Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Bauhütten und Bauorganisation


Grundrißvisierung des Chores der Stadtpfarrkirche von Steyr

Die Akademie der bildenden Künste in Wien verwahrt rund zwölf gotische Originalrisse, welche von der Forschung mit der Planung und Ausführung des Chores der Stadtpfarrkirche von Steyr (begonnen 1443 durch Hans Puchspaum) in Verbindung gebracht wurden. Sie stammen vermutlich aus dem Nachlaß des Neugotikers Hans Jäger. Das Steyr zugeordnete Konvolut umfaßt drei Chorgrundrisse, zwei Pläne zum Lettner und mehrere Varianten zum Sakramentshaus und der dreiteiligen Sessionsnische. Sämtliche Visierungen weichen in Details von der Ausführung ab, stellen also Planungsskizzen oder wieder verworfene Varianten dar. Einige der zugeschriebenen Visierungen wurden nach jüngsten Forschungen (Rudolf Koch, Hans Böker) als nicht zu Steyr gehörig angesehen. Ein Teil der Pläne ist mit Tusche auf Pergament gezeichnet, teilweise jedoch auf Papier und weist Gebrauchsspuren auf, was auf eine Verwendung direkt im Hüttenbetrieb schließen läßt. Die eindeutig mit Steyr in Verbindung zu bringenden Visierungen wurden bisher Hans Puchspaum oder seiner Werkstatt zugeschrieben. Den Forschungen Hans Bökers nach, wären jedoch sämtliche Pläne erst der Zeit des auf Puchspaum folgenden Wiener Dombaumeisters Laurenz Spenning zuzuordnen. Böker datiert diese Pläne daher in die Zeit um 1470, wobei er sich im Falle der Steyrer Chorgrundrisse unter anderem auf die schon in der älteren Forschung festgestellten Unsicherheiten in der Gewölbekonstruktion beruft. Diese Abweichungen wären nach Böker Beleg für eine wesentliche Umplanung des Puchspaumschen Erstentwurfs durch Spenning. Gerade diese Abweichungen der Pläne von der, auch von Böker akzeptierten, tatsächlichen Ausführung der Gewölbe um 1470 spricht jedoch eindeutig gegen eine Entstehung der Chorpläne unter Spenning, da der zu diesem Zeitpunkt bereits im Bau befindliche Nordturm auf keinem der Pläne aufscheint. Das Fehlen gewisser Details an der Nordwand (Treppenturm, Fenster) und im Bereich des südwestlichen Jochs belegt weiters, daß die drei Grundrißpläne sich nicht an den bereits unter Puchspaum begonnenen Umfassungsmauern orientieren, daher keine Bestandsaufnahme sein können, in der Laurenz Spenning bloß Varianten für eine neue Wölbung und den Lettner probierte. Vielmehr dokumentieren die Visierungen Planvarianten vor oder unmittelbar während des Chorbaus, wie bereits an anderer Stelle (R. Koch 1993) dargelegt wurde. Die Baurisse für den Chor von Steyr sind somit weiterhin plausibel der Zeit Puchspaums zuzuschreiben.

 

Koepf Kat. 237

Koepf Kat. 75 R

Koepf Kat. 214

Um 1443
Tusche auf Papier, 54,5 x 74,5 cm
Wien, Akademie der bildenden Künste, Kupferstichkabinett, Inv. Nr. 17052 (= Koepf Kat. 237)
Alternative Pläne:
Tusche auf Papier, 43 x 69 cm (fragmentiert), Inv. Nr. 17029 (= Koepf Kat. 214)
Tusche auf Pergament, 16890 R, 55 x 75,3 cm (= Koepf Kat. 75 R)

Der ausgestellte Plan zeigt den Chorgrundriß mit den für die Wiener Bauhütte (Langhaus St. Stephan) typischen Bündelpfeilern und kräftig ausgebildeten, schifftrennenden Scheidrippenprofilen. Die beiden Pfeiler gegen das um 1443 noch bestehende romanische Langhaus sind kräftiger ausgeführt, davor nimmt ein Hallenlettner mit verspringender Dreistrahlfiguration die gesamte Chorbreite ein. Während das Mittelschiffsgewölbe der Ausführung entspricht, sind die Seitenschiffjoche mit vierteiligen Knickrippensternen gewölbt. Die Jochgrenzen sind im Sinne einer Jochverschleifung in monumentalen Bogenrippen, welche Bogenquadrate bilden, aufgelöst. Das nordwestliche Chorjoch wurde leer belassen. Hier entstand um 1470 der einspringende polygonale Turm. Die Langhauspfeiler sind nur angedeutet, was darauf schließen läßt, daß zu Puchspaums Zeiten bloß der Chorbau beschlossen war, man jedoch bereits an eine Fortführung als dreischiffige Anlage nach dem Vorbild der Chorarchitektur dachte.

Lit.: Koepf 1969, S. 51 und Katalog Nr. 237. Koch 1993, S. 27 - 36. Böker 2001, insbesondere S. 27.

Steinmetzbruderschaften und das Bauhüttenbuch von Admont

Das sogenannte "Admonter Hüttenbuch" befand sich - bis zu seiner jetzigen Verwahrung im Steiermärkischen Landesarchiv - in der Zunftlade der Admonter Maurerinnung. Neben der Abschrift der "Ordnung der deutschen Pallier und Mauerergesellen ...", der "Ordnung der deutschen Diner oder LeerJunger ..." enthält das Hüttenbuch noch ein "Register der deutschen Maistern des Mauerwerchs Handwerchs" und einen Nachtrag zum Maurergesellen-Register von 1646. Ab 1590 bis 1672 wurde das Buch von der Admonter Maurerinnung weitergeführt.

Sogenanntes "Admonter Hüttenbuch"

Sogenanntes "Admonter Hüttenbuch"

Das Titelblatt zeigt oben in einem roten Schild einen aus einer blauen Wolke hervorragenden geharnischten rechten Arm, der eine "Fläche" bzw. Steinhacke hält. Dieses Steinmetzwerkzeug weist die für die Spätgotik typische schmale Form als "Doppelfläche" auf. Die Beziehung zur Wiener Bauhütte ergibt sich aus dem ähnlichen Wappen am Siegel der bürgerlichen Steinmetzen und Maurer von St. Stephan. Hier hält der geharnischte Arm eine Spitzfläche. Das unter dem Admonter Wappen befindliche Schriftband weist den knapp 100 Seiten umfassenden Band als "der Stainmeczn zw Admud Pruederschaft" Buch aus.

Ein weiterer Schild trägt das Steinmetzzeichen des "Wolfganng Denck" und die Jahreszahl 1480. Meisterschild und Bruderschaftswappen wiederholen sich auf dem in der Steyrer Stadtpfarrkirche befindlichen Grabstein, der neben dem 1513 verstorbenen Meister und einem Schildhalter die Vier Gekrönten und den Gekreuzigten zeigt.

Von 1497 bis 1523 wurden von einem Schreiber vermutlich fortlaufend die in die Admonter Bruderschaft eingetretenen Steinmetzen eingetragen, die hinter ihren Namen jeweils ihr Steinmetzzeichen vermerkten. Die Aufnahme erfolgte jeweils zu den Pfingstfeiertagen, wobei zwischen Steinmetzgesellen und Meistern unterschieden wird. In der Regel werden nur Vor- und Zuname genannt, in einigen Fällen sogar eine Ortsbezeichnung: 1506 Mert von Rayn (Rein), 1509 Thaman Pramer von der Freinstadt (Freistadt), Meister Wolfgang Wunderlich zu Rottnmann (Rottenmann), 1516 Steffan Wultinger von Vegklenmargk (Vöcklamarkt), Pangrätz Heller von Schläming und Hans Puchler von Schlänyng (Schleining), 1517 Wolfgang Fugs von Spital (Spital), Lennhardt Märel (?) zu Rottenmann, 1521 Meister Sigmund Hentzinger im Beyer (?).

Unter den somit vorwiegend steirischen Steinmetzen und Meistern finden sich im Bruderschaftsbuch drei in Oberösterreich tätige Gesellen und Meister. An prominenter Stelle der Admonter Hütte ist der Meister von Steyr, Wolfgang Tenk (1480), genannt, dann Thaman Pramer (1509), der vermutlich als Geselle mit dem Stadtmeister Mathes Klayndl am Bau der Freistädter Pfarrkirche beteiligt war, und schließlich Stephan Wultinger (1516), dessen angebliches Oeuvre ausgehend von Vöcklamarkt einen Großteil der Attergauer Kirchen umfassen sollte, was sich allerdings letztlich als nicht haltbar erwies.

Lit.: A. Luschin v. Ebengreuth 1894, S. 168 - 171, 227 - 241.

Steinmetzzeichen (Abgüsse) und Faksimile der Eintragungen im Admonter Hüttenbuch

Gotikausstellung 2002: Vitrine mit Abgüssen von Steinmetzzeichen
Gotikausstellung 2002: Vitrine mit Abgüssen und Abriebzeichnungen
von Steinmetzzeichen (Dokumentationsmethoden). Faksimile der
"Wultinger"-Eintragung im sogenannten "Admonter Hüttenbuch".

Spätmittelalterliche Steinmetzzeichen sind Handwerkszeichen, ähnlich den Haus- und Hofmarken, welche den Steinmetzgesellen, in besonderen Fällen auch Lehrlingen, vom "Handwerck", das heißt von der Bauhütte oder der Steinmetzbruderschaft als persönliches Ehrenzeichen verliehen werden. Im engeren Sinn versteht man darunter das in das fertige Werkstück eingeschlagene Urheberzeichen. Aufgrund seiner einem Siegel gleichkommenden Bedeutung finden sich Steinmetzzeichen auch auf Verträgen, Urkunden oder wie im Falle des Admonter Bruderschaftsbuches zusammen mit dem Namen. Auch auf Plänen und Visierungen werden sie fallweise vermerkt. Eine Besonderheit stellen die Meisterzeichen dar, welche häufig in einem Schild eingeschrieben an prominenter Stelle, wie zum Beispiel im Gewölbe als Schlußstein, angebracht wurden.

Den Steinmetzzeichen ähnlich sind die Versatzmarken, welche in den Lager- oder Stoßfugen eingeschlagen oder mit Rötel eingezeichnet werden. Vereinzelt finden sich solche Versatzmarken auch in den Visierungen und Gewölbeplänen. Diese "Dadzeichen" sind meist einfacher gehalten als die Steinmetzzeichen oder bestehen aus Strichen und Zahlen.

Die Steinmetzzeichen setzten sich aus einfachen Grundfiguren zusammen (Winkel, Haken, Y-förmige Gabeln), welche durch Kombination eine unüberschaubare Zahl an Variationen ermöglichen. Diese Zeichen können durch den Versatz des Werkstückes verdreht werden, oder sie erscheinen in gespiegelter Form, sodaß nicht immer entschieden werden kann, ob es sich um das Zeichen einer Person handelt oder vielleicht um zusammengehörige Gruppen von Werkleuten. Überregionale Verbreitungsanalysen oder die Suche nach "Hüttenschlüssel", die der Zeichenbildung zugrunde liegen sollen, beschäftigten vor allem die ältere Forschung und haben sich als irrig erwiesen. Eine kritische Analyse der Zeichenfolgen an einem Bauwerk, die unter Berücksichtigung bauanalytischer und kunsthistorischer Aspekte durchgeführt wird, ist jedoch sehr wohl zielführend und ein leider viel zu wenig beachtetes Desideratum der Bauforschung.

Auch eine gewisse stilistische Entwicklung der Steinmetzzeichen ist festzustellen. "Epigraphisch" betrachtet zeigen die Zeichen der ausgehenden Gotik oft Serifen (punkt- oder trapezförmige Erweiterung der Strichenden) und eine Tendenz zu kurvigen Balkenformen. Die Größe kann ebenso als Unterscheidungskriterium herangezogen werden.

Lit.: Ulm 1975 a. Friederich 1932, S. 13 - 25.

Admonter Hüttenbuch

Admonter Hüttenbuch, Ausschnitt Folio 93. Nach Buchowiecki.

Admonter Hüttenbuch, Ausschnitt mit der Eintragung zu Stefan Wultinger

 

Faksimile, Folio 93

Die Seite zeigt die Eintragungen der von 1516 bis 1517 in die Admonter Bruderschaft aufgenommenen Gesellen mit den Namen und Steinmetzzeichen, darunter die des Gesellen "Steffan Wultinger von Vegklenmargk". Die Aufnahme erfolgte jeweils zu Pfingsten.

Lit.: A. Luschin v. Ebengreuth 1894, S. 168 - 171, 227 - 241. Buchowiecki 1937. Ulm 1975 a. Ulm 1981.
 

Gipsabgüsse von Steinmetzzeichen

Konvolut aus dem Linzer Schlossmuseum

 

Steinmetzzeichen aus Bad Goisern. Abrieb und Gipsabguß. Der rechte Abguß ist gegenüber dem Abrieb um 180 Grad gedreht (Problematik der originalen Lage von Steinmetzzeichen!)

            

 

Steinmetzzeichen vom Kirchentor in Bad Goisern (?). Abrieb mit Lageangabe (3. und 12. Quader am linken Gewände). "Reinzeichnung" des gleichen (?) Zeichens von einem Tor der Kirche in Hallstatt. Man beachte die unterschiedlichen Proportionen!

 

Das Konvolut wurde um 1952 angelegt und gelangte später an das Schloßmuseum Linz. Es umfaßt neben Gipsabgüssen Bleistiftabreibungen der Abgüsse und Umzeichnungen in Tusche sowie einfache Lageskizzen der Fundorte. Bei der Herstellung der Dokumentation werden die Zeichen zunächst mit Knetmasse ("Plastilin") abgeformt, davon wird ein Gipsabguß angefertigt. Die Abformung ist die genaueste Dokumentationsmethode mit dem höchsten Informationsgehalt, da sie auch die "Handschrift" des Steinmetz beim Einschlagen des Zeichens festhält. Irrtümer, welche durch Umzeichnung oder Generalisierung ("Schönen" der Zeichnung) entstehen und häufig Ursache für Spekulationen sind, können so ausgeschaltet werden.

Die Abgüsse stammen von Bauten in Hallstatt, Bad Goisern und St. Agatha.
 

Steinmetzwerkzeuge

Steinmetzwerkzeuge (19. Jh.)

Gotikausstellung 2002: Vitrine mit Steinmetzwerkzeugen und Typentafel der Werkzeugspuren nach Ulm und Friederich: Klüpfel, Spitzfläche, Zahneisen und Scharriereisen. Originalwerkzeuge des 19./20. Jahrhunderts, die aber technisch mittelalterlichen Originalen vergleichbar sind.

 

Eisen, Holz
19. Jahrhundert
Sammlung Bundesdenkmalamt, Kartause Mauerbach, Werkstätten Baudenkmalpflege

Die für die Ausstellung ausgewählten Steinmetzwerkzeuge stammen Großteils aus dem 19. Jahrhundert, entsprechen jedoch aufgrund von Vergleichen mit gotischen Darstellungen den mittelalterlichen Vorbildern.

Die auf uns gekommenen Werkstückoberflächen und überlieferte Werkzeugformen geben einen Einblick in die technische Entwicklung und den Gestaltungswillen der mittelalterlichen Steinmetze. Die Bearbeitung des Rohblocks zum fertigen Quader unterliegt einem technischen Wandel, welcher an den Bearbeitungsspuren ablesbar wird, woraus letztlich resultiert, daß die historische Oberflächenbearbeitung mit zum künstlerischen Ausdruck der Steinmetzarbeit gehört.

Ähnliches Thema: Bearbeitung von Werkstein im Mittelalter

Steinmetzwerkzeuge: Typentafel der Werkzeugspuren

Gotikausstellung 2002: Typentafel der mittelalterlichen Steinbearbeitung und Werkzeugspuren nach Benno Ulm und Karl Friederich.

Bevorzugte Herstellungstechnik der Romanik war zunächst die grobe Abarbeitung mit den schweren Formen des Zweispitzes oder der Spitzfläche. Ab dem 12. Jahrhundert kommt es zu einer Verfeinerung der Oberflächenbearbeitung und zur bewußten Anordnung der Hiebführung (Musterung), wozu im 13. Jahrhundert gezahnte Werkzeuge (Zahneisen, Zahnfläche) entstehen, welche stark strukturierte Oberflächen ermöglichen. Die Steinmetzen der Gotik bedienten sich der gleichen Werkzeuge, welche jedoch im Sinne einer immer feiner werdenden Oberflächengestaltung leichter und schmäler konstruiert sind. Mehrfache Überarbeitung der Werkstücke bis zur kaum mehr wahrnehmbaren Oberflächentextur sind charakteristisch für das 15. Jahrhundert. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts breitet sich von Frankreich her ein neuer Werkzeugtyp aus - das Scharriereisen. Es ist ein überbreites Flachmeißel, das ein rasches und vor allem genaues Arbeiten ermöglicht. In der Renaissance greift man wieder auf alte Oberflächenformen zurück: Neben feinst gearbeiteten glatten Flächen werden bewußt gepickte oder gekörnte Oberflächen gestellt, die Werkzeugspur des Scharriereisens wird überbetont und als Ausdrucksmittel eingesetzt.

Lit.: Friederich, 1932. Walter Hildebrand, Bauen im Mittelalter, Ausstellung 1986, Kartause Gaming, Gaming 1986, S 7 - 8. Ulm, Mittelalterliche Steinbearbeitung. In: Ulm- Kleinhans- Prokisch 1983, S. 114 - 120.

Baubetrieb in zeitgenössischen Darstellungen

Im Spätmittelalter werden Szenen aus Heiligenlegenden häufig mit Darstellungen des mittelalterlichen Baubetriebs ausgeschmückt. Man darf annehmen, daß sie den jeweiligen Stand der technischen Entwicklung widerspiegeln, allerdings in oft stark vereinfachter und zuweilen mißverstandener Form. In vielen Fällen dienen Werkzeuge als Attribut der Dargestellten.

Lit.: Binding - Nußbaum 1978. Binding 1983. Conrad 1998.

Relief mit Darstellung aus der Barbaralegende

Relief mit Darstellung aus der Barbaralegende

Relief mit Szene aus der Barbaralegende, um 1510/20

Um 1510/20
72 x 51 cm
Linz, Schloßmuseum, Inv. Nr. S 80 (?)

Die Szene zeigt den Turmbau dieser Heiligenlegende. Im Vordergrund zieht ein Geselle mit einem einfachen Auslegerkran Steine hoch. Rechts neben ihm bespricht die Hl. Barbara offensichtlich mit einem Steinmetz oder dem Werkmeister Probleme des Turmbaus. Der Steinmetz ist durch Kleidung und Mütze gekennzeichnet, er trägt einem Attribut gleich eine Doppelfläche (Steinhacke). Im Hintergrund arbeiten drei Steinmetzgesellen oder Versetzer an der Turmkrone. Sie stehen auf einem ungesicherten Auslegergerüst, das als einfache Plattform auf Konsolen oder eingemauerten Riegelbalken aufliegt. Solche Gerüstbalken haben meist viereckigen, seltener runden Querschnitt und werden mit dem Bau etagenweise mitgemauert. Nach Beendigung des Gebäudes werden die Balkenköpfe abgeschnitten, das Holz verrottet mit der Zeit und zurück bleiben die häufig bei Wehrbauten noch sichtbaren Rüstlöcher, welche sich von Balkenlöchern für Zwischendecken oder Wehrplattformen durch die geringeren Abmessungen (durchschnittlich 10 x 10 cm) unterscheiden.

Relief mit Darstellung aus der Wolfgangslegende

Relief mit Darstellung aus der Wolfgangslegende

Relief mit Darstellung aus der Wolfgangslegende, um 1510

Um 1510
72 x 51 cm
Linz, Schloßmuseum, Inv. Nr. S 13 (?)

Gezeigt wird die Legende, nach welcher der Teufel beim Bau der Kirche mithelfen muß. Der Heilige vermauert mit einer Kelle Quader, die ihm ein Teufel zureicht. Im Hintergrund paßt ein Maurer einen Stein mit dem Maurerhammer zu, während sein Kollege mit der Kelle arbeitet. Ein kleinerer Teufel transportiert Steine mit einer einfachen Schiebekarre und in der rechten unteren Ecke rührt ein Gehilfe Mörtel in der aus Planken gezimmerten Mischgrube an. Das Bild gibt trotz seiner summarischen Darstellung der Tätigkeiten gut das bis ins Spätmittelalter übliche abschnittsweise Errichten eines Kirchengebäudes wieder. So ist zu erkennen, daß etwa Teile der Kirchenfassade schon höher gezogen sind, als die lagenweise aufgemauerten Längswände.

Bauaufnahme als Methode der Bauforschung


Gotikausstellung 2002: Schautafel mit Ausschnitt aus der Bauaufnahme
(Wandabwicklung) der Pfarrkirche von Ottensheim durch B. und W. Prokisch.

Neben der kunsthistorischen Stilanalyse und der historischen Urkundenforschung gehört die Bauaufnahme zu den wichtigsten Methoden der Baugeschichtsforschung. Erst durch die kritische Auseinandersetzung mit allen drei Forschungsdisziplinen ist es möglich, eine dem Objekt adäquate Baugeschichte zu schreiben. Die sorgfältige steingerechte Bauaufnahme ermöglicht außerdem die Beobachtung wichtiger bautechnischer Details und die Dokumentation der Steinmetzzeichen. Lagemäßig kartiert und statistisch analysiert können über das örtliche Baugeschehen hinausgehende Rückschlüsse über die mittelalterlichen Baugepflogenheiten gewonnen werden. Aus der Zahl der Steinmetzzeichen kann auf die Größe des Bautrupps geschlossen werden, die Verteilung der Zeichen gibt Auskunft über den zeitlichen Baufortschritt und das variierende Zusammentreffen von Zeichengruppen erlaubt Rückschlüsse auf die jeweilige Zusammensetzung der Bautrupps. Fallweise können einzelne Steinmetze aufgrund ihres Zeichens regional an anderen Bauten wiedergefunden werden, woraus sich neben der Lösung von Datierungsfragen auch Einblicke in die Mobilität der Mitglieder einer Bauhütte ergeben können. Leider gelingt es meist nicht, ein Steinmetzzeichen mit einer bestimmten Persönlichkeit in Einklang zu bringen.

Lit.: Friederich 1932, S. 13 - 25.

Bauaufnahme und quantitative Auswertung wiederkehrender Steinmetzzeichen
an der Pfarrkirche von Ottensheim

 

Ottensheim, lagemäßige Kartierung der Steinmetzzeichen am Chor (Ausschnitt aus der Bauaufnahme von B. und W. Prokisch)

Die von Bernhard und Wolfgang Prokisch aufgenommene und kartierte Außenabwicklung vermittelt einen guten Eindruck der Verteilung der Steinmetzzeichen an den Hausteinteilen. Deutlich ist die Häufung der Zeichen an den aufwendigeren Formsteinen der Fensterlaibungen zu erkennen, während die Zeichen an den Strebepfeilern wesentlich dünner gesät sind. Auch die Problematik der Identität einzelner Zeichen wird deutlich, da viele Zeichen gedreht oder gespiegelt erscheinen. Hinzuzufügen wäre, daß durch Abwitterung und Abarbeitung späterer Restaurierungen bei vielen Bauten nur mehr ein geringer Teil an Zeichen lesbar bzw. vorhanden ist. Eine Auswertung der Zeichen ergibt daher stets lediglich einen statistischen Näherungswert.

 

Ottensheim, Pfarrkirche: Statistische Auswertung der Häufigkeitswerte von Steinmetzzeichen (B. und W. Prokisch)

Aus der Aufstellung geht hervor, daß 19 verschiedene Steinmetze am Bau tätig waren, davon aber nur fünf am Langhaus. Insgesamt wurden 261mal Werkstücke gekennzeichnet, wodurch sich die Analyse als repräsentativ erweist.

Lit.: Prokisch 1983 und 1986.


 

Zusammenhang zwischen Verteilung der Zeichen am Bau und dem Baufortschritt


Ottensheim, Pfarrkirche, Verteilung der Steinmetzzeichen nach Bauabschnitten
(Bauaufnahme B. und W. Prokisch)

Das Diagramm zeigt auf der horizontalen Achse die Steinmetzen anhand ihrer Zeichen und vertikal von unten nach oben den Baufortschritt zwischen 1466 und bis nach 1478. Zunächst fällt der Meister oder Parlier auf (Zeichen 1), der während der gesamten Bauzeit tätig ist. Die nächsten sechs Mitarbeiter repräsentieren die sich einander ablösenden längerfristigen Werkleute, gefolgt von den bloß kurzfristig nachzuweisenden Gesellen. Daraus ergibt sich eine "Stamm-Mannschaft" von ungefähr vier Steinmetzen, die fallweise durch "Wandergesellen" ergänzt werden. Das Bild stimmt gut mit Beobachtungen an anderen Landkirchen überein. Selbst bei Großbaustellen, wie etwa dem Südturm von St. Stephan in Wien, waren zeitweise nur sieben bis zehn Steinmetzen beschäftigt.

[weiter ...]


Startseite     Inhalt: Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich


© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005