Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Nachlese und Ergänzungen
zur Ausstellung "gotik Schätze oberösterreich"
Linz 2002


Im Schlossmuseum Linz fand vom 22. April bis 27. Oktober 2002 die 'Ausstellung "gotik SCHÄTZE oberösterreich" - Kunst und Lebensalltag' statt. Die Ausstellung hatte die Darstellung der Epoche der Gotik in Oberösterreich in allen Facetten zum Ziel.

"Neben erlesenen Hauptwerken der Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes werden auch die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und geistigen Lebensbedingungen des mittelalterlichen Menschen auf lebendige Weise vermittelt. Zusätzlich ermöglichen speziell dem Alltagsleben gewidmete Räume mit allen Sinnen in die faszinierende Welt der OÖ. Gotik einzutauchen." *)

Der von mir gestaltete Raum hatte die Sakralarchitektur zum Gegenstand, wobei ausgewählte Themenkreise schwerpunktartig die Vielfalt der gotischen Kirchenarchitektur behandelte. Der einführende Beitrag und die Texte zu den ausgestellten Objekten wurden als Ausstellungskatalog bereits 2002 publiziert

[Rudolf Koch, Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich, in: "Gotik Schätze Oberösterreich", Kataloge des Oberösterreichischen Landesmuseums NF 175, Linz 2002, Beiträge S. 59ff.und Kat. Nr. 1/5/ff.]

und in erweiterter Online-Form hier aufbereitet.

 

Themenkreise der Ausstellung:

Baubetrieb und Bautechnik - Beispiele der Steinmetzkunst
Auf einer begehbaren Holzplattform - sie stellt einen sogenannten "Reißboden" dar - wurden originale gotische Architekturteile aufgestellt. Sie zeigen einerseits die Vielfalt der in der Gotik verwendeten Baugesteine Oberösterreichs, andererseits ermöglichen sie die Nahsicht auf bautechnische Details wie Bearbeitungsspuren, Färbelungen, Ritzungen und Vorzeichnungen.
 
Gotische Kirchenbauten in Oberösterreich - eine Bestandsübersicht
Von der vornehmsten Gattung der gotischen Architektur, dem Kirchenbau, zeugen in Oberösterreich mehr als 500 Objekte. Eine Schautafel über dem Reißboden zeigt die Verteilung des Denkmälerbestandes in den drei wichtigsten Zeitabschnitten.
 
Bettelordensarchitektur und Herrschaftskapellen
In der Gotik des 14. Jahrhunderts spielte die Bettelordensarchitektur eine wesentliche Rolle, deren schlichte Formen in einem künstlerischen Spannungsverhältnis zur gleichzeitigen Herrschaftsarchitektur stehen. Dies wird am Beispiel des Baukomplexes der ehemaligen Minoritenkirche und der daran angebauten Herrschaftskapelle der Wallseer in Enns demonstriert.
 
Wechselbeziehungen zwischen den Bautraditionen - Steyr und die "Steyrer Bauhütte"
Anhand der Steyrer Stadtpfarrkirche und ihrer Baugeschichte vom 15. bis ins frühe 16. Jahrhundert wird exemplarisch die Entwicklung eigenständiger Leitformen und die Emanzipation einer Bauhütte aus den Bautraditionen verschiedener Hüttenbereiche ablesbar gemacht.
 
Zentralisierungstendenzen und Hallenräume
Das Problem der spätgotischen Raumgestaltung spielt in Oberösterreich eine wichtige Rolle. Das Thema Ein- und Dreistützenraum bzw. "Seckseckkirche wird anhand der Zentralbauten in St. Peter bei Freistadt und der Bürgerspitalskirch von Braunau behandelt.
 
Mehrschiffige Anlagen und Wandpfeilerkirchen
Ebenso wie die Zentralbauten werden auch mehrschiffigen Kirchentypen weiterentwickelt. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den Hallenräumen bzw. Staffelhallen zu, wobei diese noch durch Wandpfeiler anstelle von außenliegenden Strebepfeilern schiffartig erweitert werden. Dies zeigt unter anderem ein Vergleich der Stadtpfarrkirche von Braunau mit jener von Eferding.
 
Tradition und Reform in der Klosterbaukunst
Stellvertretend für die unterschiedlichen Einstellungen zur Bautradition in Oberösterreich sind hier das eher konservativ eingestellte Zisterzienserkloster Baumgartenberg und die innovativen Auswirkungen der sogenannten "Melker Reform" auf das Baukonzept der Stiftskirche von Mondsee zu nennen.
 
Gewölbeformen in Oberösterreich
Einen wesentlichen Anteil an der Raumbildung und Raumwirkung gotischer Kirchen hat die Gewölbeform. Ausgehend vom einfachen Kreuzrippengewölbe entwickeln sich vom 15. bis ins frühe 16. Jahrhundert joch- und raumverschleifende Gewölbefigurationen (Sternrippengewölbe, Netzrippengewölbe). Diese figurierten Gewölbe werden ab der Mitte des 15. Jahrhunderts durch Biegen und Krümmen zu dynamischen und raumübergreifenden Figurationen weiter entwickelt (Schlingrippengewölbe, Bogenrippengewölbe). Als Beispiele der Endphase der Gotik folgen dekorative Figurationen (Maßwerkgewölbe, Astwerkformen) und schließlich der Verzicht auf Rippen, wobei die Gewölbeschale selbst die Gewölbegliederung darstellt (Zellengewölbe). Die oberösterreichischen Gewölbeformen sind dabei nicht nur als Synthese bayrischer-böhmischer Anregungen oder Derivate der Wiener Bauhütte zu verstehen, sondern kommen zu durchaus eigenständigen Lösungen.
 
Bauhütten und Bauorganisaton
Die Leistungen der oberösterreichischen Kirchenbaukunst sollten auch im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Baubetrieb gesehen werden. Über Baumeister und den gotischen Baubetrieb geben originale Pergamentpläne, zeitgenössische Darstellungen, Werkzeuge und Steinmetzzeichen Auskunft. Letztlich ermöglicht es erst die Analyse von Werkzeugspuren, Bearbeitungstechniken, die Beachtung bautechnischer Aspekte oder der Steinmetzzeichen sowie die genauen Beobachtung bzw. Dokumentation dieser Quellen, eine wissenschaftlich gesicherte Baugeschichte im Sinne einer modernen "Bauarchäologie" zu schreiben. Im Rahmen der Ausstellung von 2002 wurden dazu Originalvisierungen (Baurisse) der Wiener Bauhütte (Steyr), das sogenannte "Admonter Hüttenbuch" (um 1480) und Abgüsse von Steinmetzzeichen gezeigt.
 
Wolfgang Tenk, ein Baumeister der Spätgotik in Steyr
Viele der mittelalterlichen Baumeisterpersönlichkeiten sind anonym geblieben. Unter den in Oberösterreich namentlich bekannten Steinmetzen und Meistern wird Wolfgang Tenk anhand seines in der Stadtpfarrkirche von Steyr erhalten geliebenen Grabdenkmals beschrieben, der schon im Zusammenhang mit dem sogenannten "Admonter Hüttenbuch" erwähnt wurde.
 
Gotische Portaltypen in Oberösterreich
Am Beispiel der oberösterreichischen Portaltypen wird die Leistungsfähigkeit und schöpferische Phantasie der spätmittelalterlichen Steinmetzen deutlich. Der Typenvorrat läßt sich hier in ornamentale und figurierte Portalschöpfungen einteilen.
 
Fenstermaßwerke
Mit der gleichen Virtuosität beherrschen die Steinmetzen die Gestaltung der Fenstermaßwerke. Ihre Entwicklung verläuft verläuft stilistisch parallel mit den Portalen und Gewölbefigurationen. Exemplarisch werden die frühen, streng geometrischen Maßwerke des 14. Jahrhunderts (Enns, Wallseerkapelle) den dynamisierten Spätformen des ausgehenden Mittelalters (St. Georgen i. A. Ende 15. Jh., Vöcklamark vor 1512) gegenüber gestellt.

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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005