Ein Prozent des Staatshaushalts für die Astronomie?

(1601/2001)

Der Herr von Uraniborg. Zum 400. Todestag von Tycho Brahe (24.10.2001)

[…] Uraniborg beherbergt Tychos Familie sowie mehr als 30 Assistenten, Helfer und Schüler. An der Spitze des zweistöckigen Ziegelbaus dreht sich eine Wetterfahne in der Gestalt des mythischen Flügelrosses Pegasus. Später wird das Observatorium mit der wenige Schritte abseits gelegenen Stjerneborg ergänzt. Die Geräte der 'Sternenburg' lassen sich windgeschützt in Vertiefungen betreiben.

Nach Tychos Entwurf entstehen mindestens 28 Messinstrumente aus Holz und Messing in der hauseigenen Werkstatt. Pferde und Windkraft treiben die Drehbänke an. Besonders wichtig ist der Mauerquadrant, ein senkrecht an der Wand montierter Viertelkreis mit 2m Radius. Seine Skala besticht mit einer neuartigen Teilung. Gestirnhöhen lassen sich damit ungemein präzise ablesen. Oft bestimmt nur noch die eingeschränkte Auflösungsfähigkeit des menschlichen Auges die Qualität der Ergebnisse. Die Sterne müssen freisichtig anvisiert werden; das Fernrohr ist zu Tychos Lebzeiten nicht erfunden.

Der Däne berücksichtigt alles: Gerätefehler, die Wirkung der Erdatmosphäre, menschliche Schwächen. Seine Assistenten arbeiten oft in getrennten Gruppen an der selben Aufgabe. Tycho zieht Ergebnisse ein, bevor ein Abgleich stattfinden könnte. Schließlich hat er die Position von fast 800 Fixsternen ermittelt – viel präziser als je zuvor. Das feine Fixsternnetz hilft, die Bewegungen der Planeten ebenso mustergültig zu kartieren. Mit freiem Auge wird Brahes Leistung nicht mehr übertroffen.

Die größte Sternwarte Europas, zu der auch Papiermühle, Druckerei und chemisches Laboratorium gehören, genießt legendären Ruf. Friedrich II. stellt Schätzungen zufolge ein Prozent der königlichen Einnahmen für das Projekt ab. […]

Aus: Wiener Zeitung vom 19./20. Oktober 2001, Beilage 'Extra', S. 13.

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