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An Felice Bauer

vom 24. zum 25.1.13
 


So erzürnt habe ich Dich doch noch gar nicht gesehn, wie über diese Tante Klara. Wie schön Du bist! Wie ich Dich lieb habe! Die Tante Klara ist freilich ein sonderbares Frauenzimmer, und es muß ihr, da sie auf solche Gedankengänge eingeübt ist, wohl schwer fallen, ihre Tochter bei einem Provinztheater zu lassen. Deine Kousine kenne ich nicht, ich war nämlich bei Sophies Hochzeit nicht, nicht vielleicht, weil ich keine Zeit gehabt hätte (keine Zeit hatte ich damals nur in dem Augenblick, wenn irgendeine Anforderung an mich gestellt wurde, sonst wußte ich mir aber vor Unglück und Zeitüberfluß gar nicht zu helfen), sondern nur aus dem einfachen Grunde, weil ich mich vor den fremden Leuten fürchtete. Ich stand aber beim Eingang des Tempels und erfuhr später, dass das Mädchen, mit dem Otto Brod ging, und von dem ich nichts anderes in Erinnerung habe, als dass sie einen auffallenden, nicht schönen, oben in einer Mulde mit weißen Blumen vollgestopften Hut hatte und in stolzer Haltung ging, die Schauspielerin gewesen wäre. Schade, dass ich nicht bei jener Hochzeit war! Ich hätte vielleicht mit Deinem Bruder gesprochen, und gewiß wäre selbst während des unbedeutendsten Gespräches irgendetwas geschehn, an das ich mich heute erinnern würde, und das als Vorhersage der Bedeutung angesehen werden könnte, die Du, die unbekannte Schwester, für mich bekommen hast. Zeichen geschehen ja immerfort, alles ist von Zeichen angefüllt, aber wir bemerken sie nur, wenn wir darauf gestoßen werden.

Du verteidigst Dein Essen gut, (als ich den Brief früh zum erstenmal las, bekam ich Lust, in Deine so schön belegten Brödchen hineinzubeißen, und sie Dir wegzuessen und dazu womöglich leichten Tee mit Citrone zu trinken, mit dem ich mich in frühere Zeiten so gern durchsäuerte) aber mich, Liebste, erweichst Du nicht. Wenn ich Dir nämlich schon aus übergroßer Liebe, und weil mir solches Reformieren weder schön noch gut noch nützlich scheint, Wurst, Aufschnitt und solche Dinge gern erlaube, das viele Teetrinken gefällt mir, besonders in seiner Regelmäßigkeit, doch nicht. Und Du verteidigst es auch so, wie alle Leute das Gift, an das sie gewöhnt sind: Du sagst, der Tee wäre gar nicht so stark, ebenso wie Du vielleicht Deiner Mutter, wenn sie bei Übergabe dieses Briefes unsere Korrespondenz Deinen Ruin nennt, antworten würdest, dass Du sie leicht erträgst. Täuschst Du Dich aber nicht über den Tee? (von der Korrespondenz rede ich nicht, denn dieses Gift, wenn es ein solches sein sollte, muß ich Dir einflößen, da kann ich mir nicht helfen.) Trinke ihn vielleicht etwas seltener. Aber dann höre ich allerdings schon Deine Mutter fragen: "Was ist das schon wieder für eine Neuigkeit?" und wage nicht mehr zu raten. Schönen Sonntag! Und ein wenig Ruhe!

Franz


Nun habe ich den Brief beendet, es ist auch schon genug spät, aber ich muß doch einiges sagen

Vor allem ein Vorwurf, dass Du die Bestellung für Deine Schwester mir nicht anvertraut hast. Ganz stolz fing ich die betreffende Briefstelle zu lesen an und wurde immer kleiner, je weiter ich las, bis ich dann im folgenden Brief erfahren mußte, dass ich gar keine Aussicht habe, und dass die Bestellung schon ausgeführt ist. Geh, wie konntest Du mich so beschämen. Weißt Du nicht, dass der Gedanke, etwas für Dich tun zu können, mich geradezu scharfsinnig machen kann, und ich die Absendung rasch und tadellos ausgeführt hätte? Die Freude, Dir einen Gefallen zu machen, hätte alle Mühe hundertmal überstiegen.

Das Bild der Kleinen würde ich natürlich sehr gerne sehn, ich muß doch auch wissen, mit wem ich in dem Medaillon zusammenwohne, und was das für ein Menschlein ist, das ein solches Anrecht auf Deine Küsse hat.

Die Post hat sich wieder mit mir einen Spaß gemacht. Dein Mittwochbrief, den Du beim Zahnarzt schriebst, kam erst Donnerstag nachmittag ins Bureau, ich bekam ihn erst, fluchend und glücklich, am Freitag morgen.

Noch etwas vor dem Abschied: Führst Du eigentlich ein Tagebuch? Unnütze Frage, Du hast ja jetzt keine Zeit. Aber hast Du eins geführt? Wie lange? Einmal erwähntest Du eine Eintragung, als Du von der großen Liebe erzähltest, die Du als 15 jährige hattest. Später kam aber die Rede nicht mehr darauf.

Nun aber wirklich gute Nacht. Der Briefverkehr wäre ganz hübsch, hätte man nur nicht am Ende eines Briefes, ebenso wie am Ende einer Unterredung, das natürliche Bedürfnis, dem andern ordentlich in die Augen zu sehn.

Denke nur, jetzt muß ich gar noch einen Brief an einen Bekannten schreiben. Den will ich aber so hinludern, dass ihn keines Menschen Auge lesen kann.

Allerneuester Enschluß: Ich schreibe den Brief überhaupt nicht und gehe schlafen.

Franz


Du schickst mir so wenig Zeitungsausschnitte, und ich schicke Dir da wieder einen so schönen. Du hast doch nicht am Ende den Zeitungsausschnitt über die Seligsprechung der 22 Negerjünglinge von Uganda verloren?




Seligsprechung : Vgl. Kafkas Brief vom 24. November 1912 mit der beigelegten Zeitungsnotiz "Seligsprechung der Märtyrer von Uganda".


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at