Historische Kunst.
Ein Baudenkmal der Gotik in Österreich - die Stadtpfarrkirche in Steyr

Rudof Koch, Wien

(Erstpublikation: Ein Baudenkmal der Gotik in Österreich - Die Stadtpfarrkirche in Steyr, OÖ, in: Zeitschrift Oberösterreich 29. Jg., 4/1979, S. 45 - 54.)

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Das Ensemble von Stadtpfarrkirche, Margaretenkapelle und Stadtpfarrhof in Steyr. Foto: Dr. E. Widder 

In einem eigenen Bezirk über den alten Bürgerhäusern der Eisenstadt Steyr und gleichsam als sakraler Gegenpol zur Burg erhebt sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die monumentale Steyrer Stadtpfarrkirche. Die Geschichte dieses Gotteshauses, den Heiligen Ägidius und Koloman geweiht, läßt sich mit einiger Sicherheit bis gegen 1100 zurückverfolgen. 1192 bestätigt Herzog Leopold VI. die kirchlichen Rechte und Besitzungen des Abtes von Garsten und erwähnt in einer Urkunde eine Kapelle, die mit der Steyrer Kirche in Zusammenhang gebracht werden kann. Urkundlich sichergestellt wird sie erst 1275 bei einem Streit zwischen dem Abt von Seitenstetten und dem Pfarrer von Sindelburg. Ein Dekret Papst Honorius IV. gewährt 1287 einen Ablaß für die Kapelle der Kirche zu St. Gülgen und Koloman.

Die Erhebung der Kirche zur Pfarre erfolgt gegen 1300 und der Historiograph und Verfasser der "Annales Styrenses", ValentinPreuenhueber, berichtet, daß sich "anno 1305 die Ritter, der Richter, Rath und Gemeine zu Steyer, gegen Abt Ulrich zu Garsten verschrieben, ihn und seine Nachfolger, für ihren Obristen Pfarrer zu erkennen, und zu halten".

Über das Aussehen dieser ersten Steyrer Stadtpfarrkirche ist uns nichts erhalten geblieben. Die romanische Kirche fiel 1303 einem Großbrand zum Opfer, welcher auch die Burg erheblich beschädigte. Beim Wiederaufbau, jetzt wohl schon im Stil der Frühgotik, erweiterte man das Gotteshaus um eine "Emporkirche" und für das Jahr 1312 wird uns eine "Eiserne Kapelle" der Familie Teurwanger überliefert. Aber auch dieser Neubau konnte bald nicht mehr den Erfordernissen der angewachsenen Gemeinde und den Wünschen der Zechen und Benefizien gerecht werden. Die Gemeinde von Steyr beschloß, unterstützt durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Eisenmetropole, die Stadtpfarrkirche gänzlich neu zu errichten.

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Grundriß des Chores der Stadtpfarrkirche Steyr von Hanns Puchspaum, Akademie der Bildenden Künste in Wien, Bibliothek, Inv. Nr. 17.052. 

 

Auch für die Inneneinrichtung zeichnete Hanns Puchspaum Pläne, die in mehreren Variationen das filigrane Sakramentshäuschen und den dreiteiligen Sitzbaldachin im Chor zeigen. Das kunstvolle Sakramentshäuschen kann sich mit den qualitätsvollsten Werken spätgotischer Kleinarchitektur messen.

Um 1440 existierten bereits genaue Vorstellungen für das Bauprojekt und der reiche Bürger Hanns Perausch legierte 100 Gulden "Zu Hülffe deß Chorbaues in der Phorkirchen". Zur Durchführung dieses großen Vorhabens — die spätgotische Pfarrkirche nimmt immerhin zwei Drittel der Grundfläche des Wiener Stephansdomes ein — versicherte man sich der Bauleitung des späteren Dombaumeisters von Wien, Hanns Puchspaum, und errichtete eine Viertellade der Wiener Hütte. Aus dieser Zweigniederlassung entwickelte sich jene Steyrer Bauhütte, die mit ihren dynamisch-bewegten Leitformen bis ins 16. Jahrhundert hinein wesentlich an der Ausbildung der barocken Gotik Anteil hatte.

tem3D4seg151.jpgHanns Puchspaum ist schon in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts in Steyr nachweisbar. Neben seiner Tätigkeit als Parlier am Wiener Dom unter Hans von Prachatitz schuf er auch den Dachreiter der Steyrer Margaretenkapelle bei der Stadtpfarrkirche, der uns in einer genauen Kopie von Friedrich von Schmidt erhalten ist. Für den Neubau des Chores am Steyrer Münster fertigte Puchspaum genaue Grundrisse und Visierungen, die als kostbare Originale an der Akademie der bildenden Künste in Wien verwahrt werden.

Abbildung rechts: Dachreiter der Margaretenkapelle, Kopie von Friedrich von Schmidt nach dem Original um 1430.

1443 wird, wie es bei Preuenhueber heißt, der "Anfang von diesen Gebäu gemacht". Der Stadtgeschichtsschreiber verbürgt uns auch die Autorschaft Puchspaums. Vergleicht man die gotischen Pergamentpläne mit ihren subtil gezogenen Linien und den ausgeführten Bau, gewinnt man einen Eindruck von der straffen Organisation des spätmittelalterlichen Hüttenbetriebes. Die drei Grundrisse geben den heutigen Chor nahezu getreu wieder: Ein dreischiffiger Langchor erstreckt sich über drei Joche. Das etwas breitere Mittelschiff wird gegenüber den Seitenschiffen um ein halbes Joch tiefer gestaffelt. Die Polygone der drei Apsiden schließen sich dadurch zu einem vielek-kigen bewegten Ostabschluß zusammen.Über kräftigen Bündelpfeilern spannt sich imMittelschiff ein engmaschiges Gewölbe-netz, dem in den Seitenschiffen vierteiligeRautensterne mit Bogenquadraten entspre-chen. Das Studium dieser Pläne läßt bereits den breit gelagerten kompakten Baublock mit seinem großen, alle Schiffe überspannenden Dach erahnen.

Schon die frühesten kunstgeschichtlichen Würdigungen der Steyrer Stadtpfarrkirche weisen auf das große Vorbild des Stephansdomes in Wien hin. Puchspaum übernimmt für Steyr den Grundriß des sogenannten Albertinischen Chores von St. Stephan. Dieser Chor wurde 1304 bis 1340 errichtet und gilt als anspruchsvolles Bauwerk, das jene ehrgeizigen Bemühungen der Habsburger zum Ausdruck bringt, welche aus der zu Passau zugehörigen Pfarrkirche von St. Stephan eine Bischofskirche machen sollen.

In Steyr wandelt Puchspaum die Wiener Chorlösung durch Verbreiterung und Verkürzung des Mittelschiffes zu einer blockhaft geschlossenen Form ab. Diese künstlerische Lösung stellt einen historisierenden Rückgriff auf St. Stephan dar. Bedeutend ist auch, daß in der Nachfolge von St. Stephan lediglich Wallfahrtskirchen wie Maria Straßengel bei Graz oder Maria Neustift bei Pettau Dreiapsidenchöre aufweisen. Erst in Steyr wird diese Chorform auf eine Pfarrkirche übertragen und von hier ausgehend strahlt die von Hanns Puchspaum gewählte künstlerische Lösung auf weitere Pfarrkirchen aus, so ins benachbarte Niederösterreich nach Mank.

Die Bedeutung, die der Steyrer Kirche zugemessen werden kann, mag dadurch illustriert werden, daß die Heilbronner Kilians-kirche in Deutschland das Steyrer Münster zum Vorbild nahm und sogar das Sakramentshäuschen in seinen Grundzügen kopierte. Auch hier war ein Meister der Wiener Dombauhütte der Ausführende: Anton Pilgram.

Nach dem Tode Hanns Puchspaums1454/55 übernahm Mert Kranschach die Bauführung. Unter seiner Leitung schritt der Ausbau des Langhauses nur zögernd voran. Die wirtschaftlich so günstige Zeit vor der Jahrhundertmitte war zu Ende und zahlreiche politische Wirren brachten für einen Kirchenbau denkbar ungünstige Bedingungen. Streitigkeiten um die Herrschaft Steyr zwischen Jörg von Stein und Kaiser Friedrich III. führten zur zeitweiligen Besetzung der Stadt und in der Nähe der Pfarrkirche wurde Herzog Albrecht von Sachsen in einer entscheidenden Schlacht durch Jörg von Stein geschlagen. Bald darauf setzten plündernde ungarische Truppen der Umgebung von Steyr zu und schließlich trug eine empfindliche Geldentwertung wesentlich dazubei, daß nur wenig an der Kirche gebautwerden konnte.

Mert Kranschachs Meisterzeichen war die Rose und man nimmt daher an, daß er mit dem böhmischen Kunstkreis, der Hütte der Rosenberger, in Verbindung stand. Er errichtete den sechseckigen Nordturm und dürfte auch — den Plänen Puchspaums folgend — den Chor gewölbt haben. 1479 war der Turm fast vollendet, da beschädigte ein Brand den Turm schwer und machte das Werk Kranschachs zunichte. Drei Jahre später wird in einem anonymen Anschlag am Rathaus Meister Mert beschuldigt, daß er dem "Gotts=Hauß hat abgenommen mehr Lohn, dann er Gesellen hat gehabt". Trotz dieses schweren Vergehens entließ man Kranschach aus dem Gefängnis und begnadigte ihn. Die letzte Nachricht über den untreuen Meister findet sich 1483 in einer Quittung im Stadtarchiv von Steyr. Dann verliert sich seine Spur und den strengen Hüttenordnungen nach dürfte er wohl kaum noch eine gehobenere Stellung eingenommen haben

Der folgende Meister, der von 1483 bis zu seinem Tod im Jahre 1513 die Bauleitung über die Stadtpfarrkirche innehatte, hieß Wolfgang Tenk. Seine Unterschrift und sein Meisterzeichen finden sich schon im Admonter Hüttenbuch und sein Wirken läßt sich in Niederösterreich und in Blaubeuern nachweisen. Unter seiner erfahrenen und dynamischen Führung wurde das Langhaus und die über Eck gestellte zweigeschossige Nordvorhalle erbaut. Am Treppentürmchen dieses Zubaus, der sich vom Singertor des Wiener Domes ableitet, findet sich das einzige Datum am gesamten Kirchenbau: Die Zahl 1509 auf einem Spruchband unterhalb der Kreuzblume.

Wolfgang Tenks Schaffen läßt erkennen, wie eng er mit der Tradition der Wiener Bauhütte in Verbindung stand. Nur in den schmuckfreudigen Details und den geschwungenen Formen der Profilstäbe zeigt sich der Hang zur barocken Spätgotik, die als Donaustil bereits für die Umgegend bestimmend war. Indem Wolfgang Tenk das Langhaus in Form und Stil dem Chor anpaßt, führt er den Kirchenbau gleichsam im Geiste Hanns Puchspaums weiter.

Am 1. Mai 15l3 setzt der Tod dem Schaffendes "erbar Maisters Wolfgang tenc schtainmez der Paumeister ist gebesen hiepei diser Chrichen" ein Ende. Sein Grabstein, dem diese Inschrift entstammt, befindet sich heute im Kircheninneren.

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Epitaph des Baumeisters Wolfgang Tenk, gestorben 1513. Foto: Dr. E. Widder 

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Nordvorhalle.
Foto: Dr. E. Widder 

 

Als letzter Baumeister folgt der Steinmetz Hanns Schwettichauer. Über seine Herkunft ist wenig bekannt. Wir wissen nur, daß er sich 1525 in einem Vertrag als "gewester Baumaister der Pfarrkürch alhie Zu Steyer" bezeichnet. 1529 arbeitet er dann an der Linzer Burg. Zur Vollendung der Ägidikirche fehlten nur mehr die Gewölbe des Langhauses. 1522 standen die Gerüste und die Hauptrippen des Gewölbes waren aufgemauert. Am 18. März 1522 aber bricht im Stadtbad ein Feuer aus, welches, begünstigt durch den starken Wind, gar bald die Kirche erreicht und im Gerüstholz willkommene Nahrung findet. Die Folgen waren katastrophal: Die Gewölbe und fast die gesamte Einrichtung fielen den Flammen zum Opfer. In den kommenden Jahren setzte man die Kirche nach und nach instand, zu einem größeren Ausbau kommt es jedoch nicht.

Zu dieser Zeit wird die Lehre Luthers in Steyr wirksam und mit ihr neue liturgische Erfordernisse. Der Humanismus und damit die Hinwendung zur Kunst der Antike fördern die Ausbildung des Renaissance-Stils. Die mittelalterliche Epoche geht zu Ende und die spätgotische Architektur mit ihren komplizierten Formen klingt aus.

Der Stadtbrand von 1522 hat unter die gotische Bauperiode einen Schlußstrich gezogen. Für die nächsten hundert Jahre bleibt das Langhaus der Kirche ein Torso, die protestantische Gemeinde muß sich mit einer ungewölbten Kirche begnügen. Zwar versucht 1570 der reiche Bürgermeister Daniel Strasser auf eigene Kosten die Kirche zu renovieren, doch das Urteil "fremder Sachverständiger" über die Tragfähigkeit der Pfeiler verhindert dieses Projekt. Erst der Gegenreformation blieb es vorbehalten,1630 im Zuge der Barockisierung der Kirche das Langhaus mit Stichkappen- und Kreuzgratgewölben zu versehen.

 

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 Epitaph des Laurenz Guetprodt,
Detail mit Darstellung des Letzten Abendmahls, 1527, im Portalgewände der Nordvorhalle.
Foto: Dr. E. Widder

Aus der Reformationszeit stammt die westliche Durchgangshalle, die gemeinsam mit dem Ägidi-Stadttor den Befestigungsanlagen der Stadt zuzurechnen ist. Obwohl dieser Zubau erst 1554 entstand, wurde er nicht in den Formen der Renaissance erbaut, sondern zeigt den Stil der sogenannten"Nachgotik". Die Besonderheit dieser Lösung wird ersichtlich, wenn man bedenkt, daß der durch den Brand beschädigte Turm ein Renaissance-Obergeschoß erhielt, man also sehr wohl in diesem Stil an der Pfarrkirche baute.

Das heutige Erscheinungsbild der Steyrer Stadtpfarrkirche wird im wesentlichen durch die Regotisierung des 19. Jahrhunderts bestimmt. Diese letzte und entscheidende Umgestaltung ist eng mit der Person des großen Dichters, Malers und Denkmalpflegers Adalbert Stifter verbunden. Auf sein Betreiben hin und unter seiner wissenschaftlichen Beratung erfolgte ab 1853 die sorgfältige Planung und Ausführung des Umbaues. Welches Bild das Gotteshaus vor diesem Zeitpunkt bot, können wir aus Stifters Sammelberichten an die "K. u. k. Zentralkommission für die Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale" entnehmen.

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Unbekannter Meister: Zeichnung im Heimathaus Steyr mit Darstellung der Stadtpfarrkirche Steyr vor dem Brand des Turmes 1876. Foto: A. C. Kranzmayr


tem3D5seg152.jpgBlick zur Kanzel, im Hintergrund das barocke Hochaltarbild (vom ehemaligen barocken Hochaltar) von Karl von Reselfeld, 1688.Foto: Dr. E. Widder

Das Kircheninnere war durch Abmauerung der Chorfenster, Erweiterung durch Seitenkapellen und einer sepiafarbenen Tünche mit ornamentalen bzw. allegorischen Gewölbemalereien dem barocken Zeitgeschmack angepaßt. Ein mächtiger, schwarz-goldener Hochaltar füllte den Mittelchor zur Gänze aus, so daß das dahinter liegende Sakramentshäuschen und die schönen gotischen Sitzbaldachine beinahe "wiederentdeckt" werden mußten. In den gotischen Pfeilerbaldachinen im Langhaus fanden 2 m hohe Apostelstatuen Aufstellung, für die man teilweise die Bekrönungen der Baldachine abschlagen mußte. Der Außenbau, an den Langhauswänden weitgehend durch Kapellenanbauten beeinträchtigt, wurde durch ein barockes Turmgeschoß mit einem wuchtigen Zwiebelhelm bekrönt.

Dem Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts und den Vorstellungen der Romantiker von einer "mittelalterlich-deutschen Kunst" war die barockisierte Stadtpfarrkirche ein Dorn im Auge. Man trachtete sie vom "verwelschten und dem deutschen Wesen fremden Beiwerk" zu befreien. Adalbert Stifter, dem die Kirche seit seiner Schulzeit am Gymnasium in Kremsmünster ans Herz gewachsen war, urteilt über den Bau treffend, "die Kirche wäre, wenn sie vollkommen in Puchspaums Sinne ausgebaut und entsprechend verziert worden wäre, eines der ersten Meisterwerke der Baukunst geworden."

 

Im vollen Vertrauen auf die Richtigkeit des Kunstempfindens des 19. Jahrhunderts zerstörte man die Barockaltäre, Kapellen wurden abgetragen und vermauerte Fenster ausgebrochen. Was an schadhaften Archiekturteilen anfiel, ergänzte man im "gotischen Stile". Anstelle des fehlenden Hochaltares errichteten die Steyrer Bürger einen Votivaltar zu Ehren der glücklichen Errettung des Kaisers vor jenem Attentat, welches auch für die Erbauung der Wiener Votivkirche den Anlaß gab. Glücklicherweise wurde das barocke Hochaltarbild von Karl Reselfeld, eine Anbetung Jesu durch die drei Magier von 1688, aufbewahrt. Dem neugotischen Hochaltar von 1857 folgten bald die Nebenaltäre von 1863 und die Seitenaltäre im Südschiff. Wichtig für die Lichtführung und damit für den Raumeindruck war die Einsetzung von ornamentalen Glasfenstern im Chor. Die Ausstattung wurde weiters durch eine neue Kanzel und 37 Pfeilerfiguren der Apostel, Erzmärtyrer, Märtyrer und Eltern Jesu vervollständigt. Vom Neubau des Turmes nahm man vorerst aus finanziellen Gründen Abstand und die geplante Abtragung der Westvorhalle unterblieb wegen technischer Schwierigkeiten. Mit der Regotisierung unter dem Beirat Adalbert Stifters wollte man das Steyrer Münster auf eine vermeintliche gotische Grundsubstanz zurückführen, die jedoch in Wahrheit nie bestand. Ein einheitliches Stilbild, wie es durch die neugotische Einrichtung erzielt wird, widerspricht dem Wachsendes Baus unter vier Meistern. Denn trotz aller Bindung an die Entwürfe Puchspaums stehen sich der klare, ruhige Stil des Wiener Dombaumeisters und der dynamisch-bewegte Stil Wolfgang Tenks gegenüber.

Andererseits wäre es aber falsch, das Wirken Adalbert Stifters nicht entsprechend zu würdigen. Die Kunst der Neogotik, wie die der historisierenden Stile überhaupt, ist be-reits selbst ein Stück Kunstgeschichte geworden. So zählt der Hochaltar des Münchners Fidelis Schönlaub neben dem der Maria-am-Gestade-Kirche in Wien zu den Inkunabeln neugotischer Altarentwürfe. Mit der Beteiligung Stifters als Landeskonservator für Oberösterreich ist das Steyrer Gotteshaus nicht nur ein Beispiel für die Umgestaltung im neugotischen Stil, sondern ein Denkmal der Denkmalpflege schlechthin. Im Jahre 1876 wird die Steyrer Kirche noch einmal von einem Brand betroffen. In der Türmerstube bricht ein Feuer aus und beschädigt den Turm schwer. Die oberen Teile des 1756 nach Plänen des Steyrer Stadtbaumeisters Gotthard Hayberger aufgeführten Turmes werden dabei zerstört. Dieses Ereignis nimmt man als willkommenen Anlaß, durch den Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt einen stilgerechten Turmaufsatz zu errichten. Wegen akuten Geldmangels verzögert sich das Projekt bis1885. Aus den Mitteln des St.-Coloman-Turmbauvereines wird schließlich der heutige Turm ausgeführt und 1889 kann man bereits die Glocken aufziehen.

Gleichzeitig wird das Gotteshaus mit Bildfenstern ausgestattet, an denen sich die Entwicklung der neugotischen Glasmalerei bis zum Einbruch des Jugendstils um 1904 ablesen läßt. Auch die Vorhallen werden gereinigt und gründlich überarbeitet. Bei der Neupflasterung des Kircheninneren kommen zahlreiche alte Grabsteine zum Vorschein, die außerhalb des Kirchenbaus angebracht werden. Mit diesen Restaurierungsarbeiten erhält die Steyrer Stadtpfarrkirche ihr endgültiges Aussehen. Nach 1900 werden nur mehr Erhaltungsarbeiten ausgeführt, die den modernen denkmalpflegerischen Ideen Rechnung tragen.

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Nordvorhalle mit dem Bogenfeldrelief Tod und Krönung Mariens,1526.
Foto: Dr. E. Widder 

Das Bauwerk ist aber nicht nur von seiner architektonischen Gestaltung her interessant, birgt es doch auch hervorragende Werke der Plastik und Malerei. Aus der Zeit um 1400 haben sich drei Sandsteinfiguren in der nördlichen Vorhalle erhalten. Ob diese Skulpturen aus der ersten gotischen Pfarrkirche stammen, bleibt ungeklärt. Sie werden dem Meister von Großlobming zugeschrieben und stellen die Heiligen Agnes, Jakobus Major und Dorothea dar. Im Zuge der Restaurierungen um 1910 wurden sie durch den Wiener Bildhauer Erler stark überarbeitet und durch eine neugotische Figur des hl. Johannes Evangelist erweitert.

Ebenfalls vom Beginn des 15. Jahrhunderts stammt die im linken Seitenaltar aufgestellte Pieta. Zu diesen Bildwerken des Weichen Stils gesellt sich das Maria-End-Relief im Tympanon der Nordvorhalle. Das 1526 errichtete Relief mit einer 53 Figuren zählenden Darstellung des Todes und der Krönung Mariens gehört bereits dem Übergangsstil zur Renaissance an. Die Hauptfiguren entsprechen noch den Kompositionsschemata der Gotik, der rahmende Blätterkranz mit den spielenden Putten hingegen gehört der Renaissancekunst an.

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nördliche Vorhalle, Sandsteinfigur Jakobus Major, um 1400, mit der hl. Dorothea dem Meister von Großlobming zugeschrieben.
Foto: Dr. E. Widder 

 

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Detail vom sogenannten‚Laxenburger Fenster" mit Darstellung des Auferstandenen, 1. Hälfte 14. Jahrhundert. Foto: Dr. E. Widder 

Zu den Kostbarkeiten der Eisenkunst darf man die Wappentüre um 1470 und das schöne Gitter des Sakramentshäuschens um 1450 zählen. Die Wappentüre zur Paramentenkammer, welche als Geschenk aus Nürnberg an Steyr ging, zeigt in getriebenen Blechreliefs neben dem Nürnberger Wappen auch den steirischen Panther. Das komplizierte Gitter des Sakramentshäuschens mit seinen gestanzten, übereinander liegenden Stahlplatten soll Siegmund Fischer aus Wien gefertigt haben. Dieses Meisterwerk spätgotischer Stahlschnittkunst wurde anläßlich der Restaurierung unter Stifter bei einem Schlossermeister wiederentdeckt. Der Zufall hat uns diese Originaltüre, eine der schönsten ihrer Art, erhalten.

Die ältesten Kunstwerke, die sich in der Kirche befinden, sind die in einem Fenster im Südschiff zusammengefaßten Glasgemäldefragmente. Am sogenannten Laxenburger Fenster kann man eine Sammlung von Glasmalereien der beginnenden Gotik bis zum Ende des 15. Jahrhunderts studieren. Die fraglos wertvollsten Stücke sind die Scheiben mit der Darstellung Herzog Leopolds, des auferstehenden Christus und der Markgräfin Agnes um 1300. Sie stammen aus der ehemaligen Capella speziosa in Klosterneuburg und gelangten nach Abbruch der Privatkapelle Herzog Leopolds des Glorreichen 1799 nach Laxenburg. Von hier aus brachte man sie nach Steyr, wo sie als Ersatz für die nach Laxenburg gebrachten ehemaligen Steyrer Scheiben eingesetzt wurden. Die Figuren zeigen in den Gewandsäumen die Überwindung des spätromanischen Zackenstils und den Durchbruch des schönlinigen Stils der Frühgotik.

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Gitter zum Sakramentshäuschen von 1450.
Foto: Dr. E. Widder 

Ein weiteres beachtenswertes Glasfenster von 1523, also nach dem schicksalhaften Brand, wurde von der Familie Pichler gestiftet. Es stellt in einer großen Komposition den Tod und die Krönung Mariens dar und ist eines der wenigen bedeutenden Glasgemälde der Renaissanceepoche, die sich in Österreich erhalten haben. Der ikonographisch interessante Bestand und Bezüge zur Kunst des älteren Holbein weisen das Fenster als Importstück eines Künstlers aus dem nürnbergisch-augsburgischen Kreis aus.

Nicht zuletzt sei auf das kelchförmige Renaissance-Taufbecken in der Turmkapelle hingewiesen. 1569 aufgestellt, bringt es ein bemerkenswertes theologisches Programm. Auf 14 gegossenen Zinnreliefs werden die Vorbilder der Taufe abgebildet und eine allegorisch verschlüsselte Anspielung auf die konfessionellen Gegensätze zwischen Katholizismus und Luthertum, welche mehrmals wiederkehrt. Das Taufbecken, in seiner reichen Ausgestaltung im süddeutschen Raum ein Sonderfall, kann als ein Werk sächsisch-erzgebirgischer Zinngießer angesehen werden. Selbst in Fachkreisen noch weitgehend unbekannt und unpubliziert, verdient es besondere Beachtung.

Das Steyrer Münster, Wahrzeichen der Stadt, spiegelt als imposantes Bauwerk über 500 Jahre Geschichte wider. Berühmte Baumeister und hochqualifizierte Künstler waren von der Gotik bis ins 19. Jahrhundert an der Kirche tätig und schufen dabei ein Kunstwerk, welches sowohl durch seine Architektur als auch durch seine Kostbarkeiten im Inneren weit über die Grenzen Oberösterreichs hinaus Bedeutung erlangte.

 

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Renaissance-Taufbecken mit Zinnreliefs, 1569.
Foto: Dr. E. Widder 

Literaturangabe (Auszug)

1 Valentin Preuenhueber: Annales Styrenses,Nürnberg 1740.     
2 Josef Ofner: Kunstchronik der Stadt Steyr, in: Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, Heft 25—31, Steyr 1964ff.
3 Hans Riewel: Die Stadtpfarrkirche zu Steyer in Ober-Österreich, in: Mitteilungen des Altertums-Vereines, Bd. IX, 1 865.
4 Bruno Grimschitz: Hans Puchspaum, Wien 1947.
5 Otto Jungmair: Adalbert Stifter als Denkmalpfleger, Linz 1973.
6 Manfred Brandl: Die Regotisierung der Steyrer Stadtpfarrkirche. Ein Beispiel für die Gesinnung ihrer Zeit, in: Jahresbericht des BG/BRG Steyr 1969.