DIE BAUGESCHICHTE DER MARTINSKIRCHE IN LINZ BIS ZUM AUSGANG DES MITTELALTERS
RUDOLF KOCH, WIEN

Erstpublikation in: 1200 Jahre Martinskirche Linz (799 - 1999), Katalog zur Ausstellung des Oberösterreichischen Landesmuseums und des Nordico-Museums der Stadt Linz in der Martinskirche, Kat. des OÖ. Landesmuseums NF 143, Linz 1999, S. 63 - 70.

 

 "Ein sehr kleines, barockes Kirchlein stand so unscheinbar und schmucklos unter Obstgärten neuerer Villen zwischen einer Zeilensiedlung der Biedermeierzeit und dem ehemaligen Schloß auf dem Römerberg bei Linz, daß es selbst von Vorübergehenden nicht beachtet wurde. Das Innere war noch unansehnlicher als die Außenerscheinung."

Mit dieser etwas überspitzten Schilderung der Martinskirche am Linzer Römerberg für die Zeit vor dem Beginn der Restaurierungen im Jahre 1947 leitete der damalige Landeskonservator Franz Juraschek die Baubeschreibung jenes Kirchenbaus ein, der sich als einer der wenigen im aufgehenden Mauerwerk noch erhaltenen Zeugen der frühmittelalterlichen Architektur in Österreich erweisen sollte. Nur noch die karolingische Chorquadratkirche von Karnburg in Kärnten und der kreuzförmige Zentralbau der ottonischen Ulrichskirche in Wieselburg an der Ybbs wären als Beispiele für weitere noch in Teilen aufrecht erhaltene Kirchen aus vorromanischer Zeit zu nennen. In Österreich wurden seit den ersten, 1947 begonnenen Grabungen in und um die Martinskirche zahlreiche frühmittelalterliche Kirchengrundrisse archäologisch erschlossen und bauliche Reste im Mauerwerk späterer Umbauten wieder entdeckt, wie alleine schon die Zusammenfassung der wichtigsten Denkmäler in der jüngst erschienenen "Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich" aufzeigt. Die nicht unbedeutenden baulichen Reste wurden jedoch wieder zugeschüttet, liegen unter dem Verputz verborgen oder sind als unterirdische Museen zugänglich gemacht. Das Besondere an der Linzer Martinskirche ist die raumbestimmende Einbeziehung der vor- bis frühromanischen Bauteile in die noch heute liturgisch genutzte Kirche.

Angesichts der restaurierten und auf ihr mittelalterliches Erscheinungsbild zurückgeführten Martinskirche erscheint das obige Zitat Jurascheks fast unverständlich, doch mußten erst Archäologen, Bauforscher, Historiker und Kunsthistoriker in mehreren Forschungsunternehmungen die sachlichen und schriftlichen Quellen erschließen und interpretieren. Viele der damals aufgestellten Hypothesen, Rekonstruktionsvorschläge und Datierungsversuche beruhten auf unvollständig ergrabenen Befunden und sind heute durch die 1977 - 1979 erfolgten Bodenuntersuchungen als überholt zu betrachten. Durch die erst jetzt aufgearbeiteten und hier dargelegten Funde und Befunde erhält die bauhistorische Interpretation eine besser abgesicherte Argumentationsbasis. Die "Bauarchäologie" der Vorgängerbauten von St. Martin stellt sich wie folgt dar.


Abb. 1: Martinskirche, Wandabwicklung der Nord- und Südwand mit Befunden nach Juraschek. Konkordanz zwischen den "Bauschichten" I - V nach Juraschek und den Martinskirchen I - IV nach Entdeckung des ältesten Sakralbaus unter dem Pfeilerbau.

 

Juraschek:

Bauschicht I

Bauschicht II

Bauschicht III

Bauschicht IV

Bauschicht V

 

(St. Martin I war Juraschek unbekannt)

St. Martin II.

St. Martin III

romanisch.

frühgotisch

spätgotisch

St. Martin IV

 

 

Die "Capella" aus der Zeit vor 799, St. Martin I

Der älteste Sakralbau war ein rechteckiger Saalraum, der mit einer Schranke unterteilt wurde. Dieser sehr einfache Grundriß unterscheidet sich nicht wesentlich von einem frühmittelalterlichen Hausgrundriß, doch sprechen Lage und Orientierung - der Bau weicht von den Bauachsen der kaiserzeitlichen Verbauung wesentlich ab, die Orientierung wird jedoch von dem eindeutig sakralen frühmittelalterlichen Nachfolgebau übernommen - für die Identifizierung als Sakralbau. Hinzu kommen noch die auf den Bau Bezug nehmenden Bestattungen. Aus der allgemeinen historischen Situation dürfte es sich dabei um die 799 genannte "Capella" handeln.

Frühere wissenschaftliche Argumentationen kannten nur den als Zentralbau geplanten Nachfolgebau, sodaß es legitim erschien, den jüngeren Pfeilerbau als Erstbau zu identifizieren.

Abb. 2: Baualter- und Befundplan der Martinskirche nach Juraschek.

 

Der frühmittelalterliche Zentralbau, St. Martin II

Das sensationellste Ergebnis war die Lokalisierung eines frühmittelalterlichen kleeblattförmigen Zentralbaus. Vom zweiten frühmittelalterlichen Kirchenbau wurden die Fundamente einer Dreikonchenanlage mit viertelkreisförmigen Hauptmauern ergraben. Die Pfeiler dieses Vierstützenbaus wurden beim Umbau zum bestehenden Saalraum beibehalten. Die Rekonstruktion des Aufgehenden erweist sich jedoch als schwierig. Außerdem sind die Fundamente der Umfassungsmauern auffallend schmal dimensioniert.

Bernhard Rittinger hat in einem leider kaum beachteten Aufsatz versucht, den Zentralbau - ähnlich wie Wilhelm Rausch - zu rekonstruieren. Demnach handelte es sich um einen Bau mit vier Kreuzarmen und zentralem Mittelturm, der durchfenstert war und ein Pyramidendach trug. Kreuzarme mit Satteldach wurden durch segmentförmige Räume verbunden und hatten drei Apsiden. Weitere Rekonstruktionsvorschläge mit unterschiedlichen Detailbildungen erbrachte Sabine Zimmerhansl im Rahmen ihrer 1993 verfaßten Diplomarbeit. Rittinger sieht in der von ihm rekonstruierten Form einen "unter Karl dem Großen als königliche Eigenkirche zwischen den späten neunziger Jahren des achten Jahrhunderts entstandenen Zentralbau", dessen "stilistische Voraussetzungen ... in der nordspanischen Architektur" liegen, "ähnlich wie bei der ihr nah verwandten Palastkapelle Theodulfs von Germigny-des-Prés [um 806], welcher dank seiner Herkunft aus Spanien offenbar maßgeblichen Anteil an der Vermittlung der Bauideen hatte". Nur die Rundung der Außenmauern hält Rittinger für einen lokalen oder frühchristlichen Einfluß, während Karoline Czerwenka als weitere mögliche Vorbilder für den Zentralbau einerseits oberitalienische Vorbilder aufzählt, andererseits auf die bischöfliche Stephanskirche in Werden (819 - 827), eine Dreikonchenanlage mit kreisförmigen Umfassungsmauern, verweist.

Gerade letzteres Beispiel zeigt, daß auch eine Datierung in die Zeit nach 799 möglich ist. Johann Offenberger meint, daß der Bau wegen der Fundumstände und Mauerbefunde wahrscheinlich nicht zur Ausführung gelangte. Die von Wilhelm Rausch postulierte karolingische Pfalz und damit eine historisch-kunsthistorische Relevanz zum Kunstkreis um Karl den Großen bzw. Theodulf von Orleans läßt sich bisher archäologisch nicht nachweisen. Offenberger datiert daher den Zentralbau beziehungsweise das, was von ihm ausgeführt wurde, in die Zeit Pilgrims von Passau (971 991).

Der Nischenbau Mitte 11. Jahrhundert, St. Martin III

Bauarchäologisch und kunsthistorisch ist St. Martin II nur durch seine vier Pfeiler im Aufgehenden erfaßbar. Als geschlossenes Raumgebilde ist überhaupt erst St. Martin III anzusprechen, für dessen Langhaus sich wegen seiner wandauflösenden Gliederung in der Literatur allgemein der Name "Nischenhau" eingebürgert hat. Was heute von diesem Saalraum zu sehen ist, wurde im Zuge der Restaurierungen und Freilegungen bis 1948 entdeckt und in einigen wesentlichen Teilen restauriert beziehungsweise sinngemäß ergänzt. Man darf sich jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Rekonstruktion erst mühsam aus Einzelbefunden herausgelesen werden mußte und es keine im heutigen Sinne zufriedenstellende steingerechte Bauaufnahme aus der Zeit vor der Neugestaltung der Kirchenwände gibt. Die 1948 herausgegebene Dokumentation entspricht zwar den damaligen methodischen Anforderungen, doch müssen Detailfragen nach Befunden, welche über die Monographie von Juraschek und Jenny hinausgehen, offenbleiben. Dies gilt etwa für die Interpretation von Mörtel- und Versatztechnik oder für die bei der Restaurierung entfernten Bauteile, welche in der Dokumentation nur schematisch erfaßt wurden.

Die Fotodokumentation zeigt teilweise nicht die tatsächliche Befundsituation, sondern ein Zwischenstadium, bei dem unter anderem die barocken Fensterdurchbrüche und die fragmentierten Bögen bereits vermauert beziehungsweise rekonstruierend ergänzt wurden. Die wesentlich kleineren romanischen Fensteröffnungen wurden zugunsten der größeren Fenster des älteren Nischenbaus entfernt und somit die hochmittelalterliche Bauphase zum Verschwinden gebracht. Sie ist gleichsam nur mehr durch die Dokumentation von 1948 faßbar. Die früh- und hochgotische Bauphase des Langhauses hingegen kann noch an den heute vermauerten, aber sichtbaren Portal- und Fensterlaibungen abgelesen werden. In diesem Sinne erweist sich die 1948 abgeschlossene Restaurierung denkmalpflegerisch als ein Werk aus der Zeit vor der Carta von Venedig (1964), welche das "Rückführen" eines gewachsenen Baubestandes auf eine bestimmte und meist ältere "Bauschicht" ablehnt oder zumindest einschränkt und eine möglichst umfassende Dokumentation der Baubefunde ohne Ansehen einer zeitlichen Bewertung fordert. Die Rekonstruktion der baulichen Genese muß daher aus den oben angeführten Mängeln in der Dokumentation auf die Beschreibung von Juraschek und Jenny zurückgreifen.

Das Langhaus des Nischenbaus entstand durch Ausmauerung der Bogenstellungen zwischen den vier Freipfeilern des älteren Zentralbaus und war flach gedeckt. Über die Mauerflucht vorstehende Sockel- und Deckplatten der Pfeiler wurden bündig abgeschlagen. Die älteren Bögen sind wegen der Barocken Fensterdurchbrüche nicht zur Gänze erhalten, reichen jedoch fast bis in Scheitelhöhe. Es darf daher angenommen werden, daß die Wände über den Bögen noch zur älteren Bauschicht gehören. Die Westwand ist, wie der Strukturwechsel im Mauerwerk am Außenbau erkennen läßt, 1589 über den alten Fundamenten erneuert worden. Die Ostwand des Nischenbaus blieb nicht von gotischen Veränderungen unberührt, wie der Triumphbogen und der polygonale Chor zeigen. Die Frage nach dem ehemaligen Chorschluß des Nischenbaus wird unterschiedlich beurteilt. Sofern nicht die Ostkonche des älteren Zentralhaus als Apsidenschluß beibehalten wurde, wäre eine kleinere Apsis denkbar.

Die Längswände waren mit hohen Rundbogennischen gegliedert, welche sich in ihrer Grundstruktur auf eine Dreiergruppe zurückführen lassen. Eine hohe Mittelnische wird von zwei niedrigeren Seitennischen flankiert, wobei der Höhenunterschied der Nischenscheitel durch den Verlauf der älteren übergreifenden Bögen des Zentralbaus bestimmt wird. Außerdem haben die Nischen unterschiedlichen Querschnitt: Die beiden westlichen sind rechteckig, während die Ostnischen segmentförmig die Wand aushöhlen. Die dekorative Gestaltung der Nischen beschränkte sich auf den Nischenbogen, der abwechselnd aus leicht keilförmigen Tuffsteinen und Ziegeln gemauert ist.

An der Nordwand ist im Westen die "Volto-Santo-Nische" nahezu gänzlich erhalten. Sie ist höher als die sonst üblichen Scitennischen, aber gegen Osten verschoben. Unter dem Mittelbogen des Zentralbaus konnten die Reste des rechten Gewändes der hohen Mittelnische und nahezu gänzlich die rechte Seitennische festgestellt werden. Im Osten blieb von einer Dreiergruppe das linke Gewände der linken Seitennische und die rechte Hälfte der hohen Mittelnische von den gotischen Fensterdurchbrüchen verschont. Die rechte Seitennische ist laut Befund von 1948 auffallend niedriger und seichter ausgeführt. Sie reicht als Ecknische bis in die gotisch veränderte Triumphbogenwand. Der zugehörige Grundriß zeigt hier eine gotische Sakramentsnische mit einem Ausgußkanal. Die Nische ist offensichtlich der spätmittelalterlichen Umgestaltung zuzurechnen.

Die Südwand ist ähnlich gegliedert. Gesichert sind hier Teile der rechten Seitennische und nahezu gänzlich die Mittelnische unter dem westlichen Bogen, das linke Gewände der hohen Nische und die gesamte linke Seitennische unter dem Mittelbogen und im Osten Teile der rechten Seitennische und der obere Teil der Mittelnische. Die linke Nische fiel dem gotisierenden Spitzbogenportal in die barocke Sakristei zum Opfer.

Der Nischenbau wurde durch schmale und relativ hohe Rundbogenfenster in den Mittelnischen beleuchtet. Gesichert sind wegen der starken Dezimierung des Baubestandes an der Nordwand lediglich das Fenster unter dem Mittelbogen und in der Südwand die beiden westlichen Fensteröffnungen. Hier haben sich Teile des Halbrundbogens erhalten, der leicht sichelförmig angeordnete Keilsteine aufweist, also eine Bogentechnik, welche sich wesentlich von der Mauerungstechnik der übergreifenden Pfeilerbögen des älteren Zentralbaus unterscheidet. Die Sohlbank der Fenster und die Laibungen sind relativ flach ausgeführt, das Fensterholz, von dem ein Exemplar zu zwei Drittel erhalten blieb, lag in der Mitte der Mauerstärke.

Eine in der Westecke der Nordwand verlaufende senkrechte Mauerkante wird von Juraschek und Jenny als östliches Gewände eines Nordtores des Nischenbaus interpretiert, allerdings ist zu bedenken, daß das Mauerwerk hier stark gestört und die Lage an der Nordwestecke des Nischenhaus ungewöhnlich ist.

Die 1948 gewählte Rekonstruktion dürfte grosso modo dem ursprünglichen Zustand entsprechen, wenngleich gerade die Unregelmäßigkeiten in der Nischengestaltung im westlichen Teil und die andersartige Ausbildung der Nischen im Osten zur Vorsicht gemahnen sollten. Als Gesamtbild ergibt sich ein einschiffiger, flach gedeckter Saalraum von auffallender Längserstreckung, welche durch die Einbeziehung der Pfeiler-Bogen-Stellung des älteren Zentralbaus bedingt sein dürfte. Als Ostabschluß wurde entweder eine Konche des Vorgängerbaus adaptiert oder eine kleine Apside errichtet. Ein wesentliches Charakteristikum der Nischengestaltung ist die dekorative Ausführung der Bogenscheitel mit alternierenden Tuff- und Ziegelsteinen und die Differenzierung der östlichen Segmentnischen von den westlichen Rechtecknischen. Die Belichtung erfolgte durch hochliegende, relativ weit geöffnete Fenster in den Mittelnischen. Über die Datierung dieses Nischenbaus gab es zunächst kontroversielle Ansichten. Erst Karl Ginhart gelang es unter Hinweis auf technische Details bei der Bogengestaltung und mit stilistischen Kriterien für die Nischengliederung einen glaubhaften Datierungsansatz zu finden. Vor allem Regensburger Nischenbauten wie die Wolfgangskrypta in St. Emmeram, 1052 geweiht, oder die leider nur als Ruine erhaltene Burgkapelle der Regensburger Bischöfe in Donaustauf werden hier genannt, woraus sich eine Entstehungszeit für den Nischenbau um die Mitte des 11. Jahrhunderts ergäbe. Wenngleich die Höhenstaffelung der Dreiergruppen bei der Anordnung der Nischen wahrscheinlich durch die ältere Bogenstellung vorgegeben ist, bildet sie doch auch ein Indiz gegen eine Datierung vor die Mitte des 11. Jahrhunderts, wie Ginhart durch seine Entwicklungsreihe der Nischengestaltung bis ins 12. Jahrhundert deutlich machte.

Technische Details, wie die alternierende Verwendung von Tuffstein und Ziegeln zur farblichen Differenzierung in den Nischenbögen lassen sich nicht nur bis in karolingische Zeit als Weiterleben einer spätantik-byzantinischen Bogentechnik nachweisen, wie Juraschek meinte, sondern vermehrt ab dem 11. Jahrhundert in Deutschland (Speyer, Essen, Köln), Italien (Pisa, Pomposa) oder Frankreich (Burgund).

Die Martinskirche im Hochmittelalter

Durch die rigorose "Rückrestaurierung" der Martinskirche auf die Baugestalt des 11. Jahrhunderts gingen auch einige Hinweise auf die romanische Umgestaltung verloren. Konkret konnte ein Umbau des westlichsten Fensters in der Südwand des Nischenbaus festgestellt werden. Das frühromanische Fenster wurde in seinem unteren Drittel abgemauert, die Sohlbank- und Laibungsschräge betrug nun fast 45 Grad, wodurch auch die lichte Weite des frühromanischen Fensters zu einem schmalen Lichtschlitz verengt wurde. Die Lage des romanischen Fensterholzes in Mauermitte wurde beibehalten, die Konstruktion bestand jedoch aus zwei Brettern, welche eine Art Blende bildeten. Die Lichtmenge wurde durch diesen Umbau auf fast ein Viertel der frühromanischen reduziert. Sollte diese Fensterverkleinerung den gesamten Raum betroffen haben, was wahrscheinlich ist, kommt dies einem völlig neuen Raumgefühl gleich. Eine zeitlich nähere Festlegung dieses Umbaus ist wegen der geringen Befunde nur schwer möglich; allgemein sprechen jedoch die geringe lichte Weite und die starke Abschrägung der Laibungen am ehesten für eine Datierung ins 12. Jahrhundert.

Der gotische Umbau, St. Martin IV

Besser läßt sich das weitere Schicksal der Martinskirche in der Gotik verfolgen. Von einer Adaptierung im späteren 13. Jahrhundert hat sich der Rest zweier frühgotischer Maßwerkfenster in den östlichen Nischen erhalten. Es sind dies noch relativ schmale einbahnige Fenster mit steiler Laibung.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wird die Martinskirche durchgreifend gotisiert. Bis ins 18. Jahrhundert soll in der Martinskirche die Jahreszahl 1448 zu sehen gewesen sein. Im Osten wird der um Mauerstärke gegenüber dem frühromanischen Nischenbau eingezogene strebepfeilerlose Polygonchor errichtet. Dabei verändert man auch die Ostwand und verengt sie um den spitzbogigen Triumphbogen. Das einfache Kreuzrippengewölbe des in fünf Seiten eines Achtecks geschlossenen Presbyteriums zieren Schlußsteine.

Der Nischenbau wird ebenfalls adaptiert. Im Osten werden beidseitig breite segmentbogig geschlossene Sessionsnischen ausgebrochen, achsial darüber befinden sich jeweils zweibahnige hohe Maßwerkfenster. An Stelle der mittleren Nischengruppe werden zwei gegenüberliegende breite Spitzbogenportale mit profilierten Gewänden geöffnet, über denen sich wegen der frühmittelalterlichen Bogenstellung des Zentralbaus - asymmetrisch je ein Vierpaßokulus befindet. Ein weiteres gotisches Fenster schneidet teilweise in die "Volto-Santo-Nische" ein. Es ist höher angeordnet als jene über den Sessionsnischen, jedoch nur halb so lang.

Ein ergrabenes quadratisches Fundament an der Südostecke des gotisierten Langhauses wird von den Archäologen ebenfalls der gotischen Umbauphase zugeordnet. Dieses Fundament wird von der jüngeren tonnengewölbten Sakristei überbaut. Der Zugang in die barocke Sakristei erfolgt über ein exzentrisch liegendes Portal, dessen Achse jedoch annähernd in der Mittelalchse des nur ergrabenen mittelalterlichen Gebäudeteils liegt. Man ist zunächst geneigt, darin einen im Barock abgebrochenen südlichen Flankenturm zu vermuten, doch scheint dieser mit Ausnahme des Stiches von Matthäus Merian (1649) nicht auf den Linzer Veduten mit der Martinskirche auf. Der Merianstich ist wegen seiner Ungenauigkeiten - er zeigt einen Südwestturm - offensichtlich irrelevant (vergleiche Beitrag Lothar Schultes). Andererseits würde ein Turm an dieser Stelle das nachgewiesene gotische Fenster, das stilistisch zum gotischen Polygonchor gehört, verdecken. Gerade an diesen Chor scheinen aber die Fundamente anzulaufen. Der nur archäologisch nachweisbare Anbau dürfte entweder als Turm geplant, aber nicht ausgeführt worden sein, oder er ist der bauliche Rest einer später an den Chor angebauten Sakristei, worauf vielleicht die Erwähnung einer "Alten Sakristei" (siehe Beitrag Bernhard Prokisch) schließen läßt.

Mit der Umgestaltung und Erweiterung des frühromanischen Nischenbaus zur spätgotischen Kirche endet die mittelalterliche Baugeschichte der Martinskirche. Sieht man von der durch den frühmittelalterlichen Vorgängerbau festgelegten Dimension des Langhauses ab, repräsentiert die "spätgotische" Martinskirche einen gängigen Typus der einfachen Landkirche. Die Bedeutung der Martinskirche aber liegt im Nachweis eines bereits 799 genannten Kapellenbaus von einfachstem Grundriß, einem ottonischen Zentralbau von außergewöhnlicher Baugestalt, der in der geplanten Form vielleicht nie zur Ausführung gelangte, und einem Nischenbau, der zu den wenigen erhaltenen Zeugen der frühromanischen Architektur in Österreich zählt.

Literatur:

  • F. Juraschek - W. Jenny, Die Martinskirche in Linz. Ein vorkarolingischer Bau in seiner Umgestaltung zur Nischenkirche, Linz 1949.
  • K. Ginhart, Die frühmittelalterliche Martinskirche auf dem Römerberg in Linz (Linzer archäologische Forschungen 4), Linz 1968.
  • J. Offenberger, in: Fundberichte aus Österreich, 19 (1980), S. 579 - 582.
  • W. Rausch, Die Martinskirche in Linz, in: Kirche in Oberösterreich. 200 Jahre Bistum Linz, Linz 1985, S. 63 - 71.
  • B. Rittinger, Die karolingische Martinskirche von Linz, in: Kunstjahrbuch der Stadt Linz 1986, S. 26 - 37.
  • R. Koch, Schwerpunkte der Kirchenarchäologie in Oberösterreich, in: Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte, Festgabe für Benno Ulm (OÖ. Heimatblätter 40, 1986, Heft 3/4), S. 191 - 207. (siehe Onlineversion!)
  • K. Czerwenka, Vorromanische Architektur in Österreich, Katalog (als Manuskript vervielfältigt), Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1992.
  • S. Zimmerhansl, Die Martinskirche in Linz, Dipl-Arbeit, Graz 1993.
  • R. Koch, Linz, Pfarrkirche hl. Martin, in: H. Fillitz (ed.), Geschichte der Bildenden Kunst I: Früh- und Hochmittelalter, München-New York 1998, S. 223 - 225 (mit Literaturangaben). (siehe Onlineversion!)

    Ergänzungen zu den im Text genannten Querverweisen in der gleichen Publikation:

    • B. Prokisch, Bau und Ausstattung der Martinskirche vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart, S. 121ff.
    • L. Schulthes, Die Linzer Martinskirche in alten Ansichten, S. 107ff.

 Abbildungsnachweis: Juraschek - Jenny, Martinskirche, 1949


Ergänzung: Transkription und Übersetzung der Urkunde von 799

 

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