'Illustrierte Zeitung'
Der große Refractor der wiener Sternwarte

(1887)

Der Riesenrefractor der neuen wiener Sternwarte war bis vor kurzem das größte Fernrohr der Welt [richtiger: das größte Linsenfernrohr der Welt – Th. P.], indem es sogar den großen washingtoner Refractor, zu dem seinerzeit die übrigen Fernrohre wie Zwerge zu einem Riesen sich verhielten, um eine Kleinigkeit übertraf. Mit der Aufstellung des wiener Refractors wurde ein förmlicher Wettstreit in der Anschaffung großer Fernrohre hervorgerufen, indem rasch nacheinander von mehreren Sternwarten nicht nur Instrumente von ähnlichen Dimensionen, sondern womöglich noch etwas größere bestellt wurden. Nicht lange hatte das wiener Instrument von 68 Cmtr. Linsendurchmesser den Ruf des größten Fernrohrs der Welt genossen, als es durch den Refractor der Sternwarte in Pulkowa (bei St. Petersburg) von 78 Cmtr. Linsendurchmesser überholt wurde. Aber auch diesem wurde nicht lange Zeit der Lorbeer gegönnt, denn heute ist bereits für das Lick Observatory am Mount Hamilton in Californien der Leviathan unter den Refractoren mit 91 Cmtr. Linsendurchmesser nahezu fertiggestellt.

[…] [Die Dimension derartiger Instrumente wird deutlich,] wenn erwähnt wird, daß das Rohr eine Länge von nahezu 11 Mtr. besitzt und sammt den bewegbaren Achsen und Gegengewichten ungefähr 5000 Kilogr. wiegt. Davon entfallen auf das Objectiv etwa 130 Kilogr. Das ganze Instrument sammt dem gußeisernen Stativ wiegt mehr als 18.000 Kilogr.

Das Instrument wurde von Howard Grubb in Dublin erbaut und kostete in runder Summe 80.000 Fl. in Gold, wovon 40.000 Fl. auf das Objectiv allein kommen, indem 20.000 Fl. für die rohen Glasscheiben und 20.000 Fl. vom Optiker für das Schleifen beansprucht wurden.

Zu dieser Summe kommen aber noch die Kosten der zum Schutze des Instrumentes erforderlichen Drehkuppel, ferner, um am Instrumente auch beobachten zu können, jene des eisernen Beobachtungsstuhles nebst vielem anderen Zubehör, was mindestens wieder 80.000 bis 100.000 Fl. verschlingt, sodaß ein derartiges Instrument auf ungefähr 200.000 Fl. veranschlagt werden muß.

Aus: Illustrierte Zeitung, No. 2279, 5. März 1887, S. 242.

Der Text steht auch als PDF-Datei (<1 MB) zur Verfügung.

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