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An Felice Bauer

vom 10. zum 11.1. 13 [vermutlich vom 9. zum 10.Januar 1913]
 


Meute Liebste, heute nur paar Worte, es ist spät, ich bin müde, war nachmittag gestört und werde es wohl weiterhin paar Tage sein. Das Schreiben, das ich von keiner Störung angegriffen wissen will (es leidet ja von innern Störungen übergenug) werde ich ein Woche, vielleicht noch länger lassen, die einzige Entschädigung wird längeres Schlafen sein, genügen wird sie mir nicht, aber was ich heute schreibe gilt überhaupt nicht, denn ich gehöre jetzt urbedingt ins Bett, außerdem aber gehöre ich unbedingt auch zu Dir, und so schwanke ich zwischen Euch beiden.

Die arme Liebste schreibt Offertbriefe! Bekomme ich auch einen, trotzdem ich kein Käufer bin, trotzdem ich mich vielmehr grundsätzlich vor Parlographen fürchte. Eine Maschine mit ihrer stillen, ernsten Anforderung scheint mir auf die Arbeitskraft einen viel stärkern, grausamern Zwang auszuüben als ein Mensch. Wie geringfügig, leicht zu beherrschen, wegzuschicken, niederzuschreien, auszuschimpfen, zu befragen, anzustaunen ist ein lebendiger Schreibmaschinist, der Diktierende ist der Herr, aber vor dem Parlographen ist er entwürdigt und ein Fabriksarbeiter, der mit seinem Gehirn eine schnurrende Maschine bedienen muß. Wie werden dem armen, von Natur aus langsam arbeitenden Verstand die Gedanken in einer langen Schnur abgezwungen! Sei froh, Liebste, dass Du auf diesen Einwand in Deinem Offertbrief nicht antworten mußt, er ist unwiderlegbar; dass der Gang der Maschine leicht zu regulieren ist, dass man sie wegstellen kann, wenn man keine Lust zu diktieren hat u.s.w., das sind keine Widerlegungen jenes Einwands, denn zum Charakter des Menschen, der jenen Einwand macht, gehört es ja, dass ihm das alles nicht helfen kann. An Deinem Prospekt ist mir auf [gefallen], dass er so schön stolz gehalten ist, nirgends wird gebettelt wie man das wenigstens in derartigen Prospekten österreich. Fabriken tut, und es findet sich eigentlich auch kein übermäßiges Lob. Es ist kein Spaß, dass es mich natürlich weder durch seinen Wortlaut noch durch seinen Gegenstand, noch durch sein[en] Stil an Strindberg erinnert hat, den ich fast gar nicht kenne und seit jeher in einer ganz bestimmten Weise liebe; sonderbar, dass ich Dich mit meinen ersten Briefen gerade unter dem Eindruck des Totentanzes und der Gotischen Zimmer angetroffen habe. Warte, nächstens muß ich Dir einmal etwas über die Erinnerungen an Strindberg schreiben, die letzthin in der Neuen Rundschau erschienen sind und mich an einem Sonntag vormittag unter ihrem Eindruck ganz verrückt in meinem Zimmer haben herum laufenlassen.

Morgen oder übermorgen bekommst Du den Kalender und Flaubert. Der Kalender, den ich erst jetzt bekommen habe, ist leider bei weitem nicht so schön, als ich mir ihn gedacht habe, und wollte ich nun jeden Tag ein Blatt abreißen, zusammenlegen und Dir schicken, wäre es gar nichts Rechtes mehr. Da nun aber der Kalender einmal da ist und ich etwas, was für Dich bestimmt war, niemandem andern geben und niemanden andern sehen lassen will, schicke ich Dir ihn doch. Häng ihn in einen Winkel! Die ausgleichende Schönheit zu seiner Häßlichkeit bildet der Flaubert, den ich eigentlich (unnötige Beteuerung!) gern selbst zwischen Deine Hände legen wollte.

So, nun gehe ich aber im Sturmschritt schlafen, das Wort ist an Dich gerichtet, Deine Gedanken zu mir herübergezogen, ich bin zufrieden.

Plagst Du Dich nicht zu sehr mit Schreiben an mich, Liebste? Eine Zeile von Dir macht mir so viel Freude, dass mir fünf Zeilen nicht mehr Freude machen können.

Franz




Erinnerungen an Strindberg: Ola Hansson, "Erinnerungen an Strindberg", Die Neue Rundschau, 1912, Nr. Ir, S. 1536 ff. und Nr. 12, S. 1724ff.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at