Kirchenostung mit dem Kompaß

Der kurpfälzische Hofbaumeister Lorenz Lechler beschreibt 1518 in seinen Unterweisungen und Lehrungen für seinen Sohn Moritz, wie man an einen bereits bestehenden (!) Kirchenbau die Achse des neu zu errichtenden Chorbaus orientieren kann:

Lorenz Lechler, L.: Unterweisungen und Lehrungen für seinen Sohn Moritz: Handschrift 1516. A. Reichensperger Hsg.) in: Vermischte Schriften über christliche Kunst. – Leipzig, 1856. – S.133–167. Hier: S. 139. Zitat nach D.(ietrich) Conrad, Kirchenbau im Mittelalter. Bauplanung und Bauausführung im Mittelalter, 3. Aufl. Leipzig 1998, S. 129. (Die Originalausgabe Lechlers bzw. Reichersperger sind mir im Moment nicht zugänglich).

Lechler war das Phänomen der Mißweisung unbekannt oder erschien ihm nicht erwähnenswert, obwohl die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Schiffsnavigation zumindest im 15. Jh. schon bekannt waren. Indirekt geht dies aus Befunden auf tragbaren Nürnberger und Augsburger Sonnenuhren ab dem 2.V.15. Jh. hervor, die neben dem Kompaß Marken für die lokale Nadelablenkungen aufweisen. Auch auf deutschen Karten sollen solche Vermerke sein (Etzlaub, Waldseemüller, Ziegler, Murer - ungepr. Hinweis!). Man nahm jedoch anscheinend an, daß diese Abweichungen lokale Konstanten seien. Erst Henry Gellibrand ( * 1597, London, † 1636 ebenda) konnte in seinem 1635 publizierten Werk "A discourse mathematical on the variation of the magnetical needle, together with its admirable diminution lately discovered" den Nachweis der zeitlichen Variation der Deklination (Säkularvariation) nachweisen. Interessant ist dabei seine Meßvorrichtung: ein Kompaß in Kombination mit einem Schattenzeiger, der beim kürzesten Mittagsschatten die wahre Nordrichtung angab. Es ist quasi die Kombination aus indischen Kreis und Kompaß.

Die Säkularvariation beträgt rund 1 Grad in 5 Jahren, ihre Richtung ist allerdings nicht über einen größeren Zeitraum berechenbar, wie etwa ein Diagramm der örtlichen Mißweisung für Norddeutschland (Wingst) zwischen 1938 und 2000 zeigt:


Diagramm 1: Deklinationsschwankungen 1939 - 2000. Jahresmittelwerte für Wingst

Eine gewisse Vorstellung vom Ausmaß der Schwankungen der Deklination für Deutschland vom Frühmittelalter bis um 1800 gibt diese Grafik:

Diagramm 2

Man erkennt, daß während des Mittelalters die Mißweisung für Deutschland zwischen rund 18 Grad Ost bis ca. 6 Grad West lag. Die Verwendung des Kompaß mit Pinne - und nur mit solchen kann orientiert werden - ist schriftquellenmäßig erst für das ausgehende 12. Jh. gesichert (Alexander Neckam „De utensilibus“, 1187; Petrus Peregrinus de Maricourt „Epistola de magnete“, 1269). Im 13. Jh. verwendet man den Kompaß in Italien und um 15. Jh. auch nördlich der Alpen im Markscheidewesen (z. B. Silberbergbau in Schwaz/Tirol).

Wenn Durandus hingegen im 13. Jahrhundert noch annimmt, die Kirchen wären nach der Sonne an den Äquinoktien orientiert - den Kompaß also ignoriert -, dann ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß die von Lechler vorgeschlagene Orientierung mit dem Kompaß nicht lange tradierter Usus war, sondern eher eine Idee des 15. und 16. Jahrhunderts. Die zu erwartenden Deklinationsschankungen für Deutschland wären somit auf die Zeit der Spätgotik im 14. - 16. Jh. einzuschränken. Obiges Diagramm gibt dann rund +/- 5 Grad Deklination an. Das bedeutet aber, daß Kirchen, deren Achsenabweichung mehr als 5 Grad Ost bzw. 5 Grad West beträgt, nicht mit dem Kompaß orientiert sein können.

Die meisten der Kirchen, die um Baden b. W. bzw. Wiener Neustadt liegen (siehe Diagramm 3) wurden zur Zeit der spätgotischen Bauwelle errichtet. Kaum 10 Kirchen fallen in das Intervall +/- 5 Grad. Man hat vielmehr den Eindruck, die Orientierungen der Kirchenachsen meiden diesen Bereich. Es ist also mehr als fraglich, ob man überhaupt mit dem Kompaß orientierte.

Wir haben es hier mit dem gleichen Problem zu tun, wie bei der Orientierung mit dem indischen Kreis: die meisten Kirchenachsen weichen zu sehr von der durch Kompaß oder Schattenstab angegebenen Ost-West-Richtung ab. Die Anwendung von Kompaß oder indischem Kreis bei der Ostung ist höchst unwahrscheinlich.

(Diagramm 3: Kirchenorientierungen nach E. Reidinger)

 


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2005  
(Publikationen)