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[Tagebuch, 24. Januar 1915; Sonntag]

24 (Januar 1915) Mit F. in Bodenbach. Ich glaube es ist unmöglich dass wir uns jemals vereinigen, wage es aber weder ihr noch im entscheidenden Augenblick mir zu sagen. So habe ich sie wieder vertröstet, unsinniger Weise, denn jeder Tag macht mich älter und verknöcherter. Es kommen die alten Kopfschmerzen zurück wenn ich es zu fassen versuche, dass sie gleichzeitig leidet und gleichzeitig ruhig und fröhlich ist. Durch viel Schreiben dürfen wir einander nicht wieder quälen, am besten diese Zusammenkunft als etwas Vereinzeltes übergehn; oder glaube ich vielleicht daran, dass ich mich hier frei machen, vom Schreiben leben, ins Ausland oder sonstwohin fahren und dort mit F. heimlich leben werde. Wir haben uns ja auch sonst ganz unverändert gefunden. Jeder sagt es sich im Stillen, dass der andere unerschütterlich und erbarmungslos ist. Ich lasse nichts nach von meiner Forderung nach einem phantastischen nur für meine Arbeit berechnetem Leben, sie will stumpf gegen alle stummen Bitten das Mittelmaß, die behagliche Wohnung, Interesse für die Fabrik, reichliches Essen, Schlaf von 11 Uhr abends an, geheiztes Zimmer, stellt meine Uhr, die seit einem 1/4 Jahr um 1 1/2 Stunden vorausgeht, auf die wirkliche Minute ein. Und sie behält Recht und würde weiterhin Recht behalten, sie hat Recht, wenn sie mich zurechtweist als ich dem Kellner sage: Bringen Sie die Zeitung, bis sie ausgelesen ist und ich kann nichts richtigstellen, als sie von der "persönlichen Note" (es läßt sich nicht anders als knarrend aussprechen) der erwünschten Wohnungseinrichtung spricht. Sie nennt meine zwei ältern Schwestern "flach", nach der jüngsten fragt sie gar nicht, für meine Arbeit hat sie fast keine Frage und keinen sichtbaren Sinn. Das ist die eine Seite.

Ich aber bin unfahig und öde wie immer und sollte eigentlich keine Zeit haben um über etwas anderes nachzudenken, als über die Frage, wieso es kommt, dass jemand auch nur Lust hat, mit dem kleinen Finger nach mir zu tasten. Kurz hintereinander habe ich 3erlei Menschen mit diesem kalten Atem angeblasen. Die Hellerauer, die Familie Riedl in Bodenbach und F. F. sagte: "Wie brav wir hier beisammen sind." Ich schwieg, als hätte während dieses Ausrufes mein Gehör ausgesetzt. Zwei Stunden waren wir allein im Zimmer. Um mich herum nur Langeweile und Trostlosigkeit. Wir haben mit einander noch keinen einzigen guten Augenblick gehabt, während dessen ich frei geatmet hätte. Das Süße des Verhältnisses zu einer geliebten Frau wie in Zuckmantel und Riva hatte ich F. gegenüber außer in Briefen nie, nur grenzenlose Bewunderung, Unterthänigkeit, Mitleid, Verzweiflung und Selbstverachtung. Ich habe ihr auch vorgelesen, widerlich giengen die Sätze durcheinander, keine Verbindung mit der Zuhörerin, die mit geschlossenen Augen auf dem Kanapee lag und es stumm aufnahm. Eine laue Bitte ein Manuscript mitnehmen und abschreiben zu dürfen. Bei der Türhütergeschichte größere Aufmerksamkeit und gute Beobachtung. Mir gieng die Bedeutung der Geschichte erst auf, auch sie erfaßte sie richtig, dann allerdings fuhren wir mit groben Bemerkungen in sie hinein, ich machte den Anfang.

Die für andere Menschen gewiß unglaublichen Schwierigkeiten, die ich beim Reden habe, haben darin ihren Grund, dass mein Denken oder besser mein Bewußtseinsinhalt ganz nebelhaft ist, dass ich darin soweit es nur auf mich ankommt, ungestört und manchmal selbstzufrieden ruhe, dass aber ein menschliches Gespräch Zuspitzung, Festigung und dauernden Zusammenhang braucht, Dinge, die es in mir nicht gibt. In Nebelwolken wird niemand mit mir liegen wollen und selbst wenn er das wollte, so kann ich den Nebel nicht aus der Stirn hervortreiben, zwischen zwei Menschen zergeht er und ist nichts.

F. macht den großen Umweg nach Bodenbach, hat die Mühe sich den Paß zu beschaffen, muß mich nach einer durchwachten Nacht erdulden, gar noch eine Vorlesung anhören und alles sinnlos. Ob sie es als solches Leid fühlt, wie ich. Gewiß nicht, selbst gleiche Empfindlichkeit vorausgesetzt. Sie hat doch kein Schuldgefühl.

Meine Feststellung war richtig und wurde als richtig anerkannt: Jeder liebt den andern, so wie dieser andere ist. Aber so wie er ist, glaubt er mit ihm nicht leben zu können.

Diese Gruppe: Dr. Weiß sucht mich zu überzeugen, dass F. hassenswert ist, F. sucht.mich zu überzeugen, dass W. hassenswert ist. Ich glaube beiden und liebe beide oder strebe danach.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at