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Max Brod an Franz Kafka

[Prag]

8.11.1917.


Lieber Franz -

Seit deinem Hiersein und jedenfalls infolge deines Einflusses (namentlich rührte es mich, wie ernst du meine tastenden Versuche, in Komotau die Welt zu bessern, nahmst) ist es in mir etwas ruhiger geworden. Wie lange es dauern wird, weiß ich nicht. Jedenfalls ist es mir nicht zu verargen, wenn ich nach solchen Qualen die Ruhe widerstandslos, ja genußsüchtig über mich ergehen lasse, ohne nach ihren tieferen Gründen zu fragen. - Mit meiner Frau lebe ich jetzt recht still und einig. Es hat mich gefreut, dass sie einen Artikel über Onkel Franz geschrieben hat, der in der nächsten "Selbstwehr" erscheint. - Und für Wut und Verzweiflung schaffe ich mir im Roman ein Ventil.

    Das sind so "kleine Hilfen". - Vielleicht sind sie teuflisch, indem sie mich von der großen Umkehr abbringen, der ich schon nahe war. - dass man den Blick nur auf das Eine richten darf, wie du sagst, das fühle ich sehr tief mit. - Nur ist da eine Schwierigkeit bei mir, die du vielleicht nicht in dir hast. Das Eine hat sich mir, seit ich lebe, stets nur im Speziellen kundgegeben, nur ein punktuelles kurzes Entrücktsein war es stets und gerade dann, wenn ich mit gewissen irdischen Dingen wie vor allem mit Liebe oder Musik oder Gemeinschaft (das sind wohl meine drei führenden Engel) innig verknüpft war. Also ich bekomme dieses Eine nicht zu fühlen, wenn ich mich in Reinheit aus der Welt herausschäle, wie du es jetzt wohl erfolgreich und bewundernswert tust, - nein, ich fühle Gott nur gerade dann, wenn ich mich in die Welt einlasse, ich fühle ihn auch dann nur gleichsam als Zufall, als vorbeihuschenden Luftzug. - Meine unruhige und skeptische Position kommt eben daher, dass ich nicht weiß, ob ich zur Umkehr im quasi luftleeren Raume (egozentrisch) fähig bin, ja ob dies überhaupt meine Bestimmung ist. - Deshalb schleppt auch meine Dichtung alle möglichen Schlacken von Naturalismen mit sich, und wenn mir einmal wie in "Esther" eine reinere Dichtung gelingt, so ist auch das vielleicht nur Vorbeihuschen Gottes, dessen volles Angesicht ich nicht ertrüge.

    Wenn ich also den Blick von der Vielheit auf das Eine wende, so sehe ich (vielleicht?) weder das Eine noch die Vielheit. Wenn ich mit dem Blick auf die Vielheit das Eine suche, so leuchtet es mir manchmal auf, doch bin ich zugleich von der Vielheit so verunreinigt, dass auch dieses Aufleuchten leicht als falscher Schein von mir selbst verdächtigt werden könnte. Es ist möglich, dass meine Liebe zu "Esther" jetzt in dieses Stadium des Verdächtigwerdens tritt. Aber das ist am Ende kein Fortschritt, nur Raub und tiefere Unsicherheit unter der Schicht eines scheinbar ruhigeren, tätigeren Lebens---?

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    Beiliegend eine Einladung für dich.

    Einige Drucksachen sende ich separat.

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    Möchtest du gestatten, dass meine Frau deine Novelle vom Affen, der Mensch wird, ("Jude" Novemberheft) in einem öffentlichen Abend des Mädchenklubs vorliest? Zugleich sollen Gedichte von Fuchs und Feigl gelesen werden. - Bitte, wie ist die Adresse von Feigl? Glaubst du, dass es sich empfiehlt, Herrn Feigl persönlich lesen zu lassen? - Wir wollen den Abend "Die neue Generation" (?) nennen und im Saal der Chewra, wo meine nationalökon. Vorträge stattfanden, abhalten.

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    Der Jüd. Elternabend in demselben Saal war ungeheuer besucht, von Kreisen, die uns bisher fern standen, soll aber einen verworrenen Eindruck hinterlassen haben. Ich war nicht da.

    Meine Abrechnung von Wolff war so schlecht (von Tycho verrechnet er nur 8000 Stück, wo doch 25 Tausend ausverkauft sind), dass ich in einem 12 Seiten langen Brief remonstriert habe. Auch bei mir verrechnet er "Erste Stunde n. d. Tode" überhaupt nicht. Die Schlamperei dort scheint maßlos zu sein und doch nur so, dass sie nirgends den Vorteil des Verlags angreift. Auch du solltest ausführlich alles ihm schreiben, was du vermissest.

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    Bitte schreibe mir genau, wie es mit deinem Husten und der Atemnot steht. Du solltest dich vielleicht wieder einmal messen. Vielleicht hast du Fieber? - Das Wetter ist so elend, dass ich immer wieder von dem Gedanken gequält bin, wir begehen eine unverzeihliche Sünde, dass wir dich nicht mit Gewalt, eventuell durch offene Aussprache mit deinen Eltern, nach dem Süden schicken. - Ich bin auch fest entschlossen, von diesem letzten Mittel Gebrauch zu machen, wenn du deinen Eigensinn nicht aufgibst. Ich werde bestimmt an einem Sonntag Anfang Dezember nach Zürau kommen und mich von deinem Befinden überzeugen. Wenn dann keine radikale Besserung vorliegt, wirst du dich doch entschließen müssen, für deine Heilung dieses Opfer der Bequemlichkeit zu bringen.

    Mit solchen Mitteln, die allgemein als entscheidend angesehen werden z.B. südliches Klima für deine Krankheit, habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass man sie im Grunde seiner Seele bagatellisiert. Man hat eben gegen alles allgemein Anerkannte ein gewisses Mißtrauen. So z. B. glaubte ich niemals, dass die Pariser Balllokale sich viel von denen anderer Großstädte unterscheiden. Ich glaubte es deshalb nicht, weil alle Welt darin übereinstimmt. Ich glaube noch heute nicht an den Wohlgeschmack von Austern. Weil sie von allen als köstlichste Delikatesse verehrt werden. Ebenso ist es mit Champagner; da bin ich aber schon wankend geworden. Und das ist es ja eben: man wehrt sich gegen den consensus omnium und kommt dann darauf, dass er in so vielen Dingen z. B. Pariser Ballokale (namentlich in praktischen, die nichts mit Metaphysik zu tun haben) das Richtige trifft. Jahrhundertealte Erfahrung ist doch nicht so einfach zu übersehen. - In dem am meisten gekauften Bande N 1 der Schubert-Lieder stehen wirklich seine schönsten Lieder und Shakespeare ist wirklich bedeutender als der vergessene Marlowe.

    So ist es auch mit dem südlichen Klima. Im Grunde glaubst du (und ich genau so), dass es nicht ausschlaggebend ist, -weil eben alle Lungenkranken "angeblich" im Süden geheilt werden. Gegen diese innere Stimme wirst du nach dem Süden fahren und schon am ersten Tage eine solche Erleichterung verspüren, dass du es nicht begreifen wirst, warum du dich gegen dieses allgemein anerkannte Mittel so lange gesträubt hast.

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    Vielen Dank an Fräulein Ottla für Brot und Butter. Doch ich schließe an diesen Dank eine Bitte, die ihr beide nicht mißverstehen sollt. Wenn ihr uns nächstens etwas so Gutes versorgt, so teilt uns, bitte, gleichzeitig mit, was es euch kostet. Auch auf diese Art macht ihr uns einen großen Gefallen, denn so gute Butter ist ja in Prag überhaupt nicht aufzutreiben, und für eure Mühe und das Brot, das wir dann als Dreingabe nehmen, bleiben wir ohnedies in eurer Schuld. - Geschenke annehmen hat jedoch etwas Beschämendes, wenn es so zur Regel wird. Genaue Gründe weiß ich dafür nicht anzugeben, aber das Gefühl ist unbestreitbar in mir da und ich habe mich entschlossen, von nun an dem Gefühl unanalysiert zu gehorchen. Bitte, respektiert das als gute Freunde, so wie ich eure argumentlosen Gefühle, falls sie nicht direkt auf die Tötung des armen Franz abzielen, stets respektieren werde. Herzlichste Grüße!

Max         



Quelle: Franz Kafka ; Max Brod: Eine Freundschaft (II). Briefwechsel. Hrsg. von Malcolm Pasley. Frankfurt am Main 1989.


Artikel über Onkel Franz: "Onkel Franz" war das Pseudonym des Jugendschriftstellers Franz Robert Hannessen, dessen "Onkel Franz: Illustrierte Jugend-Zeitung" ab Anfang 1917 als Wochenbeilage zum Prager Tagblatt erschien. Der mit "Elsa B." unterzeichnete Artikel "Onkel Franz und unsere Jugend" erschien in der Selbstwehr (Jg. XI, Nr. 44) am 9. November 1917. Siehe Anm. 75 unten.


deine Novelle: "Ein Bericht für eine Akademie".


des Mädchenklubs: Der zionistische "Klub jüdischer Frauen und Mädchen in Prag", zu deren führenden Mitgliedern - neben Nelly Thieberger und Lise Weltsch - Elsa Brod gehörte. Die Lesung hat am 19. Dezember 1917 stattgefunden (siehe FB 127f.).


Fuchs: Rudolf Fuchs. Siehe Anm. 9 oben.


Feigl: Ernst Feigl, Bruder des Malers Friedrich Feigl, der Kafka gezeichnet hat ("Franz Kafka liest den "Kübelreiter"", abgebildet in J. P. Hodin, Kafka und Goethe, London/Hamburg: Odysseus 1968, S.9). Einige Gedichte Ernst Feigls hatte Kafka 1916 dem Kurt Wolff Verlag zur Veröffentlichung empfohlen (Br 151).


Saal der Chewra . . . Elternabend: Am 6. November 1917 fand (im Saal der Chewra Kadischa in der Josefstädtergasse) der erste der in Prag veranstalteten "jüdischen Elternabende" statt, wobei Oskar Epstein über "Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben" sprach. "Dem Ernst der Stunde entsprechend" - so heißt es in der Selbstwehr vom 2. Novernber - "hofft der Ausschuß [zur Veranstaltung jüdischer Elternabende], dass alle ernsten Eltern und Lehrer erscheinen werden." Aus solchen Bestrebungen ist schließlich die Prager Jüdische Schule (mit tschechischer Unterrichtssprache) hervorgegangen, die am 6. September 1920 mit ihrer ersten Klasse eröffnet wurde (vgl. 1922 Anm.37).


"Erste Stunde n. d. Tode": Max Brod, Die erste Stunde nach dem Tode. Eine Gespenstergeschichte, Leipzig: Kurt Wolff 1916 (Umschlag: 1917).


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at