Voriger Eintrag Jahresübersicht | IndexseiteNächster Eintrag

[Tagebuch, 17. Januar 1915; Sonntag]

17. I 15 Gestern zum erstenmal in der Fabrik Briefe diktiert. Wertlose Arbeit (1 Stunde) aber nicht ohne Befriedigung. Schrecklicher Nachmittag vorher. Kopfschmerzen immerfort, so dass ich die Hand ununterbrochen zur Beruhigung am Kopf halten mußte (Zustand im Cafe Arco) und Herzschmerzen zuhause auf dem Kanapee.

Ottlas Brief an Erna gelesen: Als hätte es mein Affe geschrieben. Ich habe sie wirklich unterdrückt undzwar rücksichtslos aus Nachlässigkeit und aus Unfähigkeit. Darin hat F. recht. Glücklicherweise ist O. so kräftig, dass sie sich allein in einer fremden Stadt sofort von mir erholen würde. Wieviele ihrer Fähigkeiten zum Verkehr mit Menschen sind durch meine Schuld unausgenützt. Sie schreibt sie habe sich in Berlin unglücklich gefühlt. Unwahr!

Eingesehn, dass ich die Zeit seit August durchaus nicht genügend ausgenützt habe. Die fortwährenden Versuche durch viel Schlaf am Nachmittag die Fortsetzung der Arbeit bis tief in die Nacht zu ermöglichen, waren sinnlos, denn ich konnte doch schon nach den ersten 14 Tagen sehn, dass es mir meine Nerven nicht erlauben nach 1 Uhr schlafen zu gehn, denn dann schlafe ich überhaupt nicht mehr ein, der nächste Tag ist unerträglich und ich zerstöre mich. Ich bin also nachmittag zulange gelegen, habe in der Nacht aber selten über 1 Uhr gearbeitet, immer aber frühestens gegen 11 Uhr angefangen. Das war falsch. Ich muß um 8 oder 9 Uhr anfangen, die Nacht ist gewiß die beste Zeit (Urlaub!) aber sie ist mir unzugänglich.

Samstag werde ich F. sehn. Wenn sie mich liebt, verdiene ich es nicht. Ich glaube heute einzusehn, wie eng meine Grenzen sind, in allem und infolgedessen auch im Schreiben. Wenn man seine Grenzen sehr intensiv erkennt, muß man zersprengt werden. Es ist wohl Ottlas Brief, der mir das zu Bewußtsein gebracht hat. Ich war sehr selbstzufrieden in der letzten Zeit und hatte viele Einwände zu meiner Verteidigung und Selbstbehauptung gegen F. Schade dass ich keine Zeit hatte sie aufzuschreiben, heute könnte ich es nicht.

Strindberg "Schwarze Fahnen". Über Einfluß aus der Ferne: Du hast sicher gefühlt, wie andere Dein Benehmen mißbilligt haben, ohne dass sie diese Mißbilligung äußerten. Du hast ein stilles Behagen an der Einsamkeit empfunden ohne Dir klar gemacht zu haben warum; jemand in der Ferne hat gut von Dir gedacht, gut über Dich gesprochen

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at