Voriger Eintrag Jahresübersicht | IndexseiteNächster Eintrag

 

Verehrter Herr Oberinspektor!

Samstag nachmittag und Sonntag lag ich mit Fieber im Bett, heute ist mir besser. Entweder habe ich mich in der letzten Woche wieder verkühlt, was ja leicht möglich ist, oder aber das Fieber kommt geradewegs von der Lunge, in welcher der vorjährige Lungenspitzenkatarrh unter dem Andrang der schweren Grippe (bis 42 Fieber) und der Lungenentzündung wieder lebendig geworden ist. Für das letztere würde das beiliegende ärztliche Zeugnis des Dr. I. Kral sprechen, das allerdings noch vor dem letzten Fieberanfall geschrieben ist.

Über meinen Lungenzustand konnte ich mich bis vor 5 Wochen nicht beklagen; mein jetziger Arzt, der von meinem alten Katarrh nichts wusste, hat in den ersten 2 Tagen meiner Grippeerkrankung trotz genauer Untersuchungen nicht einmal etwas an der Lunge gefunden; erst am dritten Tage zeigten sich unter dem Einfluss der Krankheit wieder die alten Erscheinungen. So bin ich wieder stark zurückgeworfen, habe zeitweilig kurzen schweren Atem, schwächenden Nachtschweiss usw. Trotzdem hätte ich besonders mit Rücksicht auf meinen vorjährigen Urlaub sehr gern versucht es im Dienst zu überstehn, wenn mich nicht der Arzt sehr ernstlich davor gewarnt hätte und wenn nicht die gegenwärtige Übergangszeit ein Fernbleiben dem Dienst verhältnismässig am leichtesten verzeihlich machte. Bin ich ein wenig hergestellt, werde ich kommen, ohne auf die Fristen des Doktors zu achten.

Ich bitte, verehrter Herr Oberinspektor, dies dem Herrn Regierungsrat vermitteln zu wollen. Ich hätte mich in der letzten Woche dem Herrn Regierungsrat gerne vorgestellt, doch wollte ich ihn bei seiner gegenwärtigen Überbürdung nicht noch mit meinem privaten Jammer stören. Sollte der Herr Regierungsrat hinsichtlich meines Fernbleibens irgendwelche Anforderungen an mich stellen, dann bitte ich, verehrter Herr Oberinspektor, mich freundlich sie wissen zu lassen, damit ich ihnen sofort entsprechen kann.


25 XI 18

Mit herzlichen Grüssen Ihr immer ergebener
 

Dr. F. Kafka


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at