Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Regionale Bautengruppen - Mondsee und Attergau


Für die Klärung der Zusammenhänge und gegenseitigen Abhängigkeiten regionaler Bautengruppen wäre vor allem die Untersuchung der ab dieser Zeit in großer Zahl entstehenden Landkirchen nötig. Durch die Einbeziehung schriftlicher Quellen (Baurechnungen, Verträge) und die durchgehende Erfassung und lagemäßige Kartierung der Steinmetzzeichen konnten bereits ansatzweise Untersuchungen <42> durchgeführt werden, die eine Korrektur rein form- und stilgeschichtlicher Hypothesen erbrachten und die die komplizierten Verflechtungen wechselnder Bautrupps transparent machen.

Als Beispiel sei auf die baulichen Aktivitäten des Benediktinerklosters Mondsee verwiesen, welches ab der Mitte des 15. Jahrhunderts in der regionalen Baukunst führend wurde. Das Kloster hatte sich als eines der wenigen außerhalb des Donautales <43> 1434 der sogenannten Melker Reform (ab 1418) angeschlossen, was sich unter anderem wirtschaftlich positiv auswirkte und eine rege Bautätigkeit am Kloster und den von ihm abhängigen Kirchen initiierte. Obwohl die Melker Reform sich primär um die Reformation des Klosterlebens bemühte, fand sie ihren Niederschlag auch in der Architektur. Dazu gehören eine Neubewertung der architektonischen Stellung der Bibliothek und die Neuorganisation der Klostertrakte, insbesondere was die Aufgabe des Dormitoriums zugunsten der Mönchszellen betraf.

Mondsee, ehem. Stifts- heute Pfarrkirche hl. Michael, Ansicht der Ostanlage, links Chor, rechts Klostertrakt (Sakristei).

Mondsee, ehem. Stifts- heute Pfarrkirche hl. Michael,
Ansicht der Ostanlage, links Chor, rechts Klostertrakt (Sakristei).

Von der ab 1430 umgestalteten Anlage in Melk, die als programmatischer Bau angesehen wird, gibt nur ein Stich von 1702 Auskunft, und Lambach, als weiterer oberösterreichischer Bau dieser Reform, ist stark barock erneuert, sodaß die Charakteristika der Melker Reform in Mondsee am Bau direkt abgelesen werden müssen. Für die 1470 begonnene Kirche wählte man die basilikale Form, nicht die Halle. Der am Außenbau sich scheinbar als doppelchörige Anlage präsentierende, auffallend lange Chor ist einschiffig, der zweite "Chor" erweist sich als Sakristei und gehört nicht zur Kirche, sondern zum Konvent. Der Zugang vom Chor zum Kloster erhielt 1488 sein reich ausgeschmücktes Figurenportal, wodurch er in besonderer Weise hervorgehoben wird.

Schon der ab 1441 begonnene Kreuzgang hat auf Lücke gestellte Springgewölbe, welche die Abhängigkeit aus dem Burghausener Kreis belegen. Die Beziehung wird durch die spätere Beteiligung eines Meisters Hans Lenngdörfer (1493 und 1497) aus Burghausen noch untermauert. Das Mittelschiff weist die traditionell als Wechselpergerfiguration benannte Wölbung auf, die in der Mittelschiffswölbung der Pfarrkirche von Braunau ihre Entsprechung hat, während die keilförmig eingezogenen Wandpfeiler der Sakristei an den Chor der Salzburger Franziskanerkirche denken lassen.

Die Kirche von St. Wolfgang <44>, einem der wichtigsten Wallfahrtsorte in Oberösterreich, unterstand dem Kloster Mondsee. Die komplizierte Baugeschichte konnte nur unter Einbeziehung einer Analyse der Steinmetzzeichen rekonstruiert werden: Das Langhaus ging aus einem romanischen oder frühgotischem Rechtecksaal hervor, wurde 1455 -1463 einhüftig gegen Norden als zweischiffiger Bau erweitert und nach 1770 durch den Chor und den Turm ergänzt. Die Wölbeformen entsprechen einerseits denen der Klosterkirche (Wechselpergerfiguration), andererseits zeigen sie Figurationen aus dem Burghausen-Krumenauer Kreis, wie die fließenden Rauten im Chor oder die sechsteiligen Rautensterne im Hauptraum. Bemerkenswert ist das stilistisch älter wirkende "Mondseer" Figurenportal, welches in die Sakristei bzw. in den Turm führt.

Die in Mondsee und St. Wolfgang gefundenen Steinmetzzeichen treten in wechselnder Kombination mit weiteren Gesellenzeichen an mehreren Bauten im Mondseeland auf und reichen bis nach St. Georgen im Attergau, wo sich diese Gruppe mit einer vorwiegend im Attergau tätigen Bauhütte überschneidet <45>.

Die Attergauer Bautengruppe war lange Zeit mit der Persönlichkeit Stephan Wultingers "von Veglenmargk" in Zusammenhang gebracht worden, welcher 1515 laut Nachweis im Admonter Hüttenbuch in die dortige Steinmetzbruderschaft aufgenommen worden war. Die vermeintliche Ähnlichkeit des dort vermerkten Steinmetzzeichens mit jenen an Attergauer Bauten und oberflächliche formale Übereinstimmungen der Kirchen im Raume Vöcklamarkt führten in der Forschung zur Konstruktion eines an eine Person zugeschriebenen Oeuvres, das einer stilistischen Kritik nicht standhält.

So zeichnen sich die um 1495 gewölbten Kirchen von St. Georgen im Attergau und Zell am Pettenfirst durch eine große Steilheit und Lichtfülle bei sorgfältiger steinmetzmäßiger Verarbeitung der architektonischen Details aus <46>. Eine jüngere Attergauer Bauhütte aus der Zeit um 1510 wieder bereichert die architektonische Zier durch Schmuckformen, die aus der Kerbschnittechnik abgeleitet sind und in ihrer Dekorationsfreudigkeit Elemente der Donauschularchitektur übernehmen. Das Hauptwerk bildet die Empore der Pfarrkirche von Vöcklamarkt, die durch ihre plastische Zier weit über die Möglichkeiten der geometrischen Kerbschnitzmotive hinausgeht. Die Empore zeigt eine Reihe von portraithaften Köpfen, in denen man eine Selbstdarstellung der am Bau tätigen Personen vermuten könnte <47>.

Die unterschiedlichen stilistischen Merkmale der beiden beispielhaft zitierten Gruppen um das Mondsee-Attergau-Gebiet sind Teil eines Stilpluralismus, der oft vereinfachend unter den Begriffen Endgotik, Donaustil und Barockgotik subsummiert wird, und neben der dekorativen Komponente insbesondere die seit den Achtzigerjahren des 15. Jahrhunderts auf breiter Basis einsetzende Dynamisierung der Gewölbe beinhaltet.

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  • 42 Z. B. Prokisch 1983 und 1986.
  • 43 Dazu gehören z. B. Admont in der Steiermark und Nonnberg in Salzburg. Lit.: siehe Wagner-Rieger 1967, S. 349 und S. 365 mit Literatur.
  • 44 Ulm 1972.
  • 45 Ulm 1975 und 1981.
  • 46 Ulm 1983, S. 163 schreibt dem gleichen Meister Schörfling, Gampern, die Westteile von Schöndorf und Abtsdorf zu.
  • 47 Deutung nach Ulm 1983, S. 166. 

[Literatur]


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005