 8 von der Jakobskirche, man hörte die Schulglocken, andere Kinder fiengen zu laufen an, vor dem Zuspätkommen hatte ich immer die größte Angst, jetzt mußten auch wir laufen und immerfort die Überlegung: "sie wird es sagen, sie wird es nicht sagen" - nun sie sagte es nicht, niemals, aber immer hatte sie die Möglichkeit und sogar eine scheinbar steigende Möglichkeit (gestern habe ich es nicht gesagt, aber heute werde ich es ganz bestimmt sagen) und die ließ sie niemals los. Und manchmal denke Milena - stampfte sie auch auf der Gasse vor Zorn über mich und auch eine Kohlenhändlerin war manchmal irgendwo und schaute zu. Milena was für Narrheiten und wie gehöre ich Dir mit allen Köchinnen und Drohungen und diesem ganzen ungeheueren Staub, den 38 Jahre aufgewirbelt haben und der sich in die Lungen setzt.

Aber das alles wollte ich gar nicht sagen oder wenigstens anders, es ist spät, ich muß aufhören, um schlafen zu gehn und ich werde nicht schlafen können, weil ich Dir zu schreiben aufgehört habe. Wenn Du einmal wissen willst wie es früher mit mir war, schicke ich Dir von Prag den Riesenbrief, den ich vor etwa ½ Jahr meinem Vater geschrieben aber noch nicht gegeben habe.

Und Deinen Brief beantworte ich morgen, oder wenn abend zu spät sein sollte, erst übermorgen. Ich bleibe paar Tage länger, weil ich auf den Besuch bei den Eltern in Franzensbad verzichtet habe, verzichtet kann man allerdings eigentlich das einfache Auf-dem-Balkon-liegen-bleiben nicht nennen.

F                   


Und noch einmal Dank für Deinen Brief




1] Riesenbrief: Der in der Handschrift über einhundert Seiten lange Brief Kafkas an seinen Vater vom November 1919 den die Mutter zurückhielt; zuerst veröffentlicht von Max Brod in dem Band "Hochzeitsvorbereitungen", S. 162-223.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at