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[An Ottla Kafka]

[Schelesen, Mitte März 1919]
 


Liebste Ottla, wir spielen ja nicht gegeneinander, sondern wir haben ein gemeinsames Spiel und sitzen beisammen, aber eben weil wir einander so nah sind, unterscheiden wir nicht immer, was der andere will, ob stoßen, ob streicheln. Es geht auch wirklich in einander über. So war auch z. B. der "volle Mund" nicht eigentlich gegen Dich, sondern viel eher in Deinem Namen an jenes "Unbestimmte und Unsichtbare" gerichtet. Du siehst selbst aus Deinem Briefe, dass es eine Antwort gibt, wenn auch nur eine seinem Wesen entsprechende "unbestimmte". Etwas ist es immerhin. Ich sah Dich, nicht viel, aber ein wenig unruhig, in der Prüfungszeit hin und her fahren, fürs Lernen nicht ganz zusammengefaßt zu sein, sogar gerne einen Zug versäumen, denn ich habe den Aberglauben, dass Du nur versäumen kannst, wenn Du es stark willst - aus diesen Gründen fragte ich. Ich wollte damit zweierlei: Für den Fall, dass Du jetzt in der Prüfungs-Ausnahmezeit die äußern Schwierigkeiten übertrieben groß sehen solltest, wollte ich sie mit der Frage in das richtige ungefährliche Licht stellen. Äußere Schwierigkeiten, an denen man innerlich Schaden nimmt, darf man nicht anerkennen; da is es besser an jenen Schwierigkeiten ganz zugrundezugehn. Das meint z. B. der Vater nicht anders, wenn er eine Heirat ohne finanziellen Rückhalt für ein Unglück hält, ersieht eben im Fehlen des Rückhalts jenen schweren, innern, letzten Schaden. Wir haben dafür einen andern Blick, wenigstens jetzt. Das war das eine was ich wollte. Für den Fall aber, dass das nicht zutraf - ob es nicht irgendwie zutrifft, weiß weder ich noch Du - wollte ich durch die Frage zeigen, dass Du kein Recht zu Unruhe und Ungeduld in dieser Richtung hast, denn das "Unsichtbare" das ja Du selbst bist, wird zu seiner Reifezeit entscheiden. Du hältst, soweit meine Menschenaugen sehn, Dein Schicksal so selbstherrlich in der Hand, in einer kräftigen, gesunden, jungen Hand, wie man es sich nur irgendwie wünschen kann.

Du hast recht: "voller Mund" ist nicht gut, aber es gibt glücklicherweise keinen, soweit "voller Mund" bedeutet: etwas endgültiges endgültig zu sagen. Ich glaube Raskolnikow klagt einmal über den "vollen Mund" des Untersuchungsrichters. Du weißt, der Untersuchungsrichter liebt ihn fast, wochenlang unterhalten sie sich freundschaftlich über dies und das, plötzlich einmal aus einem Witz heraus beschuldigt der Untersuchungsrichter den Raskolnikow geradezu, beschuldigt ihn, weil er ihn eben nur "fast" liebt, sonst hätte er wahrscheinlich nur gefragt. Jetzt ist alles endgültig zuende glaubt R., aber davon ist keine Rede, im Gegenteil, es fängt erst an. Nur der Untersuchungsgegenstand, der beiden dem Richter und R. gemeinsame Untersuchungsgegenstand, das Raskolnikowsche Problem, hat für beide ein freieres, erlösenderes Licht bekommen. übrigens fälsche ich hier den Roman schon. - Aber über das alles können wir auch nach der Prüfung sprechen und besser. Jetzt antworte mir nur auf einer Karte paar Zeilen über Blattern Lernen und Gesinnung (mir gegenüber)

Franz




Datierung: Ottlas Prüfungen in Friedland fanden im März statt; in einem an David gerichteten Schreiben Ottlas vom 18. III. 1919 heißt es: "Die Prüfungen gehen ständig weiter und sind nicht schwierig."

Auf der Rückseite des Briefes findet sich folgender Text:

Vaše Blahorodí!

Bylo mi receno, že bych snad z Vašeho dvora mléko pravidélně dostati mohla. Potřebovala bych totiž 3 1. děnne a ráda litr po 2 korunách. Račte mi sděliti, zdali by Vám bylo možno toto množství mléka děnne mě pronechati za jakou cenu.


Übersetzung:

Euer Wohlgeboren!

Man sagte mir, dass ich vielleicht aus ihrem Hof regelmäßig Milch bekommen könnte. Ich würde nämlich 3 Liter täglich brauchen und gern einen Liter zu 2 Kronen. Teilen Sie mir bitte mit, ob es Ihnen möglich wäre, mich diese Menge täglich zu überlassen und zu welchem Preis. ("und gern einen Liter zu 2 Kronen" ist gestrichen, "mich" aus "mir" verbessert, vgl. auch die Anmerkungen zu Nr. 91) Wahrscheinlich formulierte Kafka hier für Frl. Stüdl ein Gesuch an einen nur tschechisch sprechenden Bauern in Schelesen.


weil wir einander so nah sind: Vgl. die Anmerkungen zu Nr. 56.


die äußeren Schwierigkeiten: neben der geplanten Ehe vor allem die schlechten Berufsaussichten: "Eine Stelle habe ich vorläufig nicht, auch nicht viel Hoffnung darauf, aber auch das wird gut ausfallen." (Ottla an David am 18. III. 1919, vgl. Nr. 68)


Raskolnikow: In F. M. Dostojewskis Roman Rodion Raskolnikoff (Schuld und Sühne) findet sich die Szene, auf die sich Kafka bezieht, im 2. Kapitel des VI. Teils. Kafka benützte die zweibändige Ausgabe, die 1908 im Piper Verlag (München und Leipzig) erschien (übersetzt von M. Feofanoff, vgl. bes. Bd. II, S. 293 f., auch Nr. 91). Der Vergleich mit dem russischen Roman lag Kafka vielleicht deswegen nahe, weil dort auch Raskolnikoffs Verhältnis zu seiner Schwester in eine schwere Krise gerät.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at