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An Felice Bauer
Ich werde klagen F., klagen bis mir leichter wird. Du wirst aber nicht
lachen? Meiner Arbeit ging es verhältnismäßig gut bis einige
Tage vor Bodenbach, da mußte der Bruder des Schwagers einrükken,
die Fabrik, das Jammerbild einer Fabrik, fiel an mich. Die Quälereien,
die sie mir schon lange vorher, seit ihrem Bestand fast, bereitet hat (sinnlos,
denn sie hat wahrhaftig keinen Vorteil davon), sind nicht zu Ende zu erzählen.
Jetzt aber mußte ich wirklich heran und jeden Tag hingehn, an Arbeit
war nicht mehr zu denken trotz Einsetzens der letzten Willenskraft. Die
Fabrik stand ja still, aber immerhin ist ein Lager da, Gläubiger und
Kunden müssen vertröstet werden u.s.w., ich mußte die Arbeit,
die ich gerade in der letzten Zeit besonders festgehalten hatte, aus der
Hand lassen. Aber die Sache besserte sich bald, wenigstens vorläufig,
der Bruder des Schwagers dient jetzt in Prag, kann also für 1-2 Stunden
nach der Fabrik sehn, für mich war das sofort ein Zeichen zurück[zu]treten.
Wieder saß ich in der stillen Wohnung und suchte mich von neuem einzugraben.
Es ist für mich sehr schwer, mich nach einer Pause wieder zurückzufinden,
es ist, als sei die mit vieler Plage aufgesprengte Tür wieder unbeobachtet
ins Schloß gefallen, darin liegt gewiß ein Verdachtsgrund gegen
meine Fähigkeiten. Immerhin gelang es mir endlich wieder hineinzukommen,
ich war wie verwandelt. Warum geschieht es nicht einmal, dass ich
dort statt der bezwungenen Arbeit Dich finde. Das Glück dauerte nur
zwei Tage, denn ich mußte übersiedeln. Was das Wohnungssuchen
bedeutet, wissen wir beide. Was für Zimmer habe ich jetzt wieder gesehn!
Man maß glauben, dass sich die Leute unwissend oder mutwillig
im Schmutz begraben. Wenigstens ist es hier so, sie fassen Schmutz, ich
meine überladene Kredenzen, Teppiche vor dem Fenster, Photographieaufbaue
auf den mißbrauchten Schreibtischen, Wäscheanhäufungen
in den Betten, Kaffeehauspalmen in den Winkeln, alles dieses fassen sie
als Luxus auf. Aber mir liegt ja an allem nichts. Ich will nur Ruhe, aber
eine Ruhe, für welche den Leuten der Begriff fehlt. Sehr verständlich,
kein Mensch braucht im gewöhnlichen Haushalt die Ruhe, die ich brauche;
zum Lesen, zum Lernen, zum Schlafen, zu nichts braucht man die Ruhe, die
ich zum Schreiben brauche. Seit gestern bin ich in meinem
neuen Zimmer und habe gestern abend Verzweiflungsanfälle gehabt,
dass ich glaubte, die Notwendigkeit aus dem Zimmer und aus der Welt
hinauszukommen sei für mich die gleiche. Und dabei geschah nichts
besonderes, alle sind rücksichtsvoll, meine Wirtin verflüchtigt
sich zurrt Schatten mir zuliebe, der junge Mensch, der neben mir wohnt,
kommt abend müde aus dem Geschäft, macht paar Schritte und liegt
schon im Bett. Und trotzdem, die Wohnung ist eben klein, man hört
die Türen gehn; die Wirtin schweigt den ganzen Tag, paar Worte maß
sie mit dem andern Mieter vor dem Schlafengeln noch flüstern; sie
hört man kaum, den Mieter doch ein wenig: die Wände sind eben
entsetzlich dünn; die Schlaguhr in meinem Zimmer habe ich zum Leidwesen
der Wirtin eingestellt, es war mein erster Weg, als ich eintrat, aber die
Schlagohr im Nebenzimmer schlägt dafür desto lauter, die Minuten
suche ich zu überhören, aber die halben Ständen sind überlaut
angezeigt, wenn auch melodisch; ich kann nicht den Tyrannen spielen und
die Einstellung auch dieser Uhr verlangen. Es würde auch nichts helfen,
ein wenig flüstern wird man immer, die Türglocke wird läuten,
gestern hat der Mieter zweimal gehustet, heute schon öfter, sein Husten
tut mir mehr weh als ihm [*]. Ich kann keinem böse
sein, die Wirtin hat sich früh wegen des Flüsterns entschuldigt,
es sei nur ausnahmsweise gewesen, weil der Mieter (meinetwegen) das Zimmer
gewechselt hat und sie ihn in das neue Zimmer einführen wollte, auch
werde sie vor die Tür einen schweren Vorhing hängen. Sehr lieb,
aber aller Voraussicht nach werde ich Montag kündigen. Allerdings,
ich bin so verwöhnt durch die stille Wohnung, aber anders kann ich
nicht leben. Lache nicht, F., finde mein Leiden nicht verächtlich,
gewiß, so viele leiden jetzt, und was ihr Leiden verursacht, ist
mehr als ein Flüstern im Nebenzimmer, aber gerade im besten Fall kämpfen
sie für ihre Existenz oder richtiger für die Beziehungen, die
ihre Existenz zur Gemeinschaft hat, nicht anders ich, nicht anders ein
jeder. Begleite mich mit guten Wünschen auf der Wohnungssuche.
Auf Deinen Brief antworte ich noch. Wann verreist Du wieder? Letzthirt
stand in einem Feuilleton ein Abschnitt über die Umwandlung einer
Grammophonfabrik in eine Konservenfabrik, es war zweifellos Euere Fabrik
beschrieben, es hat mich sehr gefreut, das zu lesen. Das ist doch eine
Fabrik, zu der ich herzlichere Beziehungen habe als zu der meinen. Herzliche
und gute Grüße
Franz
Wie hat Dir Werfel gefallen?
meinem neuen Zimmer: Kafkas erstes eigenes Zimmer
in der Bilekgasse, in dem selben Hause, in dem die Wohnung seiner Schwester
Valli Pollak war. Vgl. Tagebücher (10. Februar 1915), S. 453.
[*]: Vgl. zu dieser Beschreibung die Situation
des Erzählers in dem Stück "Der Nachbar", Beschreibung
eines Kampfes, S. 131 ff. Nach der Datierung von Pasley und Wagenbach
ist dieses Stück Mai/Juni 1917 entstanden. Vgl. Kafka-Symposion,
S. 82.
Letzte Änderung: 17.4.2009 werner.haas@univie.ac.at