Archäologisch-kunsthistorische Untersuchungen an der Pfarrkirche von Stillfried
Rudolf Koch, Wien

Aus: Ausstellungskatalog Stillfried, Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, NF 158, 1983, S. 63 - 66.

(Text zu einem Ausstellungskatalog 1984. Ursprünglicher Text ohne Rücksprache gekürzt und verstümmelt. Der Baualterplan, Abb. 10, durch völlig sinnwidrige und noch dazu falsche Signaturen entwertet. Es wurden dem Verf. weder Korrekturfahnen noch Belegexemplare zur Verfügung gestellt. Jeder weitere Kommentar über dieses unverschämte Vorgehen des damaligen Verantwortlichen am NÖLM erübrigt sich - die hier gebrachte End-Version illustriert dies wohl nachhaltig).

Landeskundliche, siedlungsgeographische und pfarrgeschichtliche Forschungen haben die besondere Stellung von Ort u. Kirche wahrscheinlich gemacht. Stillfried wird von P. Csendes, M. Mitterauer und H. Wolf nicht nur die Funktion eines zentralörtlichen Dorfes zugeschrieben, das beim Landesausbau im 11. u. 12. Jh. eine entscheidende Rolle spielte, sondern auch die einer Urpfarre, von der aus die kirchliche Organisation des Neusiedellandes vor sich ging. Der Bedeutungsverlust und Abstieg von Dorf und Kirche dürfte gegen Ende des 13. Jhs. seinen Anfang genommen haben, wobei die Neugründung von Zistersdorf durch die Kuenringer nicht unwesentlich Anteil hatte. An Urkunden dazu sind hervorzuheben: Ortsnennung 1045, erste Pfarrerwähnung 1245/60, Grabstein eines "Siboto plebanus fundator capelle in Stillfrit" 1304, Schenkungsurkunde der Pfarre an das Kloster Mauerbach durch Friedrich d. Schönen 1325. Hinzu kommen noch mehrere Nennungen eines herrschaftl. Sitzes (Herren "von Stillfried") zwischen 1272 u. 1280 und bis ins 15. Jh. die Verpfändung von "Burg, Landgericht und Markt". Über die durchgreifende Barockisierung der Kirche nach der Zerstörung durch die Schweden (um 1640) berichtet eine Inschriftplatte von 1669.

Die Ortsgeschichtsforschung interpretierte die Aufzeichnungen der Pfarrchronik (begonnen Mitte 19. Jh.) dahingehend, daß Siboto der Erbauer der romanischen Kirche gewesen sei, welche nach dem Hussiteneinfall um 1500 als gotischer Bau wiedererrichtet wurde.

Die Bauanalyse A. Klaars korrigierte die Baugeschichte der Kirche. Klaar erkannte in der Kirche einen hochgotischen Bautypus an der Wende vom 13. zum 14. Jh. Der gleichzeitige Westturm wurde über einer unterirdischen Halle errichtet. Eine südliche Herrschaftskapelle, um 1400 an den Chor angebaut, wurde im 18. Jh. zu einer Marienkapelle bzw. zur Sakristei umgestaltet. Die kärgliche mittelalterliche Bauplastik ließ keine nähere stilkritische Analyse der Kirche zu. Der solchermaßen schlichte „Einheitstyp“ der allgemeinen Bauwelle in der Hochgotik war zunächst nicht mit der einstigen Bedeutung von Stillfried in Einklang zu bringen, doch konnte bereits eine geodätische Vermessung des Gebäudes wichtige Aufschlüsse über einen älteren Vorgängerbau im Bereich des Turmes zeigen

 


(Abb. 10: Man beachte die völlig falsche und unsinnige Darstellung der Legende und der Signaturen!)


(Nachtrag: Pfarrkirche und Ausgrabungen am sog. Hügelfeld in Stillfried a. d. March
ca. 1980. Die Grabungsleitung hatte Univ.-Prof. F. Felgenhauer, Inst. f. Ur- und
Frühgeschichte der Universität Wien inne.)

 

 Die gezielte archäologische Untersuchung am Turm, im Chor und der Seitenkapelle sowie im Friedhofsareal berichtigte die bisherige Gesamtdeutung. Schon zwischen der Mitte des 11. Jhs. und der Mitte des 12. Jhs. bestand ein erster Friedhof, die Georgskirche war daher tatsächlich Urpfarre. Damit kann von archäologischer Seite — und nur von ihr aus — die Lücke innerhalb der Urkunden zwischen der Mitte des 11. Jhs. und der Mitte des 13. Jhs. geschlossen werden. Dieser erste Friedhof von Stillfried ist nicht nur der älteste bisher im Neusiedelland nachweisbare, sondern auch die archäologische Bestätigung für die Hypothese der zentralörtlichen Stellung von Stillfried, da Siedlung, Burg und Kirche gerade im Hochmittelalter eine untrennbare Einheit bilden. Schon dieses Ergebnis rechtfertigt die archäol.-kunsthistorischen Untersuchungen im Rahmen des interdisziplinären Forderungsprojektes, die weit über eine bloße Erfassung der Bau- und Kunstgeschichte eines Einzelobjektes hinausgehen.

Das Tiefgeschoß des Turmes war Teil einer eintürmigen romanischen W-Anlage, die bis ins 13. Jh. bestand und als Karner diente. Ein Karner im Tiefgeschoß eines romanischen Turmes ist in Österreich ein Sonderfall. Siboto war nicht der Erbauer der romanischen Kirche, sondern der Stifter einer Michaelskapelle über dem Karner bzw. im Turm des 13./14. Jhs. Die heutige Sakristei war ursprünglich eine zweijochige Herrschaftskapelle mit Grablege.

Von kunstgeschichtlicher Seite ergibt sich dadurch eine Reihe von neuen Problemstellungen. Romanische W-Turm-Kirchen des 12. Jhs. sind in Österreich relativ selten und werden stets nur an jenen Orten errichtet, die gewisse zentralörtliche Funktionen ausüben. So z. B. in Gars/Thunau, St. Ruprecht in Wien, St. Martin in Klosterneuburg, die Piaristenkirche in Krems, die Propsteikirche in Zwettl, Pfarrkirche in Hartberg/Stmk. u. a. Das Patronat über diese Kirchen haben dabei stets der Landesfürst (Babenberger) oder dessen hohe Ministeriale. Die erhaltenen frühen Westtürme sind meist mit Emporen ausgestattet und lassen sich letztlich auf den karolingischen Westwerksgedanken zurückführen. Als quasi weltlicher Gegenpol zur sakralen O-Partie der Kirche (Ostturm-Kirchen!) sind die romanischen Westtürme architektonischer Ausdruck des geistesgeschichtlichen Spannungsverhältnisses von Landesfürst und Kirche nach dem Investiturstreit.

Die Verbindung von Totenkult (Karner) u. Westanlage zur baulichen Einheit muß im Zusammenhang mit Phänomenen der Hochkunst gesehen werden, z. B. mit der Gegenchoranlage  von Lambach/OÖ (West-Chor mit Krypta!).

Die Fragestellung Kirche - Burg - Herrschaftskapelle ist angesichts der zweijochigen S-Kapelle in Stillfried neu zu überdenken, da der Herrschaftssitz am Hausberg von Stillfried nur im 13. Jh. bestand, die Kapelle aber erst um 1400 errichtet wurde. Somit taucht die Frage auf, wo der Inhaber der Herrschaftskapelle, die auch als Grablege diente, nach Aufgabe des Hausbergs seinen Sitz hatte.

Das Verhältnis Kirche - Dorf ändert sich mit der Verlegung der Siedlung von der unmittelbaren Kirchennähe an den Fuß der Wallanlage ab dem 13. od. 14. Jh. Die Kirche selbst war ursprünglich nicht nur durch einen Graben vom Siedlungsplateau getrennt, sie wurde auch am höchsten Punkt der Wehranlage errichtet. Ein Beitrag zum Problem der Wehrfunktion hochmittelalterlicher Pfarrkirchen im Neusiedelland kann anhand der archäologischen Befunde geleistet werden. Die befestigte Friedhofsmauer stammt zwar im wesentlichen aus dem 19.Jh., zeigt jedoch eine ausgesprochen altertümliche Form mit Schießscharten.

Nicht zuletzt gibt das unterschiedliche architektonische Niveau von Kirche und Siedlung Einblick in Probleme der Sozial- u. Siedlungsgeschichte. Während die Kirche bereits im 12. Jh. aus Stein errichtet wurde, sind die Häuser des Dorfes als Grubenhäuser gestaltet.

Man kann aus den vorangegangenen Ausführungen ersehen, wie wichtig eine breite Fächerung der Fragestellungen ist, um zu einer möglichst umfassenden Aussage und Gesamtdeutung eines so vielschichtigen Objektes wie der Pfarrkirche von Stillfried zu gelangen.