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An Grete Bloch

5.II.14

Liebes Fräulein!

Ich rechne: Sonntag habe ich den Brief an Sie eingeworfen, spätestens Dienstag früh (Montag war Feiertag) hatten Sie ihn, heute ist Donnerstag. An und für sich hätte ich-von Recht ist hier gar nicht zu reden-nicht die geringste Möglichkeit, Sie zu malmen. Und ich täte es auch nicht, wenn ich bestimmt wußte, dass Sie aus irgendeinem beliebigen Grund bisher nicht geschrieben haben und nächstens einmal gewiß schreiben werden. Aber diese Sicherheit habe ich eben nicht, meine Lage ist von allem, was Sicherheit heißt, möglichst weit entfernt, und deshalb maß ich doch zwei Möglichkeiten eines Nichtschreibens gleich jetzt in Betracht ziehe, die mir um so näher liegen, als Sie mich ja sonst durch das schnellste Antworten verwöhnt haben. Die zwei Möglichkeiten sind: Entweder habe ich Sie irgendwie gekränkt oder Sie haben schlechte Nachrichten für mich. Beides ist nur allzu leicht möglich, ich bin so zerstreut und unsicher, dass ich wirklich irgendwie die lächerlichste Dummheit gemacht und Sie gekränkt haben kann, und dass schlechte Nachrichten für mich gekommen sind, ist womöglich noch wahrscheinlicher. Aber weder im ersten noch im zweiten liegt ein Grund, mir nicht zu schreiben. Im Gegenteil: Was ich auch Kränkendes geschrieben haben kann, es war nur äußerlicher und deshalb leicht verzeihlicher Fehler; Sie müssen das einsehen, wenn Sie meinen letzten Brief noch einmal lesen; und sehn Sie es nicht ein, so schreiben Sie mir es doch und es wird sich ganz einfach aufklären. Was aber die schlimmen Nachrichten betrifft, so wissen Sie doch, dass ich schon so lange auf Nachrichten überhaupt gewartet habe, dass selbst die schlimmsten noch eine Art guter Bedeutung für mich haben.

Sie sind also so gut und schreiben mir wieder, nicht wahr?


Ihr F. Kafka


Eine Frage; die ich schon lange stellen wollte: Wird die Bureauartikelausstellung in Prag sein und werden Sie kommen?


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at