Moriz Bermann über
Sämmtliche Kuppeln …

(1895)

Von der Höhe der Türkenschanze sieht dominierend und weithin sichtbar das Gebäude der Sternwarte herab, das, von den Architekten Fellner und Hellmer entworfen, ein wissenschaftlicher Musterbau genannt werden darf. Es hat die Form eines Kreuzes, dessen Mittelpunkt die grosse Kuppel bildet und dessen gleich lange nach West, Ost und Nord gerichtete Arme kleinere Kuppeln, nach Süd das Portal in italienischem Renaissance-Styl enthalten.

Sämmtliche Kuppeln sind aus Eisen construirt, in Schienen laufend, nach Bedürfniss drehbar und in Segmenten zu öffnen. Die Fundamente, auf welchen die grösseren und empfindlicheren Instrumente ruhen, sind, um alle störenden Einflüsse und Schwankungen fernzuhalten, ganz ohne Zusammenhang mit dem übrigen Gebäude in bedeutender Tiefe fundirt. Von den Instrumenten nehmen der in der Westkuppel untergebrachte Refractor mit einer Brennweite von 16 englischen Fuss, dessen in New Cambridge in Amerika gefertigte Linse 20.0000 fl. kostete, und der Refractor der Hauptkuppel, dessen 26zöllige Linse 30 englische Fuss Brennweite hat und an 80.000 fl. kostete, das meiste Interesse in Anspruch.

Freundliche Gartenanlagen umgeben das imposante Gebäude.

Die Besichtigung der Gebäude und der Instrumente der k. k. Sternwarte kann – ohne vorherige schriftliche Meldung – an jedem Wochentage zwischen 9 und 11 Uhr Vormittag erfolgen. Es ist zu bemerken, dass diese Besichtigung für die Fremden vielmehr Interessantes bietet, als dieselben bei einem Abendbesuche sehen können.

Für Abendbesuche ist aber wenigstens drei Tage vorher ein kurzes schriftliches Ersuchen (unter Beilage einer Retourmarke) um Zusendung einer Eintrittskarte, wobei auch die Anzahl der Besucher anzuführen ist, an die Direction der Sternwarte zu richten, worauf umgehend die Zusendung der Eintrittskarte erfolgt.

Abendbesuchern werden mit mittelgrossen Teleskopen einige eben sichtbare Himmelskörper gezeigt. Es muss aber nachdrücklich betont werden, dass die Benutzung der grossen Refractoren zu Demonstrationszwecken ausgeschlossen ist, da dieselben auch bei nur einigermaassen günstigem Himmel von den Astronomen des Instituts für die wissenschaftlichen Arbeiten benutzt werden. Derselbe Umstand verbietet auch eine Besichtigung der Instrumente durch Abendbesucher.

Aus: Führer durch Wien und Umgebungen. Von Moriz Bermann. 6. Auflage, Wien – Pest – Leipzig 1895.

Der Text steht auch als PDF-Datei (<1 MB) zur Verfügung.

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