Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Fenstermaßwerke


Gotische Fenstermaßwerke gehören zur ungegenständlichen geometrischen Bauornamentik und sind insbesondere im 15. und frühen 16. Jahrhundert Gegenstand virtuoser Steinmetzkunst. Leider wurden viele Maßwerke zur Barockzeit entfernt oder abgemauert. Große Substanzverluste sind auch der Abwitterung zuzuschreiben. Erst mit dem Aufkommen des Historismus und der Neugotik gewinnt das Fenstermaßwerk erneut an Bedeutung. In dieser Zeit werden häufig Maßwerke wieder freigelegt, restauriert oder großzügig ergänzt, sodaß aus heutiger Sicht ohne eingehende Untersuchung vom Gerüst aus nicht immer entschieden werden kann, wieviel an Altsubstanz vorhanden ist und ob ein Maßwerk eine getreue Kopie des gotischen Originals oder eine historisierende Neuschöpfung ist.

Lit.: Günther Bindung, Das Maßwerk, Darmstadt 1989.

Enns, Wallseerkapelle, Nordfassade

Enns, Fenstermaßwerk

Enns, Wallseerkapelle, Fenstermaßwerk

Fenstermaßwerk, 14. Jahrhundert

Dreibahniges Maßwerkfenster. Das Couronnement (spitzbogiger Fensterabschluß) zeigt drei streng vertikal ausgerichtete und in Kreisen eingeschriebene stehende Vierpässe. Sämtliche Maßwerkformen beruhen auf dem Kreis. Für den Quaderbau des 14. Jahrhunderts charakteristisch ist der sorgfältig ausgearbeitete schmale Rücken der Bogensteine der Fensterlaibungen.

St. Georgen im Attergau, Pfarrkirche, südliche Langhauswand

St. Georgen i. Attergau, Pfarrkirche, Fenstermaßwerk

St. Georgen i. Attergau, Pfarrkirche, Fenstermaßwerk

Fenstermaßwerk, Ende 15. Jahrhundert

Dreibahniges Maßwerkfenster. Die Fensterbahnen enden in stark genasten Dreiblättern. Den Großteil des Couronnements bilden zwei gegenständige dreiblättrige Falchions, typisch spätgotische asymmetrische Maßwerkformen. Im Gegensatz zur Quaderarchitektur des 14. Jahrhunderts (Enns, Wallseerkapelle) greifen die Bogenrücken unregelmäßig in das verputzte Mauerwerk ein. Die Fenstergewände sind glatt ausgeführt, nur die spitzbogige Laibung ist mit einer tiefen schattenden Kehle betont.

Vöcklamarkt, Pfarrkirche, südliche Langhauswand

Vöcklamarkt, Pfarrkirche, Fenstermaßwerk

Vöcklamarkt, Pfarrkirche, Fenstermaßwerk

Fenstermaßwerk, vor 1512

Dreibahniges Maßwerkfenster. Die Fensterbahnen schließen rundbogig mit stark genasten Dreipässen. Das Couronnement ist bis auf einen zentralen stehenden Vierpaß zur Gänze aus stark geschwungenen Fischblasen (Schneusen) gebildet, die symmetrisch übereinander gestapelt sind. Die beiden obersten Fischblasen bilden eine dreiblättrige Lilie. Das Maßwerk beruht auf den Gestaltungsprinzipien der Flamboyantgotik und geht durch seine dynamisierenden Einzelformen über die Fenstermaßwerke von St. Georgen hinaus. Der Aufbau aus nahezu einer Maßwerkfigur (Fischblase) und deren additive Wiederholung erweisen sich als charakteristisch für die Endgotik. Der gute Erhaltungszustand läßt auf eine starke Restaurierung schließen.

 

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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005