Johann Palisa über
Die Aufhellung des Himmels über Währing durch die Ringstraßenbeleuchtung

(1924)

Wie ich bereits in Band 220 p. 25 der Astr. Nachr. erwähnt habe, hielt das ungünstige Beobachtungswetter des Jahresende 1922 bis März 1923 an. Allein bereits im Oktober 1923 stellte sich das schlechte Wetter wieder ein und dauert bis jetzt (Mai 1924) an. Die Hauptursache ist die allgemeine in unsern Gegenden anhaltende ungünstige Wetterlage. Hierzu aber gesellen sich in Wien die Einflüsse der Großstadt. Sie bestehen einestheils darin, daß sich weit um das Zenit Wolken bilden, welche von Westen nach Osten ziehen. Dabei ist der West-, Nord und Osthorizont klar und rein. Der Beobachter hofft, daß er mit dem Abwandern dieser Wolken in kurzer Zeit klares Wetter bekommen wird; aber weit gefehlt! Immer wieder bilden sich neue Wolken, die gleichfalls weiter ziehen. Das bringt dann endlich die Geduld des Beobachters zum Reißen, und er beendet das Warten. Ebenso schlimm, fast noch schlimmer, ist der besonders im Süden bis zu 40° Höhe emporsteigende Dunst. In diesen Gegenden sind dann kaum noch Sterne 2. Größe zu erkennen, während gleichzeitig im Osten, Norden und Westen in viel geringerer Höhe viele und schwächere Sterne mit freiem Auge zu sehen sind.

Diese Übelstände wachsen an Stärke von Jahr zu Jahr. Erst besondere Ereignisse bringen dem Beobachter die Steigerung des Übelstandes zum Bewußtsein. So z. B. wurde in Wien vor dem Weltkriege die Ringstraße mit Bogenlampen beleuchtet. Um Mitternacht wurden die Bogenlampen ausgeschaltet, und sofort konnte ich um 1,5 bis 2 Größenklassen schwächere Sterne sehen.

Ein zweites Ereignis trat im August 1923 ein. Ich hatte im Juli den Planeten 995 [1923NP] verfolgt und hoffte, auch noch im August ihn sehen und beobachten zu können. Obwohl ich an der richtigen Stelle suchte, konnte ich doch keine Spur von ihm erblicken. Wie erstaunt aber war ich, als mir Dr. Mündler eine ganze Reihe von im August angestellten Beobachtungen desselben Planeten mitteilte. Nun wird jedermann begreifen, wie sehr die Arbeitsfreudigkeit herabgestimmt wird, wenn er sieht, daß der fünfmal mehr Sternlicht auffangende 27-Zöller nicht das zu leisten imstande ist, was der 12-Zöller in Heidelberg leistet. Ich fing an zu glauben, daß meine Sehkraft nachgelassen habe, aber auch das ist nicht der Fall, denn vergleichende Beobachtungen mit einem jüngeren Kollegen, der auch auf schwache Sterne eingeübt ist, ergaben, daß ich immer noch schwächere Sterne wahrnehmen kann. Solche Wahrnehmungen bringen den Beobachter immer wieder auf den Gedanken, daß die Wiener Sternwarte mit ihrem großen Refraktor heute nicht mehr auf dem richtigen Platze steht, und daß es an der Zeit ist, an ihre Verlegung zu denken und zu schreiten.

Aus: Astronomische Nachrichten. Bd. 222. S. 172.
Mit Dank an Dr. A. Schnell für den Hinweis auf diesen Artikel.

Der Text steht auch als PDF-Datei(<1 MB) zur Verfügung.

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