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An Hedwich W.

[Prag, Anfang Oktober 1907]
 

Nun soll ich Dir wieder mit braunen Strichen schreiben, weil die schon zum Schlafen Eingesperrten die Tinte haben und der in Dich verliebte Bleistift sich gleich finden läßt. Liebe, Liebe, wie schön ist es, dass das Sommerwetter mitten im Herbste kommt, und wie gut ist es, denn wie schwer wäre es, den Wechsel der Jahreszeiten zu ertragen, wenn man ihnen nicht innerlich das Gleichgewicht halten würde. Liebe, Liebe, mein Nachhauseweg aus dem Bureau ist erzählenswert, besonders, da er das einzige von mir Erzählenswerte ist. Ich komme im Sprunge um 61/4 Uhr aus dem großen Portal, bereue die verschwendete Viertelstunde, wende mich nach rechts und gehe den Wenzelsplatz hinunter, treffe dann einen Bekannten, der mich begleitet und mir einiges Interessante erzählt, komme nachhause, mache meine Zimmertüre auf, Dein Brief ist da, ich gehe in Deinen Brief hinein, wie einer von den Feldwegen müde ist und jetzt in Wälder kommt. Ich verirre mich zwar, aber ich bin deshalb nicht ängstlich. Möchte jeder Tag so enden.

8. 10.

Liebes Kind, wieder ein Abend nach ein paar so schnell vergangenen Abenden. Mag die Aufregung des Briefeschreibens deutlich mit einem Klecks anfangen.

Mein Leben ist jetzt ganz ungeordnet. Ich habe allerdings einen Posten mit winzigen 80 K Gehalt und unermeßlichen 8-9 Arbeitsstunden, aber die Stunden außerhalb des Bureaus fresse ich wie ein wildes Tier. Da ich bisher gar nicht gewohnt war, mein Tagesleben auf 6 Stunden einzuschränken, und ich .außerdem noch Italienisch lerne und die Abende dieser so schönen Tage im Freien verbringen will, komme ich aus dem Gedränge der freien Stunden wenig erholt heraus.

Nun im Bureau. Ich bin bei der Assicurazioni-Generali, und habe immerhin Hoffnung, selbst auf den Sesseln sehr entfernter Länder einmal zu sitzen, aus den Bureaufenstern Zuckerrohrfelder oder mohammedanische Friedhöfe zu sehn, und das Versicherungswesen selbst interessiert mich sehr, aber meine vorläufige Arbeit ist traurig. Und doch ist es manchmal hübsch, die Feder dort hinzulegen und sich vielleicht vorzustellen, dass man Deine Hände aufeinanderlegt, sie mit einer Hand umfaßt, und jetzt zu wissen, man würde sie nicht loslassen, selbst wenn einem die Hand im Gelenk ausgeschraubt würde.

Adieu

Dein Franz


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at