Hypothese des Herrn Dr. Chladni über
Den Ursprung der meteoritischen Steine

(1794/1803)

In meiner Schrift: Ueber den Ursprung der von Pallas gefundenen und anderer ihr ähnlichen Eisenmassen […], Leipzig 1794, 4., habe ich die vorzüglichsten Beobachtungen und das mehrere Mahl dabei bemerkte Niederfallen schlackenartiger Massen zusammen gestellt, und eine Erklärung gegeben, die, so abentheuerlich sie auch scheinen mag, doch meines Erachtens besser als die bisherigen mit den beobachteten Thatsachen übereinstimmt, und keinem andern Naturgesetze widerspricht.

Die Feuerkugeln oder fliegenden Drachen können weder eine Anhäufung der Nordlichtsmaterie, noch electrische Funken, noch Anhäufungen lockerer brennbarer Materien in der obern Luft, noch Entzündungen langer Strecken von brennbarer Luft seyn, sondern sind Massen von beträchtlicher Schwere und Consistenz, da ihre Bahn so sichtbare Wirkungen der Schwere zeigt, und sie sich, ungeachtet des Widerstandes der Luft, so äußerst schnell bewegen, ohne sich zu zerstreuen. Ihre runde oder längliche Gestalt, und das Anwachsen ihrer Größe bis zum Zerspringen macht es wahrscheinlich, daß sie flüssig oder wenigstens zähe […] sind. Aus Theilen in unsrer Atmosphäre kann ein so dichter Stoff in solchen Höhen sich auf keinen Fall anhäufen; eben so wenig können tellurische Kräfte, so weit wir sie kennen, dichte Massen bis zu solchen Höhen hinaufwerfen, und ihnen eine so schnelle fast horizontale Wurfbewegung geben. Dieser Stoff kann daher nicht von unten hinauf gekommen, sondern muß schon vorher in höhern Regionen, im Weltraume vorhanden gewesen, und aus ihm auf unserm Planeten angelangt seyn.

Erdige und metallische Theile machen den Grundstoff unsers Planeten aus, und Eisen gehört unter die Hauptbestandtheile desselben. Wahrscheinlich bestehn auch die andern Weltkörper aus denselben, nur anders gemischten und modificirten Grundstoffen. Sehr möglich, daß außerdem viele solche grobe, in kleinern Massen angehäufte Materien, ohne mit einem größern Weltkörper in unmittelbarer Verbindung zu stehn, in dem allgemeinen Weltraume zerstreut vorhanden sind, und in ihm sich, durch Wurfkräfte und Anziehung getrieben, so lange bewegen, bis sie etwa einmahl der Erde oder einem andern Weltkörper nahe kommen, und von dessen Anziehungskraft ergriffen, darauf niederfallen.

Aus: Annalen der Physik. Bd. 13. St. 3. 1803. S. 351–353.

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