Fortpflanzung von Absteckfehlern im mittelalterlichen Kirchenbau (2. Aufl.)

Fallbeispiel 1: Die Absteckung des Speyrer Domgrundrisses

Walter Haas konnte bei seinen Untersuchungen an den Fundamenten des Doms zu Speyer systematische Absteckfehler feststellen, die sich über den gesamten Grundriß fortpflanzten. Daraus konnten wichtige Rückschlüsse über den Absteckvorgang bei einem Bau des 11. Jahrhunderts abgeleitet werden. Der Vorgang soll am Beispiel der Krypta von Speyer erklärt werden:

0 Nach Entwurf des Grundplans und Vorbereitung des Baugrundes (Einebnung etc.) wird

1 die Kirchenachse festgelegt und

2 die Querachse im rechten Winkel dazu errichtet.

3 Dabei passiert ein geringer Winkelfehler.

4 Die weiteren Bauachsen werden an diesem verdrehten Achsenkreuz durch Längsmessung und

5 Quermessung angelegt.

Der Querachsenfehler pflanzt sich über den gesamten Grundriß fort, sodaß das Netz der Bauachsen nicht orthogonal ist, sondern ein für diese Art der Vermessung charakteristisches Parallelogramm ergibt. Es ist daher anzunehmen, daß der Grundriß nicht in Abschnitten vermessen, sondern in einem Zug durch sehr genaue Längenmessungen angelegt wurde. Eine Korrektur des Winkelfehlers unterblieb, sei es, daß er nicht bemerkt wurde oder als vertretbar erschien. Hypothetisch bleibt, ob zunächst die Querachsen - wie in der Animation angenommen wird - vvermessen wurden, oder ein anderes Verfahren für die Anlage des Rasters mit Seilen zur Anwendung gelangte. Bauteile aus späteren Bauabschnitten oder Bauphasen fallen durch ihre Abweichung vom Meßraster auf (Türme, Kapellen, Sakristeien etc.)

Voraussetzung für die Reproduzierbarkeit dieses Vermeßungsverfahrens ist einerseits, daß der Bau relativ einheitlich ist, anderseits eine gewisses Mindestmaß an Regelmäßigkeit bei den Baufluchten aufweist.

 Fallbeispiel 2: Absteckungsachsen des Domes von Wiener Neustadt

Der Dom von Wiener Neustadt (Niederösterreich) wurde nach den Untersuchungen von Erwin Reidinger 1192/93 abgesteckt. An diesen spätromanisch-frühgotischen Kirchenbau wurde in der Gotik eine neue Choranlage angebaut und die Westanlage, ursprünglich zum Erstbau gehörig, unter historisierenden Veränderungen zu Beginn des 20. Jh. neu errichtet. Die hochmittelalterliche Choranlage wurde vor einigen Jahren archäologisch erfaßt.

Auf den ersten Blick ist die schon bei Speyer festgestellte Verschiebung des orthogonalen Achsennetzes zum Parallelogramm erkennbar. Sie ist in Wr. Neustadt aber wesentlich stärker ausgeprägt. Der Querschiff- und Chorbereich schließt mit einem deutlichen Knick nach Süden an die romanische Anlage an, doch folgt die gotische Chorachse annähernd dem romanischen Chorquadrat mit anschließender Apsis. Vergleicht man die Situation mit Speyer, so fällt auf, daß Chor und Langhaus - wie beim Kaiserdom - zwar zeitgleich sind, aber dennoch einenn Knick aufweisen.

 

E. Reidinger erklärt dies mit zwei unterschiedlichen Orientierungsachsen: eine "weltliche Achse" für das Langhaus (Pfingsten 1192) und eine "kirchliche Achse" für den romanischen Chor (Sonnenaufgang Pfingsten 1193). Die Daten bringt Reidinger in Zusammenhang mit historischen Ereignissen bei der Gründung der Stadt (Belehnung, Grundsteinlegung usw.) Andererseits erklärt Reidinger den Knick als eine Folge eines "starren" Absteckschemas von zwei unterschiedlichen Orientierungsnetzen. Die Verschwenkung der Langhausquerachse bewirkt beim eigenständig angebundenen System der Choranlage eine Drehung der Chorachse. Bei Vorträgen brachte dies Reidinger überzeugend durch Demonstration an einem vereinfachten Holzgittermodell durch simples Verschieben der "Seitenschiff-Fluchten" zum Ausdruck (Die Abbildung zeigt das orthogonale Netzmodell, dann jenes, welches Wr. Neustadt entspricht und schließlich eine überhöhte Verschwenkung)

 

Die nebenstehende Animation vegleicht die beiden Fälle von Speyer (einheitliches Abstecknetz mit Winkelfehler in der Querachse) und Wr. Neustadt (Zusammenhang zwischen der parallelen Verschiebung des Langhauses und der Chorachse bei getrennten Absteck- bzw. Orientierungssystemen) an einem vereinfachten Modell. Daraus geht hervor, daß Achsknicke nicht unbedingt die Folge von Absteckfehlern sein müssen, sondern auch dadurch entstehen können, daß an einen Baukörper oder ein Abstecknetz mit unterschiedlicher Orientierung angebunden wird.
 

Beim Fall II muß nicht unbedingt auf  zwei Bauphasen im Sinne einer späteren Erweiterung oder eines Umbaus geschlossen werden. Insbesondere bei Großbauten ist das abschnittsweise Errichten von Baukompartimenten (zB. jochweises Weiterbauen nach einem bereits festgelegten Konzept; vgl. Bamberger Dom usw.) durchaus üblich. Daraus ergeben sich die oft jahrzehntelangen Bautätigkeiten, die letztlich ihre Ursache in der mittelalterlichen Baufinanzierung haben (keine Vorfinanzierung, daher konnte nur gebaut werden, wenn Geld aus Dotationen, Ablässen, Stolengebühren usw. vorhanden war. Dies ist auch der Grund für so manchen unvollendet geblieben Kirchenbau: durch die Reformation gingen die üblichen Kircheneinnahmen aus Ablässen etc. verloren). Großbauten wurden auch nicht immer - wie oft zu lesen ist - "scheibchenweise" von unten nach oben, oder vom Chor linear zum Langhaus hin errichtet. Ein beeindruckendes Beispiel ist der Kölner Dom, dessen Torso mit Baukörpern im Osten und Westen erst im 19.Jh. fertig gestellt wurde.

 

 

 


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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2005 
(Publikationen)