Karl Kostersitz:
Eine Sternwarte auf dem Schneeberg

(1899)

Aehnlich wie James Lick in Nordamerika hat Raphael Bischofsheim in Frankreich durch Errichtung des Observatoriums auf dem Mount Gros bei Nizza unvergängliche Verdienste um die Förderung der Astronomie sich erworben. Und was in Nordamerika, was in Frankreich möglich war, das sollte in unserem Vaterlande nicht möglich sein?

In nächster Nähe von Wien, mit der Eisenbahn in kürzester Zeit mühelos erreichbar, reckt ein mächtiger Berg sein stolzes Haupt in die Lüfte, von Witterungsverhältnissen begünstigt, wie wenige seinesgleichen und wie geschaffen dazu, auf seinem starken Nacken ein Observatorium zu tragen: der Wiener-Neustädter Schneeberg! Welch herrliche Luft seine Höhen im Sommer umfluthet, weiß die große Zahl aller Jener zu erzählen, die als Touristen alljährlich jenem hohen Herrn während der 'guten' Jahreszeit ihren Besuch abstatten. Aber man muß nur auch einmal in der sogenannten schlechten Jahreszeit, namentlich im Winter, oben gewesen sein und mit entzücktem Auge gesehen haben, in welch klarer Reinheit der Himmel sein ganzes azurnes Gewölbe über den Horizont spannt! Unten im Thale bedecken tagaus tagein schwere Nebel die Fluren mit kaltem, eintönigem Grau und entziehen oft wochen-, ja monatelang dem Auge den ersehnten Anblick von blauem Himmel und Sonnenschein, während droben auf der Höhe ebenso ununterbrochen das herrliche Wetter herrscht und die gleichmäßige Sonnenstrahlung im Vereine mit langandauernder Windstille eine wahre Frühlings-Temperatur erzeugt, von welcher die im kalten, finsteren Nebel frierenden Bewohner des Thales sich gar keine Vorstellung machen können.

Wir wiederholen unsere Frage: Was in den Vereinigten Staaten von Nordamerika möglich war und einem der Söhne des Landes Unsterblichkeit gesichert hat, was in Frankreich in vortrefflicher Weise dankenswerthe Nachahmung fand, sollte das in unserem schönen Vaterlande bei den eben geschilderten, so ausnehmend günstigen örtlichen Voraussetzungen nicht möglich sein? In den Kreisen unserer 'Oberen Zehntausend' wird doch gewiß mindestens ebensoviel ideales Fühlen und Streben zu finden sein, als in der Brust eines Lick, eines Yerkes, eines Boyden, eines Payne und wie sie alle heißen mögen, die hochherzigen Freunde und Förderer der Astronomie in den Vereinigten Staaten; und daß diese latenten Kräfte nur eines geeigneten Anstoßes bedürfen, um in segensreicher Weise wirksam zu werden, hat sich schon bei ungezählten Anlässen in wahrhaft herzerfreuender Weise gezeigt.

James Lick hat seinen schlichten Namen mit einer der berühmtesten Sternwarten der Erde für alle Zeiten verknüpft, und so groß war seine Begeisterung für die hehre Sache, in deren Dienst er sich gestellt, daß er letztwillig die Bestimmung traf, auf der Höhe des Mount Hamilton bestattet zu werden […].

Es ist vielleicht kein allzu kühner Gedanke, zu hoffen, daß diese Zeilen im Stande sein werden, den Anstoß dazu zu geben, daß auch in unserem schönen Oesterreich der Astronomie ein gleich hochherziger Gönner erstehe: In strahlenden Lettern wird sein Name unvergänglich im goldenen Buche der Wissenschaften prangen. An Männern aber, die ihr Leben mit begeisterter Freude dem Dienste der Astronomie auf lichter Bergeshöhe zu bereit sind, wird es gewiß nicht fehlen in einem Lande, das eine Reihe der leuchtendsten Namen auf allen Gebieten der Wissenschaften mit gerechtem Stolze sein Eigen nennt.

Wien, im Juli 1898

Aus: Dr. Karl Kostersitz: Eine Sternwarte auf dem Schneeberg. Eigenverlag, Wien 1899 (Manz'sche k.u.k. Hof-Verlags- und Universitäts-Buchhandlung; Separatabdruck eines im Juli 1898 in der 'Neuen Freien Presse' erschienen Artikels.)

Der Text steht auch als PDF-Datei(<1 MB) zur Verfügung.

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