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An Felice Bauer

vom 11. zum 12. II. 13
 


Du Liebste, es ist schon wieder spät geworden; ohne etwas fertigzubringen wache ich aus alter Gewohnheit, als ob ich auf den ausbleibenden Himmelsregen warte.

Kaum hast Du unsere Zusammenkunft in Berlin beschrieben, habe ich schon von ihr geträumt. Vielerlei, aber ich weiß kaum mehr etwas Deutliches darüber zu sagen, nur das allgemeine Gefühl einer Mischung von Trauer und Glück habe ich noch von jenem Traum in mir. Wir gingen auch auf der Gasse spazieren, die Gegend ähnelte merkwürdig dem Altstädter Ring in Prag, es war nach 6 Uhr abends (möglicherweise war dies die wirkliche Zeit des Traumes), wir gingen zwar nicht eingehängt, aber wir waren einander noch näher, als wenn man eingehängt ist. Ach Gott, es ist schwer, auf dem Papier die Erfindung zu beschreiben, die ich gemacht hatte, um nicht eingehängt, nicht auffällig und doch ganz nahe bei Dir zu gehn; damals, als wir über den Graben gingen, hätte ich es Dir zeigen können, nur dachten wir damals nicht daran. Du eiltest geradeaus ins Hotel, und ich stolperte zwei Schritte von Dir entfernt auf dem Trottoirrand vorwärts. Wie soll ich es also nur beschreiben, wie wir im Traum gegangen sind! Während beim bloßen Einhängen sich die Arme nur an zwei Stellen berühren und jeder einzelne seine Selbständigkeit behält, berührten sich unsere Schultern und die Arme lagen der ganzen Länge nach aneinander. Aber warte, ich zeichne es auf.

Eingehängtsein ist so: Wir aber gingen so


Wie gefällt Dir mein Zeichnen? Du, ich war einmal ein großer Zeichner, nur habe ich dann bei einer schlechten Malerin schulmäßiges Zeichnen zu lernen angefangen und mein ganzes Talent verdorben. Denk nur! Aber warte, ich werde Dir nächstens paar alte Zeichnungen schicken, damit Du etwas zum Lachen hast. Jene Zeichnungen haben mich zu seiner Zeit, es ist schon Jahre her, mehr befriedigt als irgendetwas.

Liebste, hast Du denn zu meiner geschäftlichen Tüchtigkeit gar kein Vertrauen? Versprichst Du Dir für den Parlographen gar keinen Nutzen von mir? Was ich Dir auch darüber schon geschrieben habe, auf nichts hast Du mir eigentlich noch geantwortet. Siehst Du denn nicht, wie Du mich dadurch beschämst? Es ist fast so, als ob Du mich aus Deinem Bureau, kaum dass Du mir dort einen Platz angewiesen hast, wieder hinauswerfen würdest. Dieser Pick schreibt mir heute schon wieder. Ich lege seinen Brief bei, damit Du siehst, wie er mich drängt und wie Du mich hierin im Stich läßt. Und wenn auch alles, was ich bis jetzt darüber gesagt habe, ein Spaß ist (auf dem Papier sieht es wirklich fast wie Ernst aus), so muß ich doch dem Pick etwas antworten können. Vielleicht hofft er, viel Geld zu verdienen, wird sich wirklich anstrengen und schließlich doch paar Verkäufe zustandebringen. Also auf, Liebste! Ans Geschäft! Was Dich auch zu mir treibt, ich habe den Nutzen, denn ich umfasse Dich.

Franz


[beigelegt]

Brief Otto Pick 10.II.1913


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at