Archäologisch-kunsthistorische
Untersuchungen in der Pfarrkirche St. Martin in Attersee, Oberösterreich.
Befunde
Nach Abtragung der Bodenfliesen des 19. Jahrhunderts und der
ca. 20 cm hohen Bettungsschicht aus sandigem, leicht mörtelhältigen
Boden zeigte sich im Osten des Chorraumes ein fast zur Gänze
erhaltener Kalkmörtelestrich. Dieser Estrich ließ sich
auch vor der durchgehenden Chorstufe in Resten nachweisen und war
mit dem Beginn des gotischen Wandverputzes niveaugleich. Zwei parallele
Störungen im gotischen Estrich hinter dem zentralen Altarsockel
stammen von der barocken Altarwand.
Unmittelbar unter dem gotischen Estrich beginnt die Bruchstein-Füllmauer
des Vorgängerbaus. Sie bildet drei Seiten eines Chorquadrates
romanischer Grundrißlösung, welches um ca. 30 cm aus
der Achse des gotischen Chores nach Norden verschoben ist. Die lichte
Weite des Chorquadrats beträgt rund 3,6 m und nimmt gegen Westen
zu, da die Südmauer nicht rechtwinkelig verläuft. Die
drei erhaltenen Mauerzüge weisen unterschiedliche Konstruktionsmerkmale
auf, wurden jedoch gleichseitig errichtet. Die Fundamente sind im
Durchschnitt 90 bis 100 cm, das Aufgehende 80 cm stark.
Die
Nordmauer ist ohne Fundamentvorsprung und mit wenig Sorgfalt gebaut.
Die Ostmauer hat einen inneren Fundamentvorsprung und einen ca.
10 cm tieferliegenden äußeren Absatz. Die Südmauer
besitzt nur einen äußeren Fundamentvorsprung, der gegen
Westen von 8 cm auf 20 cm verbreitert wird. Ein Schnitt durch diese
Mauer ergab, daß die Bruchsteinfüllung einheitlich vom
Aufgehenden bis ins Fundament durchlief, die Abweichung von Aufgehendem
und Fundament daher nicht auf eine Zweiphasigkeit sondern auf Bauunregelmäßigkeiten
zurückgeht. Auffallend ist, daß die Fundamenttiefen des
Chorquadrates vom Nordwesten nach Südosten verhältnismäßig
rasch zunehmen und offensichtlich auf die ursprüngliche Hanglage
des Kirchhügels Rücksicht nehmen.
Das Mauerwerk des Chorquadrates zeigt drei Störungen. In
der Südmauer wurde bei Errichtung der durchgehenden Chorstufe
im 19. Jahrhundert das Aufgehende ausgerissen. In der Südostecke
traf man im 16. Jahrhundert beim Ausheben eines Grabschachtes auf
die ältere Choranlage und mußte die Mauer teilweise abtragen.
Die dritte Störung befindet sich an der Nordost-Außenecke.
Diese Ausrißstelle dürfte im Zusammenhang mit der Errichtung
des gotischen Chores entstanden sein. Die Fundamente des spätmittelalterlichen
Nachfolgebaus reichen hier bis an das romanische Chorquadrat heran.
Für die Datierung des Vorgängerbaus, eine Chorquadratkirche,
können nur allgemeine typologische Erwägungen herangezogen
werden, da sich keine stratigraphisch verwertbare Keramik fand.
Saalkirchen mit Langhaus und Chorquadrat sind ein weit verbreiteter
Typus der einfachen romanischen Landkirchen. Sie sind eine Bauform
des 12. und 13. Jahrhunderts und zeigen nach KLAAR (1964) <13>
in der Hochblüte des romanischen Dorfkirchenbaus im Langhaus
ein Seitenverhältnis von l : 2 und im Chor von l : l. In der
Frühgotik wird das Chorquadrat in eine gedrungene Rechteckform
umgewandelt.
Leider konnten aus grabungstechnischen Gründen der Westteil
des Chores und damit der Anschlußstelle zum romanischen Langhaus
nicht untersucht werden. In Attersee dürfte die romanische
Kirche wegen des relativ großen Chorquadrates nur um weniges
kleiner als das jetzige Kirchenschiff gewesen sein. Es ergibt sich
somit eine Proportionierung von Chor und Langhaus, welche eine Datierung
ins 12. Jahrhundert erlaubt.
Der
romanische Chor hatte an der Außenseite der Südostecke
ein Christophorus-Fresko, welches dem sog. "Weichen Stil"
angehört und in das 1. Viertel des 15. Jahrhunderts zu datieren
ist. Das in ausgezeichnetem Erhaltungszustand überlieferte
Wandgemäldefragment belegt, daß die romanische Kirche
noch in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts den Anforderungen
der Kirchengemeinde entsprach. Der Neubau könnte durch ein
Naturereignis notwendig geworden sein. Bei den älteren Grabungen
am Kirchhügel wurde nämlich eine Abrutschung des Hanges
festgestellt <14>. Dafür sprechen auch die mächtigen
Schuttlagen im Kircheninneren, welche beim gotischen Neubau nicht
eingeebnet wurden. Dadurch bedingt steigt heute der Boden des Langhauses
bühnenartig von Ost nach West an, sodaß der Eingang der
Kirche um rund l m höher als der Chor liegt. Der Höhenunterschied
zwischen dem romanischen Außenniveau - durch den Fundamentvorsprung
am Christophorus-Fresko rekonstruierbar - und der Eingangsschwelle
beträgt sogar 1,74 m.
Im Verlaufe der Grabung zeigte sich, daß der Polygonchor
aus der Mitte des 15. Jahrhunderts nicht in einem Zuge errichtet
worden war. Es konnte eine Planänderung in der Bauausführung
festgestellt werden.
Die
achteckigen Sockel der Wandvorlagen durchstoßen
nämlich den gotischen Estrich und liegen erst ca.
30 bis 35 cm tiefer am Fundamentvorsprung des Chorpolygons
auf. Zwischen dem zweiten und dritten Sockel befand
sich ein Mörtelband, das ebenfalls von den Dienstbasen
durchstoßen wurde. Der dritte Sockel wurde auf
Höhe des gotischen Estrich von einem schräg
aus der Achse des Dienstes verschobenen Profilstück
unterfangen. Etwa l m unterhalb dieses Dienstes lagen
im lockeren Schutt drei Bestattungen des romanischen
Friedhofes.
Das Bodenniveau der gotischen Kirche war demnach
zunächst in Höhe des Fundamentvorsprunges
geplant. Noch während der Errichtung der Chormauern
gab der Boden wegen der darunterliegenden Bestattungen
unter dem wachsenden statischen Druck nach, sodaß
Sicherungsmaßnahmen und eine Planänderung
notwendig wurden. Zu dieser Reparaturphase gehört
das Mörtelband zwischen zweiter und dritter Dienstbasis
an der Nordseite und eine Erweiterung der Fundamentmauer
bis zur Nordostecke des romanischen Chorquadrates. Durch
das Höherlegen des Bodenniveaus wurde gleichsam
nachträglich eine größere Fundamenttiefe
erzielt. Die Dienstbasen mußten um rund 30 cm
erhöht werden.
|
Zum
Bau des neuen spätgotischen Chores dürften
die Steine des Chorquadrates mitverwendet worden sein,
da sich in den Schuttschichten zwar Mörtelreste
und Teile des Wandverputzes (u. a. gotisches Christophorusfresko
am romanischen Chorquadrat!) fanden, jedoch keine Bruchsteine.
Umso bemerkenswerter war daher der Fund einer "Apsis
aus Trockenmauerwerk" im Anschluß an das
romanische Chorquadrat. Ein Schnitt durch diese Pseudomauer
ergab, daß es sich um die Aufschüttung aus
dem Versturzmaterial der romanischen Kirche handelte.
Die apsidenartige Form bildete sich zwangsläufig
durch den freigebliebenen Raum zwischen Chorquadrat-Ostmauer,
Altarfundament und Polygonmauer des Neubaus. Diese Steinpackung
stellt ebenfalls eine statistische Verstrebung der Fundamente
dar.
|
Die
Fundumstände des Altarsockels lassen eine Rekonstruktion des
gotischen Altares zu. Zunächst muß bemerkt werden, daß
die Ostmauer des Chorquadrates an der Oberfläche im Gegensatz
zu den Längsmauern sorgfältig mit Mörtel abgestrichen
ist. Im Osten schließt der Fundamentsockel des Altares an.
Über der Ostmauer und diesem Sockel wurde der eigentliche Altarfuß,
der Stipes, errichtet. Um den Stipes verläuft eine etwa 20
cm breite Fuge, welche im Mörtelbett noch deutlich die Standspuren
von Steinplatten zeigt. Im Westen, vor dem Altarfuß, lagert
eine mächtige, rechteckige Schieferplatte, die an der Nordseite
schräg abgebrochen ist und durch eine Kalkmörtelplatte
ergänzt wird. Eine kleinere Schieferplatte liegt an der Südostecke
des Altarsockels und unterbricht die umlaufende Fuge des Altarfußes.
Ebenso ist ein Teil der Trennfuge zwischen dem Vorderteil des Altares
mit der großen Schieferplatte und dem Stipes vermauert.
Aus diesen Abmauerungen und den Baufugen lassen sich zwei Umbauphasen
des Altares ableiten:
1. Der älteste Teil aus der Erbauungszeit der gotischen
Kirche war ein Blockaltar, der in der Art eines Kastenaltares durch
senkrechte Platten umgestellt wurde <15>.
2. Noch im Mittelalter dürfte die Schieferplatte als Stufe
vor den Altar gelegt worden sein. Diese Erweiterung könnte
im Zuge der Neuausstattung des Chores mit den Fresken im letzten
Drittel des 15. Jahrhunderts geschehen sein.
3. Als spätere, zweite Umbauphase ist die Abmauerung der
Trennfuge zwischen Stufe und Altar und der Einbau der rückwärtigen
Schieferplatte erfolgt. Die Schieferplatte zeigt bei geringerer
Dicke die gleiche schräge Bruchstelle wie die der vorderen
Stufe, welche jetzt durch Mörtel ergänzt ist. Aus diesem
Umbau wird ersichtlich, daß nun keine senkrechten Kastenplatten
mehr vorhanden sind, der Altarstipes demnach zerstört und entweiht
worden war. Eine Datierung kann nur indirekt erschlossen werden.
In der Regel konnten die protestantischen Gemeinden den Hochaltar
weiterverwenden. Lediglich das Altarpatrozinium und die Aufbauten
mußten geändert werden. Die Gegenreformation trachtete,
durch die aufwendige Kunst des Barock der neuen, dogmatischen Verherrlichung
Gottes Ausdruck zu verleihen. In Attersee dürfte daher der
durch die Protestanten ohnedies entweihte gotische Altaraufbau um
1633 abgetragen und durch einen barocken Holzaltar mit dahinterliegendem
Querbau ersetzt worden sein.
[weiter ...]
- 13) KLAAR (1964): 272.
- 14)Vermurungen dieser Art sind um Attersee bis heute keine
Seltenheit. Auch während der Ausgrabungen von 1980 mußte
die Uferstraße wegen einer Hangrutschung gesperrt werden.
- 15) Zur Problematik der Altäre vgl. BRAUN (1924): Bd.
1, 191 ff. und 220 ff.; Bd. 2, 176 ff.
[Literatur]
Startseite Inhalt:
Archäologisch-kunsthistorische Untersuchung in St. Martin/Attersee
a. Attersee
© Dr. Rudolf Koch, Wien 1985, 2005 |