Quelle:
"Die Zeit" vom 18. Dezember 2002, S. 52
ZITAT ANFANG
Der Ethikrat - Philosophische Hilfestellungen (78. Folge). Diesmal für:
Jan Hollan, Astronom, Verdunkler
[von Ludger Lütkehaus]
Dass Mensch und Natur vor den Folgen menschlichen Tuns geschützt werden sollten, muss man in Deutschland,
dem Land der selbst ernannten Umweltvorreiter, kaum betonen. In Tschechien hat jetzt ein Astronom erkämpft,
dass auch "Lichtverschmutzung" strafbar wird. Absurd - oder schlüssig? [...]
Tschechien, du hast es besser! Während es hierzulande mit knapper Not möglich ist, eine Dosenpfandverordnung
auf den Weg zu bringen, die der Verwandlung der so genannten Natur in eine grenzenlose Deponie Einhalt
gebieten soll, ist man dort schon zur Lösung ganz anderer Müllprobleme fortgeschritten. Ein mit happigen
Strafen bewehrtes Gesetz gegen die "Lichtverschmutzung" - welch kühnes Wort - ist bereits in Kraft getreten.
Der Gesetzestext definiert sie als "jede Form von künstlicher Beleuchtung, die außerhalb des zu beleuchtenden
Bereichs fällt, insbesondere falls sie über die horizontale Ebene reicht." Alles klar?
Die graue Eminenz hinter dem neuen Gesetz ist indessen kein Jurist, wie es die elegante Sprache vermuten
lassen könnte, sondern der Astronom Jan Hollan vom Nikolaus-Copernicus-Observatorium in Brünn.
Nach seinem Urteil soll das Licht nur noch "in die richtige Richtung, nämlich nach unten" fallen. Auch das
klingt seltsam.
Aber es handelt sich keineswegs um ein tschechisches Kuriosum. Auch in den USA kämpft die International
Dark Sky Association seit Jahren für einen möglichst dunklen Nachthimmel. Der Ethikrat neigt dazu,
Jan Hollan gegen die gewiss reichlich vorhandenen Widerstände den Rücken zu stärken.
Schließlich ist die Zerstörung der Nacht und des Dunkels durch das Licht ein nicht minder
schwerer Fall von Vermüllung als die Zerstörung der Stille durch Lärm oder die schon gegeißelte
Dosenvariante des Naturvandalismus. Alles, die Philosophie gerät hier in einen gewissen
Loyalitätskonflikt.
Der Ethikrat muss sich nur darauf besinnen, dass die Metaphysik seit Parmenides und Platon
Lichtmetaphysik ist. Die Sonnen- und komplementären Höhlengleichnisse haben seit je die
Metaphern- und Meinungsführerschaft. Gott, Schöpfung, Vernunft, Wahrheit - sie alle sind
auf den Namen von Sonne und Licht getauft, während der angebliche Lichtträger Luciferus
der finsterste aller dunklen Geister ist. Die sich "abendländisch" nennenden Menschen
haben nie etwas Eiligeres zu tun gehabt, als in der Geburt das "Licht der Welt" zu erblicken.
Selbst der berüchtigte Rustikalontologe aus dem schwarzen Walde, Sankt Martinus [Heidegger]
aus Meßkirch, feiert die "unverborgenheit" der "Lichtung". Der "Aufklärung" verschrieben
haben sich auch die dem Ethikrat näher stehenden Penaten. Mit einem Wort: Wo es, das Dunkel,
war, sollte Licht werden. Unter diesen Voraussetzungen ist schon das Kompositum "Lichtverschmutzung",
eine Verschmutzung nicht des Reinen, sondern durch das Reine, eine einzige Zumutung!
Allerdings, Aufklärung sei Dank, gab es auch Gegenstimmen. Schon der große Immanuel Kant
war keineswegs eindeutig auf der Lichtseite, als er den "bestirnten Himmel" zusammen mit dem
"moralischen Gesetz" feierte. Er wusste, dass ohne Nacht und Dunkel dieser Himmel nur schwer,
wenn überhaupt, zu sehen ist.
Die gar nicht mehr bloß metaphorische Verbindung mit der Profession Jan Hollans liegt klar
zutage: Astronomen, Gestirnforscher wie Philosophen leben und arbeiten von des Dunkels Gnaden.
Wo das Licht totalitär wird wie in den Metropolen der Moderne, wo die Vermüllung des Weltraums
mit Lichtreklame schon erwogen wird, da herrscht in der Tat Lichtverschmutzung. So löst
der Ethikrat am Ende seinen berufsbedingten Zwiespalt auf: Der weise Astronom vom Observatorium
in Brünn hat nur eher und präziser als alle anderen erkannt, dass statt der guten alten
Verdunkelungs- längst die Erhellungsgefahr droht. Die Lichtfolter im globalen Maßstab.
Es gibt ein Menschenrecht auf Dunkel wie auf Stille.
ZITAT ENDE