Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Frühgotik des 13. Jahrhunderts


Stellvertretend für die beginnende Frühgotik im 13. Jahrhundert kann der Umbau der Klosterkirche von Kremsmünster herangezogen werden <7>. Das Eigenkloster des Hochstiftes Passau verfolgte mit dieser Neugestaltung unter anderem die repräsentative Darstellung seiner kirchlichen Machtansprüche gegenüber den babenbergischen Landesfürsten.

In mehreren Bauetappen ab 1232 wurden unter Beibehaltung der Grundrißdisposition der Basilika des 11. Jahrhunderts in die Seitenschiffmauern Strebepfeiler eingebaut und der gesamte frühromanische Altbestand einschließlich der Binnengliederung zu einer Basilika mit durchlaufenden kreuzrippengewölbten Travéen umgestaltet <8>. Den Ostabschluß, 1232 - 1237 errichtet, bildeten drei Polygonchöre, von denen nur die Hauptapsis die Barockisierung überdauerte. Sie wird am Außenbau durch Strebepfeiler und eine Kombination von hohen Rundbogenfenstern und Okuli geliedert. Während die Fensterform und die Profilierung der Gewände noch der Spätromanik verhaftet sind, weisen die Höhenproportionen, die Fenstergruppierung und die Strebepfeiler bereits auf gotische Gestaltungselemente hin.

Ein vergleichbarer Stilpluralismus ist bei den beiden freigelegten Portalen an der Südseite festzustellen. Dem konservativen Typus des Stufenportals mit Halbkreisarchivolten stehen die frühgotischen birnstabförmigen Profile, die Knospenkapitelle und die schlanken monolithen Gewändesäulen gegenüber. Die beiden "Läuthäuser" unter der Westempore, dem Bauabschnitt nach der Jahrhundertmitte zuzuordnen, zeigen neben spätromanischen Fensterformen ausgeprägte spitzbogige Gurt- und Scheidbögen.

Kennzeichnend für die frühe gotische Phase des 13. Jahrhunderts ist demnach ein architektonisches Spannungsverhältnis zwischen konservativ-spätromanischen und fortschrittlich-gotischen Einzelformen, während sich konstruktive Elemente und die Raumproportionen bereits an den neuen Stilerrungenschaften orientieren. Als mögliche Vorbilder für die Einzelformen werden einerseits Anregungen aus dem Westen angenommen (Chorapsiden des Bamberger Domes), andererseits Einflüsse der zisterziensischen Architektur Niederösterreichs (Pfeilerformen in Lilienfeld). Für die Lösung technischer Probleme bei der Wölbung, für die man offensichtlich nicht auf klostereigene Kräfte zurückgreifen konnte, wurde der Laienbaumeister Rugerus de Ripa herangezogen.

Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß der Umbau der Klosterkirche von Kremsmünster schon durch die Bauaufgabe und die Bauherren zu den ersten künstlerischen Leistungen des Landes zu zählen ist und als Perstigeobjekt nicht die architektonische Vielfalt der leider verlorengegangenen Stadt- und Landkirchen repräsentieren kann. Es ist dies nicht allein eine Frage der Qualität oder einer provinziellen Rückständigkeit. Flächendeckende bauhistorische Untersuchungen an den mittelalterlichen Landkirchen des Mühlviertels haben gezeigt, daß zumindest für das 14. Jahrhundert neben einer konservativ-antigotischen Bauweise, welche unter anderem auf gotische Strebesysteme verzichtet und teilweise den romanischen Massenbau bis ins 15. Jahrhundert tradiert, sehr wohl typische Bauten hervorgebracht wurden, welche die neuen Stilelemente unmittelbar aufnehmen <9>. Ähnliches ist auch für die übrige frühgotische Bauepoche Oberösterreichs anzunehmen, doch stehen hier dringend notwendige Bauuntersuchungen aus, sowohl bei den sich heute in barocker Verkleidung präsentierenden klösterlichen Großbauten, wie bei den zahlreichen Landkirchen <10>.

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  • 7 Schwarz 1998, S. 288ff und Schwarz 2000, S. 207ff mit Bibliographie.
  • 8 Das gesamte frühgotische Gliederungssystem blieb, wie Bauuntersuchungen nachwiesen, unter dem barocken Umbau erhalten. Schwarz 1998, S. 288 ff.
  • 9 Ulm 1976, S. 30. Ulm 1988, S. 375 f.
  • 10 Zur Kirchenarchäologie vgl. Koch 1986, S. 191 ff.  Siehe auch: Onlinefassung!

[Literatur]


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005