Johann Wolfgang von Goethe und die schiefen Türme von Bologna

Der Dichterfürst als Bauforscher


Karlsbad, den 3. September 1786: "Früh um drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte". ... "Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise und ..." Mit solchen Worten beginnt eine der berühmtesten Reisebeschreibungen eines gewissen "Filippo Miller, Tedesco, Pittore", der wohl besser als Johann Wolfgang von Goethe bekannt ist. Goethes "Italienische Reise" ist "Dichtung pur" und enthält eine wahre Flut von Gedanken zu nahezu allen Wissenszweigen, mit denen sich ein Genie des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Daß sich darunter auch die eine oder andere Überlegung zum Thema "historische Bauforschung" befindet, mag bei Goethe fast schon nicht mehr verwundern - und dies, obwohl die "Bauforschung des Mittelalters" erst rund hundert Jahre später beginnen sollte.

Ein Beispiel sei als Illustration der bauanalytischen Denkweise Goethes herausgehoben. Es entbehrt aus heutiger Sicht nicht eines gewissen Humors, doch sollte man bedenken, daß seit dem Beginn der Frührenaissance im Italien des 15. Jahrhunderts die mittelalterliche Kunst als Ausdruck eines barbarischen Mittelalters galt, welches das goldene Zeitalter der Antike ablöste. Wenn also Goethe seine Aufmerksamkeit Bauwerken des 12. Jahrhundert widmet, sie mit nicht geringem Interesse bautechnisch analysiert und sich schließlich Gedanken über die "Torheit" bolognesischer Architekten macht, so ist das für einen Menschen des 18. Jahrhunderts beachtlich.

Aber lassen wir den inkognito reisenden weimarischen Minister selbst zu Wort kommen - er schreibt dazu folgendes:

Der Torre G (links) und der Torre Asinelli (rechts) - so sahen die "Torheiten" der bolognesischen Architekten um das Jahr 1800 aus.

 

Bologna, 18. Oktober 1786 nachts:

"Gegen Abend rettete ich mich endlich aus dieser alten, ehrwürdigen, gelehrten Stadt, aus der Volksmenge, die in den gewölbten Lauben, welche man fast durch alle Straßen verbreitet sieht, geschützt vor Sonne und Witterung, hin und herwandeln, gaffen, kaufen und ihre Geschäfte treiben kann. Ich bestieg den Turm und ergötzte mich an der freien Luft. Die Aussicht ist herrlich!"

"Der hängende Turm ist ein abscheulicher Anblick, und doch höchst wahrscheinlich, daß er mit Fleiß so gebaut worden. Ich erkläre mir diese Torheit folgendermaßen.

In den Zeiten der städtischen Unruhen ward jedes große Gebäude zur Festung, aus der jede mächtige Familie einen Turm erhob. Nach und nach wurde dies zu einer Lust- und Ehrensache, jeder wollte auch mit einem Turm prangen, und als zuletzt die graden Türme gar zu alltäglich waren, so baute man einen schiefen. Auch haben Architekt und Besitzer ihren Zweck erreicht, man sieht an den vielen graden schlanken Türmen hin und sucht den krummen. Ich war nachher oben auf demselben. Die Backsteinschichten liegen horizontal. Mit gutem, bindendem Kitt und eisernen Ankern kann man schon tolles Zeug machen.

Torre Asinelli

 

Goethe besteigt in dieser Schilderung den Torre degli Asinelli (Turm der Esel), der zwischen 1109 und 1119 errichtet wurde. Der unmittelbar in der Nähe stehende unvollendete Turm, den Goethe als den "hängenden" bezeichnet, ist der Torre dei Garisenda, auch La Garisenda genannt. Auch dieser Turm wurde in frühen 12. Jahrhundert errichtet. Noch während des Baus kam es zu bedenklichen Setzungserscheinungen und zwischen 1351 und 1360 mußte sogar ein Teil wieder abgetragen werden.

 

Torre Garisenda

Mehr darüber:

Schnitt durch den Garisenda-Turm

Schnitt durch den Asinellli-Turm

Am  Schauplatz: der Bau der Torre Asinelli in 12. Jahrhundert - Eine Rekonstruktion

 

Goethe hat natürlich Recht, wenn er bei diesen unpraktisch hohen und wehrtechnisch kaum brauchbaren Türmen von einer "Lust- und Ehrensache" schreibt. Im Mittelalter stellen zahllose profane Turmbauten mehr Prestigeobjekte und Mittel der Machtdemonstration dar, als wirkliche Zweckbauten.

Die enormen bautechnischen Schwierigkeit und die Tatsache, daß man während des gesamten Mittelalters keine fundierte Vorstellung von Statik hatte und im wahrsten Sinne des Wortes "auf Biegen und Brechen" baute, führte neben spektakulären Einstürzen und rigorosen Bauschäden zu geradezu grotesk anmutenden und scheinbar der Schwerkraft trotzenden Architekturen. Das wohl berühmteste Beispiel eines schiefen Turmes steht - dank modernster Technik und Zufall - in Pisa.

Man braucht sich nur einmal den Turm von Pisa genauer anzusehen und wird bemerken, daß das Obergeschoß nicht so schief ist, wie der Unterbau. Hier wird ablesbar, wie sich der Turm während des Baus bereits neigte, sodaß man in den oberen Geschossen auf dem geneigten Unterbau korrigierend gerade weiterbaute - ohne Erfolg, denn heute steht auch dieses Geschoß schief.

Goethe kam auf seiner Italienischen Reise nicht nach Pisa, womit er wohl für seine etwas merkwürdige und letztlich witzige Hypothese einer "Verdruß- und Langeweilearchitektur" entschuldigt ist. Die im Prinzip richtige Methode, aus den horizontal verlaufenden Ziegelschichten auf den Bauvorgang zu schließen, ist für den damaligen Stand der "historischen Bauforschung" geradezu genial (naja, echt Goethe halt).

Eigenartig ist jedoch, daß man seine Beobachtung heute nicht mehr nachvollziehen kann, denn die Ziegelschichten seines "hängenden Turms", also des Torre Garisenda, verlaufen keineswegs horizontal. Goethe scheint den Asinelli-Turm bestiegen zu haben, der weniger stark geneigt ist. Steht man im Inneren, so erscheinen dessen Schichten waagrecht, was aber auf einer optischen Täuschung beruht. Möglicherweise hat Goethe hier etwas durcheinander gebracht - kein Wunder, denn Goethes berühmte "Italienische Reise" wurde erst 1816 gedruckt.


Startseite | Torre Garisenda | Torre Asinelli (Wie wurden Stadttürme gebaut?)


© Dr. Rudolf Koch, Wien 1999, 2005 
(Publikationen)