Kirchenbaukunst der Gotik in OberösterreichDas späte 15. und frühe 16. Jahrhundert - Stilpluralismus
Kefermarkt Bz. Freistadt,
Pfarrkirche hl. Wolfgang, Eingehende stilkritische Untersuchungen im Mühlviertel verdeutlichen unter anderem, daß mindesten drei stilistische Gruppen nebeneinander bestehen <48>. Für die erste sei stellvertretend der Chor der Kirche von Kefermarkt (um 1490) genannt <49>, dessen Steilheit und Raumdispositionierung an den Chor der Pfarrkirche von Freistadt erinnert, dessen Sternrippenwölbung jedoch zur Gänze aus geraden Rippenzügen, welche kapitellos aus den Diensten entwachsen, gebildet wird.
Hirschbach im Mühlkreis
Bez. Freistadt, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Die zweite Gruppe, zu welcher der Chor der Pfarrkirche von Hirschbach zu zählen ist <50>, zeigt eine mit Kefermarkt etwa gleichzeitige Wölbung, bei der die Kefermarkter Chorfiguration gleichsam dynamisch aufgerissen und die Rautenkappen dekorativ mit Maßwerkformen gefüllt werden. Die Dynamisierung erfaßt sogar die in sich geschraubten Dienste, wozu die unter starkem Richtungswechsel geriffelten Dienstbasen zählen.
Freistadt, Stadtpfarrkirche hl. Katharina, Chorgewölbe. Das Hauptwerk der dritten Gruppe ist der Chor der Stadtpfarrkirche von Freistadt, der 1483 - 1501 als siebente Bauphase durch den Freistädter Stadtbaumeister Mathes Klayndl errichtet wurde <51>. Das früheste, voll ausgebildete Schlingrippengewölbe Oberösterreichs zeigt reich verschlungene, weiträumig angeordnete Rippen aus Kreisbögen, die sich im Gewölbescheitel zu kurvigen Rippensternen formieren. Die enorme Bewegtheit der Gewölbefiguration drückt sich auch in den mehrschichtigen Verschneidungen der in sich gedrehten Rippenprofile aus. Direkt vergleichbar ist das von Benedikt Ried entworfene Schlingrippengewölbe im Wladislawsaal der Prager Burg. Die hervorragende Leistung auf dem Gebiet der dynamisierten Schlingrippengewölbe und die Ähnlichkeiten mit dem Oeuvre Benedikt Rieds werfen die Frage nach der Autorschaft des Freistädter Chores auf. Die Urkundenlage spricht eindeutig für die Ausführung durch Mathes Klayndl, wobei man die Übereinstimmungen mit dem Werk Benedikt Rieds auf die gemeinsame Schulung Klayndls und Rieds bei einem noch nicht bekannten Meister zurückführt <52>. Neuere Überlegungen halten jedoch eine direkte Autorschaft Benedikt Rieds für möglich, wobei sich Klayndls Anteil auf die Ausführung beschränkte <53>.
Königswiesen Bez. Freistadt,
Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Die drei nebeneinander verlaufenden Stilrichtungen unterliegen einer gemeinsamen zeitstilistischen Entwicklung, welche, in Anlehnung an die Stilentwicklung in der Plastik, in zwei Phasen der Barockgotik eingeteilt wird, wobei letztere durch die Pfarrkirche von Königswiesen in eindrucksvoller Weise repräsentiert wird. Die völlige Abkehr von jochbetonenden Figurationen und Rippenmustern und die freie expressive Verschlingung der Gewölbeanfänger um die gekehlten Polygonalpfeiler bewirken eine "fast eruptive Dynamik ..., die Pfeiler wie Fackeln im Raum" stehen lassen <54>.
Pabneukirchen Bez. Perg,
Pfarrkirche hl. Simon und hl. Judas, Einen nahezu gegenteiligen Effekt, bei dem die Schlingrippenwölbung einem Deckel gleich auf den Pfeilern aufsitzt, bilden Gewölbeformen mit sogenannten Kastenkapitellen, wo sich die Rippenzüge nicht allmählich dem Pfeiler entwinden, sondern sich blockartig um den Pfeilerkopf verstäben und verschränken, wie im Langhaus der Pfarrkirche von Pabneukirchen (1510 - 1520) <55>. Die dekorativen und dynamischen Stilvarianten beschränken sich nicht allein auf die Wölbung und die Raumbildung, sondern finden sich, oft virtuos gesteigert, in der Binnenarchitektur der Emporen und bei den Portalen. Als noch von der Wiener Bauhütte abhängige Vorhalle ist Steyr zu erwähnen, wo das Maßwerkgewölbe und die Bauornamentik der Tympana bereits auf Renaissanceformen hinweisen. Die Gruppe um den Attergau zeigt reich verstäbte und plastisch durchgestaltete Portalgewände. Als vornehmste Bauaufgabe im Inneren sind die raumgreifend vor- und zurückspringenden Emporenbrüstungen bemerkenswert, welche im Sinne der drei oben angeführten Stilvarianten ausgestaltet sind. Mit dem ausgehenden ersten Viertel des 16. Jahrhunderts endet die letzte manieristische Phase der oberösterreichischen Gotik, wobei in den Gewölbeformen zunehmend eine Verfeinerung und dekorative Verschleifung der Profilformen und Figurationen auftritt. Dazu gehören unter anderem die ursprünglich von Steyr ausgehenden Kassettenfigurationen.
Allerheiligen im Mühlkreis,
Bezirk Perg, Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Maria, Die von Böhmen ausstrahlenden Zellengewölbe <56>, welche auf Gewölberippen zugunsten von Graten verzichten und die Gewölbesegel negativ auffalten, werden in der oberösterreichischen Sakralarchitektur nicht verwendet, wohl aber im Profanbau, so etwa in der Greinburg. Mit dem Aufkommen der Reformationszeit verlagert sich das Baugeschehen vom Sakralbau zum Profanbau, der sich zunehmend den Stilformen der Neuzeit bedient.
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