Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Das 15. Jahrhundert - Steyr


Der Bau der Stadtpfarrkirche von Steyr wird allgemein als Anlaß für die Gründung einer sogenannten "Viertellade" der Wiener Bauhütte gesehen, welche in der Folge einen wichtigen Ausgangspunkt für eigenständige Raum- und Gewölbelösungen bildet.

Steyr, Stadtpfarrkirche hl. Ägid, Ansicht des Mittelchores vom Langhaus aus.

Steyr, Stadtpfarrkirche hl. Ägid,
Ansicht des Mittelchores vom Langhaus aus.

Der Überlieferung nach begann Hanns Puchsbaum 1443 mit der Ausführung des dreischiffigen Hallenchores über dessen Planungsphasen mehrere gotische Pläne und Visierungen erhalten blieben <40>. Nach seinem Tod wurde 1454 - 1483 die Bauausführung an Mert Kranschach übertragen, der seine Schulung vielleicht in der Hütte der Rosenberger erhielt. Von 1483 - 1513 war Wolfgang Tenk der leitende Baumeister, dem ein Großteil des Langhausbaus zugeschrieben werden kann. Er nahm eine führende Stellung in der Admonter Steinmetzbruderschaft ein, wie durch das sogenannte Admonter Hüttenbuch dokumentiert wird. Der letzte mittelalterliche Baumeister von Steyr war Hanns Schwettichauer, der den Bau bis zur Einrüstung der Gewölbe führte, ihn aber nach einem Brand von 1522 nicht mehr vollenden konnte, da bereits die Auswirkungen der Reformationszeit einen Baustopp bewirkten. Er wurde nach seinem Weggang von diesem stagnierenden Bauvorhaben durch Kaiser Maximilian I. zum Baumeister für Oberösterreich und der Steiermark ernannt.

Der Chorgrundriß, die Hallenform, die Bündelpfeiler mit den für die Wiener Bauhütte charakteristischen Figurenbaldachinen sind auf den Albertinischen Chor von St. Stephan in Wien zurückzuführen, während der über Eck gestellte polygonale Turm seinen nächsten Wiener Verwandten an der Kirche von Maria am Gestade hat. Das erst in einem zweiten Bauabschnitt weitergeführte Langhaus orientiert sich in Pfeilerform und der polygonalen Nordvorhalle ebenfalls an Wien. Der stilistische Unterschied zu den aus dem 14. Jahrhundert stammenden Vorbildern besteht in der stärkeren Vereinheitlichung und Verschmelzung des Chorschlusses, in einer Verblockung der Proportionen, vor allem aber in den Wölbungen.

Schon die ausgeführte Figuration in den Seitenschiffen des Chores weicht von den großen Sterngewölben mit Bogenquadraten ab und führt statt dessen kleinteiligere Rautennetzungen mit scheitelbetonenden dekorativen Kassetten und Bogenquadraten ein. Diese Kassettenformen mit den wandparallelen Rippenzügen werden als Leitform der Steyrer Bauhütte angesehen und von der Wiener Bauhütte nur vereinzelt aufgegriffen. Sie können gleichsam als Beitrag zu einer oberösterreichischen Gewölbeentwicklung aufgefaßt werden.

Die Mittelschiffwölbung im Chor von Steyr stellt hingegen eine Kombination von Netzrippengewölbe mit geknickter Reihung dar und hat ihren Ursprung, wie die geknickte Reihung ganz allgemein, in der Wiener Architektur. Sie findet sich auch im Ostbayrisch-Innviertler Gebiet, wo sie möglicherweise durch den in Wien nachweisbaren Stephan Krumenauer vermittelt wurde.

Der weitere Langhausausbau folgte offensichtlich noch dem älteren Wiener Vorbild, ohne daß der "Ursprungsbau" der Steyrer Bauhütte zusätzliche Innovationen hervorgebracht hätte. Die Langhauswölbung scheint, den Gewölbeanfängern nach zu schließen, ein Schlingrippengewölbe mit überkreuzten Anläufen gewesen zu sein, und nicht, wie früher angenommen <41>, ein Beispiel für sogenannte Kastenkapitelle. Die Maßwerkgewölbe der Nordvorhalle werden ebenfalls aus der dekorativen Spätphase der Gotik übernommen.

Wie das Beispiel Steyr zeigt, verlagert sich die Entwicklung der spätgotischen Einzelformen sehr rasch von den Großbauten zum Landkirchenbau, der so zu einem Experimentierfeld neuer Kombinationen und ein wichtigen Faktor der Erneuerung wird. Der um die Mitte des 15. Jahrhunderts einsetzende Aufschwung in der Bautätigkeit erfaßt den Hausruck, den Traungau und das Ennstal. Im Mühlviertel bildet sich um die Kirchenbauten von Freistadt und Kefermarkt ein weiteres Zentrum reger Bautätigkeit, das in der Folge bei der Weiterentwicklung der Bogen- und Schlingrippenfigurationen einen bedeutenden Beitrag leistet. Im dritten Viertel des Jahrhunderts entsteht im Attergau eine ganze Gruppe zusammengehöriger Bauten, in denen die Variation der Rautensternfiguration Thema ist.

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  • 40 Koch 1993. Hans Böker (Böker 2000 und 2000a) hat jüngst in mehreren Publikationen und Vorträgen das Oeuvre Hans Puchspaums und das Verhältnis zu seinem Nachfolger Laurenz Spenning einer Neubewertung unterzogen. Böker vertritt bezüglich der Planung und Ausführung des Chorbaus von Steyr die Ansicht, sowohl die Knickrippensterne mit den Bogenquadraten, wie die gesamte Wölbung seien ein Werk Laurenz Spennings, wie überhaupt das Steyrer Planmaterial erst nach Puchspaum entstanden sei. Dieser u. E. nach nicht haltbaren Hypothese soll aus Platzgründen an anderer Stelle widersprochen werden. Zu Koch 1993: Siehe auch: Onlinefassung!
  • 41 Wagner-Rieger 1967, S. 392. 

[Literatur]


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005