Notitzen und Materialien zum mittelalterlichen Baubetrieb

Bearbeitung von Werkstein im Mittelalter: Quaderbearbeitung - Einleitung


Vorbemerkung zur Terminologie

Koepf definiert den Quader oder Quaderstein als einen in regelmäßige Form gebrachten Haustein bzw. Werkstein mit meist glatten, parallelen Flächen. Binding schränkt noch ein, daß alle Flächen rechtwinkelig zueinander stehen sollen. Besonderes Augenmerk wird auf die Bearbeitung der Sichtflächen gelegt, aus deren individueller Gestaltung sich die spezielle Typologie ableitet.

Man unterscheidet mehrere Bearbeitungsschritte:

Verschiede Steinhämmer zur groben Bearbeitung des Rohblocks (ital.: mazza)

 

Der Rohblock wird zunächst mit dem Hammer durch direktes Abschlagen vorstehender Teile oder durch geschicktes Ausnutzen der natürlichen Spalteigenschaften des Gesteins annähernd auf prismatische Form und gewünschte Größe gebracht. Bildet dies gleichzeitig die Endphase der Bearbeitung, so spricht man je nach Bearbeitungsgrad von einem hammerrechten Bruchstein (grobe Form) bzw. hammerrechten Quader (sorgfältigere Oberflächengestaltung). Daraus leiten sich die Begriffe hammerrechtes Bruchsteinmauerwerk oder Grobquadermauerwerk ab.

    

Errichtung des Randschlages durch "Versehen" mit der Richtlatte zur Definition des Quaderspiegels; anschließend Bestimmung der nächsten Quaderseite mit Winkel und weiteren Randschlägen.

Eine weitere Bearbeitungsstufe des Quaders erfordert die Definition ebener und winkelrecht zueinander stehender Quaderseiten. Dazu bedient man sich des sogenannten Randschlags oder Saumschlags. Diese sorgfältig gemeißelten Randbegrenzungen definieren jeweils die Ebene einer Quaderseite und säumen den Quaderspiegel, der zunächst noch als Bosse unbearbeitet stehen bleibt. Die weiteren Arbeitsgänge betreffen nun die Gestaltung dieses Quaderspiegels.

Padua, Casa di Ezzelino, Turmsockel mit verschiedenen Formen von Bossen-, Polster- und Buckelquadern. Teilweise auch Vorformen von Spiegelquadern (Mitte 13. Jh.!). Zangenlöcher und spätromanische Steinmetzzeichen.

Final Borgo, Castel Gavone, Torre dei Diamanti. Bemerkenswerte Verbindung von Wehrfunktion (Turm zur Angriffseite zugespitzt) und repräsentativer Gestaltung (Diamantquader, 15. Jh.)

Bleibt die Bosse der Schauseite des unbearbeitet, so spricht man von Bossenquader mit den Spielarten des Buckelquaders oder Polsterquaders. Naturgemäß muß jedoch die Bosse an den Lagerflächen und Stoßflächen zur Einhaltung eines regulären Mauerverbandes stärker eingeebnet werden. Ähnliche Termini sind Rustikaquader bzw. die Ableitungen Buckelquadermauerwerk, Polsterquadermauerwerk, Rustikamauerwerk.

Bei der Tafelbosse, einer nachmittelalterlichen Weiterentwicklung des Bossenmauerwerks, wird die Bosse eben abgeglichen, also quasi als plastischer Quaderspiegel mit Randprofilierung betont. Ebenfalls neuzeitlich ist der sogenannte Diamantquader, bei welchem die Bosse in glatter Pyramidenform zugerichtet wird.

Die meisten mittelalterlichen Quader zeigen jedoch eine mehr oder weniger aufwendige Einebnung des Quaderspiegels. Dabei wechselt im Laufe des Mittelalters neben der Breite des Rand- der Saumschlages vor allem die Art, wie und mit welchem Werkzeug der Quaderspiegel gestaltet wird.

Hiebwerkzeug - Bearbeitung mit Doppelfläche "auf der Bank"

Grundsätzlich kann zwischen Hieb- und Schlagwerkzeugen unterschieden werden. Zu den Hiebwerkzeugen zählen alle beidhändig geführten hammer- oder beilartigen Instrumente. Im Mittelalter sind dies der Steinhammer, die Spitze bzw. Doppelspitze, die Fläche bzw. Doppelfläche und die Kombination der Spitzfläche. Ist die Schneide dieser Hiebwerkzeuge gezahnt, so spricht man von Zahnfläche, Doppelzahnfläche usw. Die Grundformen werden außerdem je nach Schwere oder Art der Hiebführung unterschiedlich benannt wie z. B. die leichte Fläche als "Pille". Im deutschsprachigen Raum gibt es außerdem keine einheitliche Terminologie. So spricht etwa der österreichische Steinmetz von Steinhacke oder Bossierhacke, wenn er eine Fläche meint. Wie allerdings die Werkzeuge im Mittelalter bezeichnet wurden ist weitgehend unerforscht.

Schlagwerkzeug - Bearbei- tung mit Scharriereisen und Klüpfel

Im Gegensatz zu den Hiebwerkzeugen werden Schlagwerkzeuge mit einer Hand gehalten (geführt), während die Kraftwirkung mit einem eisernen Schlegel oder einem hölzernen Klüpfel (Klipfel) erzeugt wird. Die allgemein als Eisen bezeichneten Schlagwerkzeuge werden mit diesem Schlegel oder Klipfel über das Werkstück "getrieben". Die Terminologie ist hier landesweit ebenfals nicht einheitlich und leitet sich meist von der Form und Länge der Schneide ab. Analog zu den Hiebwerkzeugen gibt es daher das Spitzeisen, Meissel mit glatter oder gezahner Schneide (Zahneisen) in breiter oder schmaler Form (Breiteisen, Scharriereisen u. ä.). Spezialformen für den Bildhauergebrauch haben u. a. gekrümmte oder gebogene Schneiden (Mondeisen, Hohleisen), desgleichen werden für bestimmte Arbeiten Eisen mit stumpfer Schneide benötigt (Sprengeisen, Nuteisen usw.)

 

 

 

 

Bearbeitung "auf der Bank", Anfang 15. Jh. Spitzfläche, Winkel, Lotwaage.

 Bearbeitung "auf der Bank", um 1930. leichte und schwere Spitzfläche

 Bearbeitung "im Stich", 16. Jh. Spitzfläche, Winkel, Richtlatte, am Boden Klüpfel und Eisen.

 Bearbeitung "im Stich", um 1930. Doppelzahnfläche

Die Werkzeugspuren werden weiters von der Art der Werkzeugführung bestimmt. Von "Bearbeitung auf der Bank" spricht man dann, wenn das Werkzeug von oben auf die Quaderfläche trifft. Bei der "Bearbeitung im Stich" schlägt das Hiebwerkzeug auf die Seitenfläche des Werkstücks. Näheres über Werkzeuge Bearbeitungstechniken wird an gesonderter Stelle erörtert (Link in Vorbereitung).

Die Oberflächenstruktur der Ansichtsseite eines Quaders wird nach den obigen Ausführungen im Mittelalter zu einem wesentlichen ästhetischen Gestaltungselement. Während die optische Evidenz eines Bossen- oder Buckelquadermauerwerks unmittelbar nachvollziehbar ist, stellt sich beim "Normalfall" des Quadermauerwerks die Frage, ob die Oberflächentruktur - also gleichsam die "Haut des Bauwerks" wie es Paul Hofer treffend formuliert hat - als solche im Mittelalter überhaupt gesehen werden konnte. Waren diese Beabeitungsspuren mittelalterlicher Steinmetzwerkzeuge nicht durch Verputz, Wandmalereien oder andere Wandgestaltungen (Tapisserien!) verdeckt?

Quadermauerwerk ist nicht nur eine Form der Wandgestaltung, ungeachtet dessen, was nach Errichtung des Bauwerks damit passiert, sondern darüber hinaus eine kostenträchtige Form des Mauerbaus. Sich ein Bauwerk aus Quadern zu leisten ist auch eine Sache des Prestiges und der Repräsentation. Dies zeigt sich unter anderem darin, daß man dort, wo man mit Bruchsteinen baute oder bauen mußte - sei es aus Geldmangel, sei es aus Mangel an geeigneten Steinmaterial - oft den einlagig aufgebrachten Verputz mit einer aufgemalten Quader-Fugenmalerei versah. Umgekehrt durfte es keine Rolle spielen, wenn man Teile des aufwendig hergestellten Quadermauerwerks mit malerischem Schmuck versah und damit seine Oberflächentextur dem Blick des Betrachters entzog.

Stiftskirche Heiligenkreuz, Niederösterreich, romanische Obergadensüdwand des Langhauses

Stiftskirche Heiligenkreuz, Niederösterreich, Südwand des Langhauses unter dem Seitenschiffdach

Andererseits gibt es Fälle, in denen von vorhinein nicht einsehbares Mauerwerk zum Teil nur einseitig (einschalig) als Quadermauerwerk ausführte. So kann des öfteren festgestellt werden, daß bei basilikalen Anlagen die Mittelschiffsmauer gegen den Innenraum zu in Quadertechnik ausgeführt ist, während an der Außenseite - also im Dachraum über dem Seitenschiff - nur Bruchsteinoberflächen zu sehen sind. Erst über dem Dachfirst des Seitenschiffs, wo der Obergaden sichtbar wird, wurde die Quadertechnik wieder aufgenommen (z. B. Stift Heiligenkreuz/Niederösterreich - hammerrechtes Bruchsteinmauerwerk). Als Ganzes betrachtet bedeutet dies, das Fugennetz, Steinversatz und bewußte Gestaltung der Textur des Quaderspiegels Teil einer ästhetischen Grundhaltung beim Herstellungsprozeß sind, welche auch dann weiter durchgeführt wurden, wenn eine unmittelbare Wahrnehmung durch den Betrachter nicht gegeben war. Zweifellos waren die mittelalterlichen Quaderoberflächen zumindest von einer dünnen Kalkschlämme überzogen, die jedoch die darunterliegende Struktur des Mauerwerks erkennen ließ.

Die Veränderungen in der Texttur der mittelalterlichen Quaderoberflächen kann daher nicht allein nur als ein Phänomen der technischen Entwicklung innerhalb des Steinmetzhandwerks gesehen werden, dessen Bedeutung für den Betrachter mit dem Versetzen des Werksteins am Bau beendet ist und erst durch den Alterungsprozeß unter dem Verputz oder der Schlämme nach Jahrhunderten durch Zufall wieder zum Vorschein kommt. Zu Recht betonte also Alois Kieslinger im Zusammenhang mit der denkmalpflegerischen Bewertung der alten Werkstein-Oberflächen, deren künstlerischen und geschichtlichen Wert.

Die bislang im wesentlichen gültige und umfassendste Darstellung über die Bearbeitung mittelalterlicher Werksteinoberflächen hat 1932 der ehemalige Dombaumeister des Ulmer Münsters, Karl Friederich, veröffentlicht. Weitere Beiträge brachten der Geologe Alois Kieslinger, der Kunsthistoriker Benno Ulm und schließlich die Generation der deutschen Bauforscher: zunächst u. a. W. Haas oder D. v. Winterfeld. Praktisch gesehen liegt der Schwerpunkt der Forschung heute im interdisziplinären Bereich von Bauarchäologie, Mittelalterarchäologie, historischer Hausforschung bzw. Bauforschung. Andeutungsweise sei hier auf die bereits einschlägigen Lehrstühle und  Collegs in Bamberg und Berlin hinzuweisen. Eine wesentliche Rolle bei der Erforschung mittelalterlicher Bautechniken spielt naturgemäß die Burgenforschung (z. B. D. Leistikow) und nicht zuletzt die im Zuge von Bau- und Restaurierungsmaßnahmen getroffenen und wissenschaftlich nachvollziehbaren Beobachtungen der Dombaumeister.

 

 

 

Mannersdorf a. L., Steinmetzmuseum. Vitrine mit Meßwerkzeugen, im Hintergrund Hebezeuge (Steinzange, Wolf)

 

Von handwerklicher Seite - also direkt aus der Praxis des Steinmetzgewerbes fußend - hat der Mannersdorfer Steinmetzmeister Friedrich Opferkuh in jahrzehntelanger akribischer Kleinarbeit eine Sammlung an historischen Steinmetzgeräten zusammengetragen, welche heute den Großteil des Bestandes des Museums der Steinmetztechnik in Mannersdorf am Leithagebirge (Niederösterreich) bildet. Die umfangreiche Sammlung deckt seit Jahrzehnten den einschlägigen Bedarf an Exponaten vieler Landesausstellungen ab, wobei das aus eigener Anschauung erworbene Wissen Opferkuhs über die Steinmetztechniken aus der Zeit vor der Industrialisierung des Gewerbes von besonderem Wert ist.

Im Folgenden soll daher die Entwicklung in der Gestaltung mittelalterlichen Quaderoberflächen im Überblick angeführt werden, wobei nach der weitgehend akzeptierten Stufeneinteilung K. Friederichs zu Grunde gelegt wird. Das Illustrationsmaterial stammt teilweise aus der Erstausgabe Friederichs (1932), dem 15. Band des "Handbuch des Bautechnikers" von A. Opderbecke (1912) und eigenen Aufnahmen (Steinmetzmuseum Mannersdorf, Ausstellungen in der Kartause Mauerbach und in Linz; eigene Dokumentationen anläßlich von Baubefundungen).

[ Fortsetzung ]


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 1998, 2005
(Publikationen)