Beispiele zur Binnenstruktur mittelalterlicher Schalenmauern

 

 Verona, Stadtmauer, 13. Jh.

Mauerwerk aus Lesesteinen (Feldsteinen, Gerölle) mit Ziegeldurchschuß. Zonaler Wechsel mit Lagen im "opus spicatum". Mauerschale und Mauerspeise sind Lage für Lage "durchgemauert". Matrialbedingt (Gerölle!) fehlen zwischen Schale und Kern Bindersteine.Diese Funktion wird teiweise vom Ziegeldurchschuß übernommen, der daher häufiger im Binderverband verlegt ist und weniger im Läuferverband. Der Unterschied zwischen Kern und Schale ist eigentlich primär an der Dichte der Mörtlbindung zu erkennen: Die Mauerspeise ist lockerer vermörtelt.

 Burg Starhemberg (Niederösterreich), 12./13. Jh.

Hammerrechtes Bruchsteinmauerwerk im Übergang zum Kleinquadermauerwerk. Obwohl hier im Gegensatz zu Verona ein völlig anderes Material verwendet wird, wird das Grundprinzip der Versatztechnik und des Aufbaus der Binnenstruktur beibehalten. Der Unterschied zwischen Kern und Schale besteht im Beabeitungsgrad, weniger im Steinformat.

Mehr zum Verhältnis Material und Mauerstruktur fndet sich unter:: Bautechnisch-gesteinskundliche Überlegungen zum Burgenbau im südlichen Niederösterreich.
 

Burgruine Falkenstein, Niederösterreich, 12. - 16. Jh.

Die Beringmauer der Burg Falkenstein zeigt einen interessanten mehrphasigen Baubefund. Zur Beringmauer des 12. Jh. gehören die mit A und a bezeichneten Teile, die im ausgehenden Mittelalter mit einer Bruchsteinmauer erhöht (B) wurde. Bei dieser Aufstockung setzte man die jüngere Mauer mit ihrer feldseitigen Schale auf die hochmittelalterliche Zinnenmauer, während die burgseitige Schale der Aufstockung auf dem Absatz des hochmittelalterlichen Wehrgangs bzw. dessen Innenschale aufruht. Beim Abbruch der Ruine im 19. Jh. plünderte man die freiliegende burgseitige Quaderverkleidung aus dem 12. Jh., woraus sich die kuriose und statisch bedenkliche Situation ergibt, daß die innere Schale der jüngeren Mauer B heute "in der Luft hängt". C ist die Außenmauer der Binnenverbauung aus dem 16. Jh.

 

 Burgseitige Ansicht der Beringmauer. Man erkennt deutlich die Reste der durch Brand verfärbten Quader des hochmittelalterlichen Zinnenkranzes. Darunter wir die kleinsteinige und teilweise in "opus spicatum" verlegte Mauerspeise sichtbar. Sie ist sorgfältig in Einzelschichten verlegt, die niedrige Schichtpakete bilden. Das Verlegen in Schichtpaketen würde man eher bei einem späteren Mauerwerk des 13. Jh.ff erwarten, jedoch ergeben sich diese Schichtpakete aus den Quaderhöhen der Mauerschale. Seit dem Abbruch der Burg fehlt diese burgseiteige Quaderschale, wie sich aus dem Befund ergibt. In diesem Sinne waren daher ursprünglich Kern und Schale gleichsam ebenfalls "Schicht für Schicht durchgemauert.

 

Burgseitige Ansicht der Beringmauer.

Eine andere Stelle der aufgestockten Beringmauer läßt die Binnenstruktur der jüngeren Mauer erkennen: Bruchsteinmauer in Schichtpaketen verlegt. Ab der oberen Bildhälfte ist die burgseitige Mauerschale teilweise erhalten. Das primäre runde Rüstloch schräg rechts über der Fensteröffnung markiert eine Ausgleichsschicht. Darüber folgen bis zum nächsten Rüstloch 5 - 6 mehr oder weniger lagerhaft verlegte Zwischenschichten bis zum nächsten Balkenloch. Sieht man sich hingegen die freigelegte Mauerspeise in der unteren Bildhälfte und über den Resten des hochmittelalterlichen Zinnenkranzes an, so sieht man hier (vor Ort besser erkennbar als auf dem Foto) nur ein homogenes Gemenge von Mörtel und Bruchsteinen. Es sind dies u. a.die Charakteristika des spätmittelalterlich - frühneuzeitlichen Bruchsteinmauerwerks: höhere Schichtpakete zwischen Ausgleichsschichten und eine Art Gußmauerwerk als Mauerspeise.
 

Pottenburg bzw. Hasenburg (bei Hainburg a. D.), Niederösterreich.

Der hochmittelalterliche Berchfrit dieser im 16. Jh. aufgegebenen Burg gibt aufgrund eines Bauschadens im unteren Bereich Einblick in die innere Struktur des Mauerwerks. Durch die Schadstelle wurden die Balkenkanäle der ehemals mächtigen Schließen - eine Art gezimmertes Ankersystem - freigelegt. Außerdem ist wieder das schichtenmäßige Durchmauern von Schale und Kern zu erkennen.


 

Einblick in den Ankerkanal. Man erkennt an der linken Seite die Rundung der Waldkante des Balken, ebenso an den Ecken rechts. Die Ankerbalken wurden quasi in die Mauerspeise eingegossen. Die Balken sind stellenweise bis zu 50 cm breit und liegen unmittelbar hinter der äußeren Mauerschale. Während diese Balkenkanäle heute eine Schwächung des Mauerquerschnitts darstellen, hatten sie ursprünglich eine wichtige baustatische Funktion bis zum Abbinden der Mauerspeise zu erfüllen.

Da die Mauerstärke rund 3,4 m beträgt und die Mauerspeise bis zum Abbinden eine gewisse Tendenz zum seitlichen Verfließen hat, wollte man so anscheinend den seitlichen Druck auf die relativ dünne Mauerschale kompensieren. Der endgültige Abbindevorgang des Mörtels dauert aufgrund der großen Mauerstärke ziemlich lange.

Man hat versucht, das "Schicht für Schicht durchmauern" von Kern und Schale generell mit diesen langen Abbindezeiten zu erklären - man hätte so nach jeder Schicht das Abbinden abgewartet. Das ist jedoch angesichts der Bauzeiten wenig überzeugend, außerdem werden im Spätmittlalter bei annähernd gleicher Mörtelqualität große Mauerstärken ohne durchgemauerte Schichten verwirklicht.

 

 


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2005 
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