Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Das 14. Jahrhundert


Besser erfaßbar wird die oberösterreichische Architektur ab 1300. Eine bedeutende Rolle kommt dabei den Bauten der Bettelorden <11> zu. Die Reformbewegung entstand schon um 1200, ursprünglich als Gegenbewegung zum Ketzerwesen, breitete sich rasch aus und erreichte in den 20er-Jahren des 13. Jahrhunderts Wien und Niederösterreich. 1276/1277 erfolgte die Gründung des Minoritenkonvents in Enns, dem jene in Wels (um 1282) und Linz folgten. Nur die Minoritenkirche in Enns behielt im Wesentlichen ihr gotisches Erscheinungsbild, während die Linzer Kirche im barocken Umbau des Landhauses aufging und das Kloster in Wels nach seiner Aufhebung profaniert und umgebaut wurde.

Die architektonischen Charakteristika der Bettelordensarchitektur resultieren aus dem Armutsideal und dem Stellenwert, den die Predigt im Ordensleben einnimmt. Wesentliche Elemente sind der gewölbte Langchor und das geräumige, in der Frühzeit des Ordens noch flachgedeckte Langhaus. Türme und Schmuckelemente wie aufwendige Wandgliederungen fehlen oder werden weitgehend vermieden. Als raumteilendes Element kam ursprünglich noch ein Lettner vor dem Triumphbogen hinzu, allerdings haben sich Lettner in Österreich generell nicht erhalten.

Städtebaulich lagen die Bettelordenskirche häufig an der Stadtmauer oder wurden in diese einbezogen, so auch in Linz, Wels und Enns. Der teilweise enorme Zustrom der Gemeinde zu den Bettelordenskirchen und die Beliebtheit des Ordens bewirkten, daß in vielen Fällen an den Bettelordenskirchen Grab- und Privatkapellen ortsansässiger Herrschaften errichtet wurden.

Enns, Wallseerkapelle, Blick von der zweischiffigen

Enns, Wallseerkapelle, Blick von der
zweischiffigen Halle in den dreischiffigen Umgang.

In Enns hat sich dieser Baukomplex, der den Unterschied zwischen der Bettelordensarchitektur und der annähernd gleichzeitigen Herrschaftsarchitektur verdeutlicht, weitgehend erhalten <12>. Die frühe Baugeschichte der Minoritenkirche ist noch ungeklärt, doch wird angenommen, daß zunächst das flach gedeckte einschiffige Langhaus errichtet wurde, an welches ein 1309 erwähnter, kleiner Chorraum anschloß. Erst gegen Ende des ersten Viertels des 14. Jahrhunderts wurde der beachtliche dreijochige Langchor angebaut. 1343 beurkunden Meßstiftungen die Existenz der nördlich an das Langhaus angebauten Wallseerkapelle. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgte der Umbau des Langhauses zur zweischiffigen, kreuzrippengewölbten Hallenkirche, mit einem monumentalen halben Schirmgewölbe am chorseitigen Achteckpfeiler. Damit verbunden war eine beachtliche Absenkung der Raumhöhe im Langhaus und die Öffnung zum Hallenraum der Wallseerkapelle.

Sieht man von dieser zeitlich späteren, einschneidenden Veränderung ab, reihen sich die Entwicklung der Bauphase des 14. Jahrhunderts und die Gebäudedisposition gut in das Bild der ostösterreichischen Architektur ein. Anbau einer Kapelle und nachträglicher Umbau zur zweischiffigen Halle finden sich an der Dominikanerinnenkirche <13> in Imbach wieder. Die dortige Katharinenkapelle <14> wird in bezeichender Weise mit einem Seitenzweig der Herren von Wallsee-Drosendorf in Verbindung gebracht. Die Disposition von Bettelordenskirche und Privatkapelle wurde weiters an der Augustinerkirche <15> in Wien mit dem Anbau der zweischiffigen Kapelle für den Georgs-Ritterorden verwirklicht, die gleichzeitig als Kapitelsaal für das Kloster diente. Auch hier waren Herren von Wallsee mit Stiftungen beteiligt. Als weiteres Beispiel wäre der zweite Bauzustand der Minoritenkirche <16> in Wien zu erwähnen, wo an die zweischiffige Hallenkirche zwischen 1317 - 1328 die Ludwigskapelle als königliche Grabkapelle angeschlossen wurde.

Die drei erstgenannten Kapellenbauten weisen durch ihre Wandgliederung mit Sitznischen, die fast gänzliche Wandauflösung durch Maßwerkfenster und die überschlanken Bündelpfeiler der beiden mehrschiffigen Kapellen Merkmale auf, die unter dem Begriff der "Schönen Kapelle" zu subsummieren sind, wobei letztlich als Vorbild für die Wandauflösung durch Maßwerkfenster auf die "Ste-Chapelle" in Paris verwiesen werden kann.

Völlig unterschiedlich hingegen ist die Raumauffassung, vor allem bei der Wallseerkapelle. Sie wechselt von der zweischiffigen Halle im Westen, unter Vermittlung eines zukunftsträchtigen Rippendreistrahls, zur Dreischiffigkeit. Die sich im Mitteljoch ergebende sogenannte "Quincunx -Stellung" der Pfeiler und der Rippendreistrahl, einer der frühesten in Österreich, werden in der spätgotischen Wölbearchitektur noch von besonderer Bedeutung. Die Wallseer Gewölbelösung strahlt über die Landesgrenzen aus und wird in der Folge an der Wallfahrtskirche in Pöllauberg (Steiermark, 1339 - 1384) weiterentwickelt <17>.

Enns, Wallseerkapelle, Ansicht der Nordfassade von Osten.

Enns, Wallseerkapelle, Ansicht der Nordfassade von Osten.

Auch auf dem Gebiet der Fassadengestaltung stellt der aus Platzgründen an der Nordseite drei von vier Fensterachsen umfassende Schaugiebel einen Sonderfall innerhalb der österreichischen Kapellenarchitektur dar. Die durch abgetreppte Strebepfeiler, Fialen und Blendmaßwerke räumlich durchgestaltete Fassade könnte südböhmische Anregungen (Budweis, Dominikanerinnenkirche, um 1300; Znaim, Niklaskirche, nach 1335) verarbeiten. Stilistische Uneinheitlichkeiten in den Details des Giebels lassen auf eine Überarbeitung im 15. Jahrhundert schließen, das Grundkonzept ist jedoch dem 2. Viertel des 14. Jahrhunderts zuzuschreiben <18>.

Die Vielschichtigkeit der Stilentwicklung in der oberösterreichischen Architektur des ausgehenden 13. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts wird am Beispiel der Kirchen im Mühlviertel und Machland deutlich. Ein wichtiger Faktor, wodurch sich diese Kirchen von jenen des Alpenvorlandes unterscheiden, ist durch naturräumliche Gegebenheiten <19> bestimmt, wie etwa die Materialeigenschaften des Granits. Außerdem ist zu beachten, daß viele der Kirchenbauten aus früh- und hochgotischer Zeit keine gänzlichen Neuplanungen sind, sondern das Produkt von mehrphasigen Um- und Erweiterungsbauten, welche häufig die romanische Grundrißdisposition zu berücksichtigen hatten. Daraus ergeben sich in der Folge mitunter komplexe Konglomerate von stilistisch unterschiedlichen Baukörpern, indem unter Beibehaltung des romanischen Langhauses oft zunächst das Presbyterium erneuert wurde, dann eine unter Umständen lediglich asymmetrische Erweiterung um ein Seitenschiff oder der Ausbau zu einer dreischiffigen Anlage anschloß, ohne daß damit eine Anpassung der einzelnen Bauabschnitte zum Gesamtraum durch einheitliche Wölbesysteme geschaffen wurde.

Als wichtiger Bau des ausgehenden 13. Jahrhunderts ist die Katharinenkirche in Freistadt zu nennen <20>. Die dreischiffige Pfeilerbasilika (urkundlich 1267 und 1288) mit spitzbogigen Arkaden und schmalen Lanzettfenstern war flach gedeckt und hatte platt schließende Seitenschiffe. Dieser erste gotische Bau hatte keinen Sockel, schloß also an die für die Romanik im Mühlviertel charakteristischen bodenständigen Baugepflogenheiten an. Der Verzicht auf eine Wölbung und die damit verbundene Schlichtheit der Wandgliederung erinnern an die Bettelordensarchitektur, während in der Grundrißdisposition Anregungen aus der Zisterzienserarchitektur Böhmens (Hohenfurt, ab 1259) bemerkbar werden. Die Kreuzrippengewölbe mit großen Schlußsteinen wurden erst in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts in die Schiffe eingehängt. Von dieser zweiten Bauphase der Freistädter Stadtpfarrkirche sind die im Kern noch aus dem 13. Jahrhundert stammenden, ursprünglich ebenfalls flach gedeckten Basiliken von Gallneukirchen <21> und Pesenbach <22> abhängig, sodaß von einer lokalen Bauhütte gesprochen werden könnte.

Die gemeinsamen Merkmale der Mühlviertler Architektur der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts sind vor allem an den Chorbauten abzulesen und drücken sich durch meist kapitellos in die Wandvorlagen übergehende Gewölberippen mit scharfkantigen Profilen, durch einfache hohe Fensterformen und eine gewisse Tendenz zu steilen Raumproportionen aus. In der zweiten Jahrhunderthälfte werden im Landkirchenbau die Proportionen gedrungener und es kommt zu einer Differenzierung der Gliederungssysteme zwischen Wanddiensten und auf Konsolen abgefangenen Rippenwölbungen.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nimmt die Bautätigkeit allgemein zu und es werden neue Sakralbautypen aus den angrenzenden Ländern übernommen. In St. Peter bei Freistadt entsteht um 1370 mit der Kalvarienbergkirche eine Gruft- und Allerheiligenkapelle <23>, welche als quadratischer Einstützenraum mit anschließender kleiner Polygonapsis konzipiert ist. Über der achteckigen Mittelstütze ruhen vier Kreuzrippengewölbe, bei welchem jedoch die Jochbindung gegen das Presbyterium durch einen Rippendreistrahl aufgelöst wird. Den steilen, nicht von horizontalen Gliederungselementen unterbrochenen Raumproportionen des Langhauses steht der von einem Kaffgesims mit darauf auflaufenden Wanddiensten gegliederte Chor gegenüber. Die tektonische Durchbildung der Chorwand verrät den Einfluß der Parler-Architektur und ist ein erster Schritt der Loslösung aus der wandbetonten Mühlviertler Baugepflogenheit. Der Typus des quadratischen Einstützenraums mit Dreistrahlfiguration findet zeitgenössische Parallelen in Böhmen, so zum Beispiel in der Spitalskirchenarchitektur (Prag, Servitenkirche Mariä Verkündigung) <24>, wobei weiters eine gewisse Verwandtschaft zu zentralen Friedhofskirchen besteht.

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  • 11 Grundlegend Donin 1935, insbesondere S. 57 ff. (Wels), S. 187ff. (Enns).
  • 12 Zusammenfassend Brucher 2000, Kat. Nr. 41, S. 260f. mit Bibliographie.
  • 13 Schwarz 2000, Kat. Nr. 1, S. 202 mit Literatur.
  • 14 Brucher 2000, Kat. Nr. 40, S. 259 mit Literatur.
  • 15 Brucher 2000, Kat. 42, S. 261ff. und Kat. Nr. 43, S. 263ff. mit Literatur.
  • 16 Schwarz 2000, Kat. Nr. 11, S. 213f., Kat. Nr. 13, S. 215 und Kat. Nr. 14, S. 216f. mit Literatur.
  • 17 Nußbaum 1994, S. 154. Wagner-Rieger 1967, S. 342.
  • 18 Brucher 2000, S. 261. Vgl. dazu Donin 1935, S. 198 mit dem Hinweis auf eine Bauinschrift von 1478.
  • 19 Zum Problem der unterschiedlichen Baumaterialien und dem Einfluß auf die Architekturgestalt vgl. Ulm 1961, S. 8.
  • 20 Ulm 1976, S. 75ff.
  • 21 Ulm 1976, S. 84f.
  • 22 Ulm 1976, S. 157f.
  • 23 Ulm 1976, S. 193f.
  • 24 Damrich 1990, 1990, S. 81 ff. 

[Literatur]


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005