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[An Max Bord]
[Prag, 15. März 1906, Donnerstag]

Herrn Max Brod   Prag   Schalengasse N3

Lieber Max,
ich hätte Dir eigentlich noch während meiner Prüfung schreiben sollen, denn es ist sicher, dass Du mir drei Monate meines Lebens zu einer andern Verwendung gerettet hast, als zum Lernen der Finanzwissenschaft. Nur die Zettelchen haben mich gerettet, denn dadurch erstrahlte ich dem W. als seine eigene Spiegelung mit sogar interessanter österreichischer Färbung und trotzdem er in dieser großen Menge befangen war, die er dieses halbe Jahr gesprochen hat, ich dagegen nur Deine ganz kleinen Zettelchen in der Erinnerung hatte kamen wir doch zu der schönsten ‹bereinstimmung. Aber auch bei den andern war es sehr lustig, wenn auch nicht kenntnisreich.
  Viele Grüße. P. ist es sehr gut gegangen.

Dein F. K.    


Quelle: Franz Kafka ; Max Brod: Eine Freundschaft (II). Briefwechsel. Hrsg. von Malcolm Pasley. Frankfurt am Main 1989.

15. März 1906: Ein Tag Unterschied bei dem von Max Brod 1958 herausgegebenen Band "Briefe, 1902 - 1924" [16. März 1906] und dem von Malcolm Pasley 1989 herausgegebenen Band "Max Brod - Franz Kafka. Eine Freundschaft. Briefwechsel".
W.: Professor Alfred Weber (1868 - 1958), der, 1904 aus Deutschland nach Prag berufen, Max Brod tief beeindruckt hatte. Er fungierte als Kafkas Promoter und hat anscheinend durch seine späteren Arbeiten - so etwa den Aufsatz "Der Beamte", der 1910 im Oktoberheft der "Neuen Rundschau" erschien - auf Kafkas Denken und Schreiben eingewirkt.
P.: Ewald Pribram, in dem Kafka "gegen Ende des Gymnasiums und während der Universitätszeit einen guten Freund" hatte. Sein Vater, Otto Pribram, war von 1895 bis zu seinem Tode 1917 Präsident der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag", bei der Kafka 1908 angestellt wurde.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at