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[Tagebuch, 13. März 1915; Samstag]

13. (März 1915) Ein Abend: Um 6 Uhr auf das Kanapee gelegt. Etwa bis 8 Uhr geschlafen. Unfähig gewesen aufzustehn, auf einen Uhrenschlag gewartet und im Dusel alles überhört. Um 9 Uhr aufgestanden. Nicht mehr nachhause zum Nachtmahl gegangen, auch nicht zu Max, wo heute ein gemeinsamer Abend war. Gründe: die vielen Sperrsechser, Appetitlosigkeit, Angst vor der Rückkehr spät am Abend, vor allem aber der Gedanke daran, dass ich gestern nichts geschrieben habe, mich immer mehr davon entferne und in Gefahr bin, alles im letzten 1/2 Jahr mühselig erworbene zu verlieren. Den Beweis dafür geliefert, indem ich 1 1/2 elende Seiten einer neuen und schon endgiltig verworfenen Geschichte schrieb und dann in einer gewiß vom Zustand des lustlosen Magens mitverschuldeten Verzweiflung Herzen las, um mich irgendwie von ihm weiterführen zu lassen. Glück seines ersten Ehejahres, Entsetzen mich in ein solches Glück gestellt zu sehn, das große Leben in seinen Kreisen, Belinski, Bakunin tagelang im Pelz auf dem Bett.

Manchmal das Gefühl fast zerreißenden Unglücklichseins und gleichzeitig die Überzeugung der Notwendigkeit dessen und eines durch jedes Anziehen des Unglücks erarbeiteten Zieles, (jetzt beeinflußt durch die Erinnerung an Herzen, geschieht mir aber auch sonst)

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at