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"Wiener Zeitung" vom 2. April 1997
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Der verlorene Himmel
Lichtverschmutzung belastet die Umwelt und stiehlt Sterne vom Firmament
von Christian Pinter
Licht im Wert von 1 bis 2 Mrd. Dollar, so die Schätzung, wird allein in den USA jährlich in den Himmel verpulvert.
Das meiste davon nicht absichtlich. Schlecht abgeschirmte Lampen lassen es seitlich nach oben entweichen,
statt es auf die zu beleuchtenden Flächen darunter zu werfen. Wie viel Licht vergeudet wird, hängt von Bauart
und Anbringung der Beleuchtungskörper ab. Meist sind es einige Prozent, im Extremfall verschwindet jedoch auch
mehr als die Hälfte gen Himmel.
Dort braucht es freilich niemand. Würde man die Photonen konsequent auf ihr eigentliches Ziel einschwören,
könnte man die Leistung der Glühlampen und Röhren entsprechend drosseln - ohne an tatsächlicher Beleuchtungsstärke
einzubüßen, ohne Sicherheit und Sicherheitsempfinden zu stören. In den USA wird darüber seit Jahren diskutiert.
Mehrere Städte haben ihre Straßenbeleuchtung umgerüstet oder achten wenigstens bei der Neuinstallierung auf
größere Effizienz: reflektierende Abschirmungen blocken nach oben und in Horizontnähe ab, bündeln das Licht
streng nach unten. Das kalifornische San Diego will sich solchermaßen 3 Mill. US-Dollar pro Jahr zu ersparen.
In Mitteleuropa scheint dies noch kaum Thema zu sein. Dabei beweist der Lokalaugenschein: Auch hier
strahlen Straßenlampen verschwenderisch nach oben, beleuchten die Fronten hoher Wohnhäuser mit,
als gelte es, einen Großangriff von Fassadenkletterern abzuwehren. Dieses Licht fehlt am Boden -
ein Manko, das durch stärkere Lampen kompensiert wird.
Bequeme Nacht
Ein Blick aus dem Fenster im dritten Stockwerk macht das Problem deutlich. Eigentlich sollte man die
Neonröhren in Straßenlampen, die niedriger angebracht sind als der eigene Standort, gar nicht erkennen.
In einiger Entfernung tut man es meist dennoch. Ihr schräg nach oben entweichendes Licht wird von Wänden
und Zimmerdecken darüber liegender Wohnräume reflektiert, taucht diese in konstantes Halbdunkel.
Um schlaftrunken den Weg zum Kühlschrank zu finden, braucht man den Griff zum Lichtschalter oft gar
nicht mehr zu tun. Das ist bequem.
Doch dieses Licht ist immer da, ob es nun gebraucht wird oder nicht. Bei unglücklichem Zusammenspiel von
Fensterlage und Straßenlampen kann das streunende Kunstlicht sogar den Mond an Helligkeit übertreffen -
und nicht wenige Menschen schwören, dass sie das Licht des Vollmonds um die Nachtruhe bringt.
Selten kommt Druck nach effizienteren Beleuchtungskörpern auf. Energie ist nach wie vor billig. Ein Teil
der Produktions- und Folgekosten wird einfach auf kommende Generationen abgewälzt. Das Kilowatt als Hypothek:
fossile Brennstoffe, zu deren Bildung Jahrmillionen nötig waren, werden in Jahrzehnten verheizt; Veränderungen
des Erdklimas durch freigesetztes Kohlendioxid in Kauf genommen. Radioaktiver Müll wird produziert, der
noch in Jahrtausenden extremes Sicherheitsrisiko darstellen wird. Natürliche Flusslandschaften werden
unwiederbringlich zerstört.
Es ist hübsch, von erhöhtem Standort über ein Lichtmeer von Straßenlampen zu blicken. Doch es ist auch Luxus.
Weitgehend abgeschirmte Beleuchtungskörper wie am Franz-Jonas-Platz in Wien XXI sind rar. Gleich daneben
zielen Scheinwerfer nach oben, tauchen die Floridsdorfer Pfarrkirche in ein nächtliches Photonenbad.
Das absichtliche Bestrahlen von Bauwerken erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Wahrzeichen wie der
Wiener Stephansdom werden so ins rechte Licht gerückt. Vorstadtkirchen auch. Dabei sind in Szene gesetzte
Türme besonders krasses Beispiel für Ineffizienz: Ein Teil des Lichtkegels schießt notgedrungen am
schlanken Bau vorbei und stürmt den Himmel.
Beleuchtung wird als Garant für nächtliche Sicherheit empfunden. Doch Licht allein ist zuwenig.
Jeder Autofahrer kennt den beklemmenden Moment, wenn ihm die Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge
die Sicht stehlen. Obwohl kurzzeitig die doppelte Lichtmenge zur Verfügung steht, wird die Fahrbahn
bei Blendung schlechter wahrgenommen. Fußgänger machen ähnliche Erfahrungen. Kugelförmige
Beleuchtungskörper in Park- oder Wohnhausanlagen strahlen mangels jeder Abschirmung oft weniger
als die Hälfte ihres Lichts auf den Boden. Wenn besonders grelle Glühlampen dies ausgleichen,
können sie blenden.
Was sich hinter den Kugellampen verbirgt, ist dann schwer erkennbar. Fazit: Nicht nur die umgesetzten
Watt steuern Sicht und Sicherheit, sondern auch Bauweise und Anbringung der Beleuchtungskörper.
Ein Instrument der Leopold-Figl-Sternwarte, Außenstelle der Wiener Universität am Schöpfl, zog das
Licht des sterbenden Sterns SN 1993J in der Galaxis M81 zu einem Regenbogen auseinander. Linien
unterschiedlicher Intensität verrieten chemische Elemente und gaben Hinweise auf jene Vorgänge,
die sich während seiner Explosion ereignet hatten. So gelang es erstmals in Österreich, das
Spektrogramm einer Supernova aufzunehmen.
Zwölf Millionen Jahre war das Licht des Sterns unterwegs, der kurz so hell wie eine ganze Galaxie
aufleuchtete. Doch in den letzten Millionstel Sekunden seiner Reise musste es mit einem Meer
künstlicher Lichtquellen konkurrieren. Die stärkste Spektrallinie hieß "St. Pölten".
Das Problem ist nicht die direkte Blendung durch einzelne Straßenlaternen. Vielmehr ist es die
Widerspiegelung der städtischen Lichterflut in der Lufthülle, die Himmelsaufhellung bewirkt. Schlecht
abgeschirmte Beleuchtungskörper und Strahlen, die von Fassaden oder vom Asphaltboden hochreflektiert
werden, marschieren die Erdatmosphäre hinauf. Dort treffen sie auf freischwebende Staub- und
Wasserpartikel und werden gestreut. Je nach Art der verwendeten Lampen färbt sich der Himmel
hellgrau oder orangerot ein, wird bis auf das Fünfzigfache erhellt.
Über besiedelten Gebieten entsteht eine Lichtglocke. Vom Wiener Stadtrand erkennt man den Schein
von Bratislava. Vom Waldviertel aus lässt sich am Horizont Wien orten. Das meiste Licht entweicht
nicht auf kürzestem Weg hinauf ins All, sondern unter flachem Winkel nach oben. Daher reicht
die Lichtglocke weit über das eigentliche Stadtgebiet hinaus. Diese Aufhellung des Himmels
durch Kunstlicht wird "Light Pollution" (engl. Lichtverschmutzung) genannt.
Opfer ist der nächtliche Sternenhimmel. Vor hellem Hintergrund verlieren Sterne an Kontrast und
werden unsichtbar. Vor allem in den USA stellten Astronomen das traurige Schicksal ihrer
Forschungsobjekte zur Diskussion. Dort hatten theoretisch hervorragende Beobachtungsbedingungen
den Einsatz teurer Großteleskope begünstigt. Entsprechend groß empfand man den Schaden.
Mitarbeiter des Kitt Peak Observatoriums machten gegen die Lichtverschmutzung von Tucson, Arizona,
mobil und gründeten 1988 die IDA, die "International Dark-Sky Association". Sie zählt heute über
1.900 Mitglieder in 63 Ländern [2007: über 11.000 Mitglieder]. Schwerpunkt blieb die USA.
Aktive Gruppen gibt es aber auch in Kanada, Japan, Großbritannien oder Belgien. Hauptziel ist,
Öffentlichkeit und Kommunalpolitiker von den Vorteilen einer Umrüstung auf besser konstruierte
und montierte Beleuchtungskörper zu überzeugen und sie für einen bewussteren Umgang mit Licht
zu gewinnen. Dies soll nach Meinung der IDA allen zugute kommen: Forschern ebenso wie Stromzahlern.
In Liberty Township, Ohio, einigte man sich auf die Abschaltung von Lichtquellen nach 23 Uhr,
sofern sie nicht der Sicherheit, sondern bloß dekorativen Zwecken dienen. Die Olympiastadt Atlanta
ließ sich davon überzeugen, Werbetafeln nicht mehr von unten nach oben anzustrahlen. All diese
Maßnahmen reduzieren Streulicht und damit Light Pollution.
In europäischen Großstädten hat Lichtverschmutzung dramatisch zugenommen. Vom Wiener Stadtrand
aus konnte man vor 30 Jahren bequem die Milchstraße erblicken. Heute macht man nur die hellsten
Sterne aus. Eine ganze Generation von Stadtkindern ist aufgewachsen, die die Milchstraße bloß
aus "Raumschiff Enterprise" kennt.
Die fantastischsten Gebilde am Firmament sind wie verschwunden. Einst gab es dicht gedrängte
Sternhaufen mit uralten Sternen. Kugelförmige Gasnebel erinnerten an zerborstene Sonnen. Weite
Gaswolken kündeten von der Entstehung neuer Himmelskörper. Galaxien tauchten im Fernglas auf,
machten unsere Sonne zu bloß einer von vielen Milliarden. Doch sie alle scheinen für Stadtbewohner
nicht mehr real zu existieren, finden sich fast nur noch in Büchern, Zeitschriften und im Internet.
Die Lichtverschmutzung lässt auch außergewöhnliche Himmelsschauspiele zur Enttäuschung geraten.
Für die Nacht vom 11. zum 12. August 1993 hatten Forscher eine erhöhte Sternschnuppenaktivität
vorausgesagt. Hunderte Wiener hofften auf ein Spektakel, brausten auf Bisamberg und Kahlenberg.
Sie blieben unter der Lichtglocke und sahen so gut wie nichts. 50 km entfernt freuten sich
Naturfreunde in dieser Nacht über fast 300 Sternschnuppen.
Ähnlich schlecht steht es um Kometen. Ihre Schweife werden mit zunehmendem Abstand zum Kern lichtschwächer.
Sie sind empfindliche Indikatoren für Lichtverschmutzung, gleichsam das "Lackmus-Papier des Himmels".
Der Schweif des Jahrhundertkometen Hyakutake spannte sich im März 1996 über weite Teile des
Firmaments. Städter sahen bestenfalls ein winziges, kaum auffallendes Nebelfleckchen. Das gleiche
Schicksal vermag dieser Tage Komet Hale-Bopp zu widerfahren. Noch vor 100 Jahren hätte ein
solcher Schweifstern die Menschen in Erregung versetzt. Heute ist er primär Medienereignis.
Die meisten Stadtbewohner werden ihn wohl nicht einmal registrieren.
Nur noch Mond, Planeten und die allerhellsten Sterne bevölkern den Himmel der Großstadt.
Fernrohre können zum Teil schwächere Sterne durch den Einsatz hoher Vergrößerungen aus
dem Lichtbrei holen. Bei flächigen Objekten wie Galaxien, Kometen oder Gasnebeln helfen
sie recht wenig. In jedem Fall zeigt das enge Gesichtsfeld nur einen kleinen Ausschnitt der
Himmelskugel.
Phänomene, die unsere Vorfahren jahrtausendelang studiert haben, sind in Städten nicht mehr sichtbar.
Für die Alten hatte die Auseinandersetzung mit dem Himmel unterschiedliche Funktionen. Sie
diente der Zeitmessung, der Navigation, der Religion, der Wissenschaft oder der ästhetischen
Erbauung. Einige dieser Rollen hat der Sternenhimmel notwendigerweise eingebüßt, andere nicht.
Zur Zeitmessung stehen uns Atomuhren zur Verfügung, die verlässlicher sind als die Erdrotation.
Zur Navigation dienen Satellitenempfänger, die genauere Koordinaten liefern, als der zu den
Sternen gerichtete Schiffssextant. Die göttlichen Kräfte, die Menschen einst Sternen und
Planeten zuschrieben, brauchen wir ebenfalls nicht mehr. Die Alten hofften damit, Naturgewalten
begreifbar machen und - durch Anbetung der Gottheiten - auch steuern zu können. Die Namen
der Sternbilder erinnern daran: etwa der Steinbock, Sinnbild des babylonischen Schöpfergotts
Ea, der Löwe, südgriechisches Ungeheuer und Bruder der Sphinx oder die Jungfrau, Tochter der
Fruchtbarkeitsgöttin Ceres. Heute kennen wir Naturgesetze.
Die einstige Himmelsmacht ist obsolet. "Steinbock", "Löwe" und "Jungfrau" sind Thema
für Kaffee- und Bürotratsch geworden. Aber auch die wissenschaftliche Rolle ist in
Bedrängnis. Astronomen verlegen ihre Himmelsstudien an entlegene, dunkle Orte. Sie
errichten Observatorien in größtmöglicher Abgeschiedenheit oder versuchen wenigstens, an
solchen Instituten Beobachtungszeit zu bekommen. Gelingt dies nicht, müssen sie sich auf
Bereiche beschränken, in denen man trotz widriger Bedingungen noch Forschung betreiben kann.
Naturfreunde wiederum versuchen, sich wenigstens die Ästhetik der Sternenpracht zu retten.
Dazu unternehmen sie immer aufwendigere "Expeditionen". Alle paar Jahre müssen Städter
beim Kurzausflug aufs Land ein paar Kilometer dazulegen, um den Lichtglocken zu entgehen.
Die Zersiedlung des ländlichen Raums birgt neue Risken: Was früher ein dunkler Feldweg war,
ist heute beleuchtete Zufahrtsstraße. Der Lichtschein eines Tennisplatzes, hohe Strahler
einer Lagerfläche, Neonlichter eines Einkaufszentrums oder Lichtfinger einer
angestrahlten Dorfkirche haben so manchen Beobachtungsort verdorben.
Ohne Fluchtauto gelingt das "Abenteuer Sternenhimmel" kaum noch. Öffentliche
Verkehrsmittel kehren abends meist viel zu früh Richtung Stadt zurück. Wenn
die ersten Züge am Morgen Wien verlassen, neigt sich die Nacht bereits dem Ende zu.
In Bahnhofsnähe klagen Beobachter zudem über hoch angebrachte, mäßig abgeschirmte Neonlampen
über den Gleisanlagen: sie können die ganze Nacht hindurch strahlen - auch dann,
wenn längst alle Früh- und Spätverbindungen eliminiert sind und kein Zug mehr stehen bleibt.
"Geisterlichter" werden nicht gestrichen.
Kulturhimmel
Vertan ist die Chance, nach getaner Arbeit mit den Augen am Himmel spazieren zu gehen;
Sternbilder auszuloten, den Windungen der Milchstraße zu folgen, die scheinbare Drehung
des Firmaments zu erleben, Regelmäßigkeit und Veränderung wahrzunehmen, sich an den
vielfältigen Erscheinungen im Universum zu erfreuen, sich dabei zu entspannen.
Die Ästhetik des Firmaments wurde ohne zwingenden Grund preisgegeben.
Die ganze obere Hälfte der Umwelt ist aus dem Bewusstsein gedrängt: ihr Verschwinden
wird nur selten als Teil der Umweltzerstörung begriffen. Statt dem nächtlichen
Sternengewimmel spannt sich jedenfalls ein fader, strukturloser, kaum zur
Auseinandersetzung anregender "Kulturhimmel" über die Städte - verschmutzt
vom verpulverten Licht ihrer Bewohner.
ZITAT ENDE