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An Felice Bauer

20.IV.I3
 


Allzulange im Bett gelegen mit den verdrießlichsten Gedanken 'und einer unüberwindlichen Abscheu vor jeder doch so unentbehrlichen Vorbereitung für meine Russiger Verhandlung am Dienstag. Ich weiß nicht, ob Du meinen letzten Brief, in dem ich Dir von Russig schreibe, schon bekommen hast. Wir treffen uns also am Dienstag auf keine Weise, aber das macht nichts, wenn Du nur, Felice, schon aus diesem schrecklichen Frankfurt weg bist. Es hielt Dich von mir ab und mir schien es, als wehrtest Du Dich nicht genug und dann schien es mir wieder, als wehrtest Du Dich zu sehr. Jetzt bist Du wohl schon auf der Reise nach Berlin, es ist 6½ Uhr. Ein Telegramm zu schicken, weißt Du, ist doch so nahehegend, aber immer und ausnahmslos bleibt es eine prachtvolle Idee. Man streckt die Hand aus dem Bett und bekommt das Papier zu lesen und wird für ein Weilchen aus dem ekelhaften Kreis seiner Gedanken mit höherer Gewalt fortgetragen. Könnte ich schreiben, Felice! Das Verlangen danach brennt mich aus. Hätte ich genug Freiheit und Gesundheit vor allem dazu. Ich glaube, Du hast es nicht genug begriffen, dass Schreiben meine einzige innere Daseinsmöglichkeit ist. Es ist kein Wunder, ich drücke es immer falsch aus, erst zwischen den innern Gestalten werde ich wach, darüber aber, über mein Verhalten nämlich, kann ich nicht überzeugend schreiben und nicht reden. Das ist auch nicht nötig, wenn ich nur alles andere hätte.

Und nun sind auch noch 3 Wochen bis Pfingsten, wer kann lustig sein? Es wird alles gut werden, sagst Du. Nun ich passe auf, daran soll es nicht fehlen.

Franz


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at