Vom Geben
Ein reicher Mann sagte: Sprich uns vom Geben.
Und er antwortete: Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt
Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.
Denn was ist euer Besitz anders als etwas, das ihr bewahrt und bewacht aus Angst, dass ihr es morgen brauchen könntet?
Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen, der Knochen im spurlosen Sand vergräbt, wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?
Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not? Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist, der Durst, der unlöschbar ist?
Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.
Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben. Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben, und ihr Beutel ist nie leer.
Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.
Und es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihre Taufe.
Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen: weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen;
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Khalil Gibran, Der Prophet
Es ist komisch, und je mehr ich darüber nachdenke umso weniger versteh ich die Welt eigentlich. Warum wird man heute wirklich schon komisch angesehen wenn man freundlich ist.
Nicht dass ich jemand bin der jetzt absolut selbstlos, loszieht, um in Afrika für eine bessere Welt zu kämpfen, und auf alles Materielle verzichtet (Hut ab vor Menschen die das tun, aber ich könnte das nicht). Es geht um die Kleinigkeiten des Allatges. Heutzutage erntet man ja schon verblüffte blicke wenn man jemandem im Supermarkt an der Kasse den Vortritt lässt, oder eine Türe aufhält. Jemanden in der Strassenbahn anzulächeln ist ja bisweilen schon ein echtes Sakrileg. Von Enladungen und kleinen Geschenken will ich ja gar nicht erst reden…. Und wenn so etwas doch mal ankommt, produziert es paradoxerweise dann oft auch gleich ein schlechtes Gewissen beim gegenüber.
Ich sehe sowas als kleine Geschenke, die weder Gegenleistung fordern, noch eine Schuld bedeuten. Es ist einfach so wie es ist, ein kleiner Akt von Freundlichkeit in einer offenbar schon sehr vom Egoismus geprägten Welt.
Etwas für jemand anderen tun, das kommt heute schon sehr selten vor. Verständnis für den anderen vielerorts ein Fremdwort. Und Rücksicht schon aus dem Wortschatz der meisten Verschwunden. Dass in so einer Welt Freundschaft oder gar Liebe einen schweren Stand haben ist eigenlich wenn man sich die Rahmenbedingungen ansieht nicht wirklich verwunderlich.
Was bleiben einem da noch für Möglichkeiten heute? Die Freundlichkeit an jenen Ort packen wo ihn auch der Rest der Welt aufhebt? Bequemer wärs vermutlich und mit weniger Persönlichem verbunden. Aber bringts das?
Ich glaubs (noch?) nicht. Ich muss ja sagen ich hab dazu schon sehr viel widersprüchliches erlebt – um nicht zu sagen verwirrendes. Aber ich denk mir noch immer, dass die Welt nicht so sein kann wie sie sich in letzter zeit oft präsentiert hat. Das kanns einfach nicht sein. Weil wenn doch, dann sind wir alle miteinander Arm dran.
Listening to: Joan Baez – Blowin’ I The Wind (Dort ist wahrscheinlich auch die Antwort auf diese Fragen)