Die Marien- oder Liebfrauenkapelle zu Hafnerbach - Zur Rekonstruktion der ehemaligen Marienkapelle.
Rudolf Koch, Wien

Aus: Zur Rekonstruktion der ehemaligen Marienkapelle in Hafnerbach, NÖ, in: Hafnerbach, Werden und Sein, St. Pölten 1987, S. 36 - 38


Schematischer Grundriß der Marienkapelle zu Hafnerbach
(Grabungen 1985/86; J.-W. Neugebauer und A. Gattringer)

 

Die in Hafnerbach ergrabenen Fundamente einer kleinen Kapelle erlauben wegen des quadratischen Hauptraumes mit vierteikreisförmigen Innenecken, denen abgeschrägte Ecken am Außenbau entsprechen, und wegen des segmentbogig geschlossenen Chorraumes eine Datierung ins 18. Jh. Der schematische Grabungsgrundriß gibt weiter an, daß dem schmäleren Chorjoch ein im W liegender Vorbau entsprach, der aufgrund der relativ stark eingezogenen Wandvorlagen gegen den Hauptraum als Vorhalle mit Empore zu interpretieren ist. Dem Grabungsbefund ist weiters zu entnehmen, daß diesem in einem Zug errichteten Bau ein späterer wohl zweigeschossiger Emporenaufgang angefügt wurde. Der Aufgang muß einen älteren, archäologisch nicht nachgewiesenen ersetzt haben. Die relativ hohe Mauerstärke der Fundamente läßt auf einen im Barock üblichen niedrigen Sockel schließen.


Rekonstruktionsversuch der Marienkapelle,
Schema der Baumassen von SO nach NW
(R. Koch, Kunsthistor. Inst. d. Univ. Wien)


Vergleich: Barockkirche von Großwaltersdorf bei Deutsch-Gabel, CSSR 

Für den Außenbau ergibt sich daraus das Bild einer Kapelle mit gleichhohem Vor- und Chorbau, deren Hauptraum durch das risalitartige Vorspringen aus der Baulinie hervorgehoben wird. Wegen der Wandvorlagen im Zwickel zwischen Vorbau und abgeschrägten Hauptraumecken im W ist hier eine Gliederung durch einen Pilaster oder eine Lisene anzunehmen. Auch der als schmaler Wandstreifen vorgezogene Teil des Hauptraumes belegt, daß eine Pilaster- oder Lisenengliederung vorhanden war. Als oberer Wandabschluß kann ein umlaufendes Gebälk rekonstruiert werden. Zum Vergleich für den Außenbau könnte man etwa die Kapelle von Großwaltersdorf bei Deutsch-Gabel in Böhmen vom Anfang des 18. Jhs. heranziehen, die bis auf die stilistisch ältere Form der konkav schwingenden Ecklösungen und die Größe der Kapelle jener von Hafnerbach entspricht.

 

Für die künstlerische Gestaltung des Innenraumes sind zunächst die Ecklösungen mit vierteikreisförmigen Wandvorlagen von Bedeutung, welche die Raumgrenzen des Grundrißquadrats im Sinne eines Zentralraums durch Verschleifung der Ecken umdeuten. Solche konkaven Ecklösungen finden sich u. a. bei der längszentralen Anlage der ehemaligen Waisenhauskirche in Wien 9, einem A. Ospel zugeschriebenen Bau von 1722/23, oder der Augustinerkirche in Korneuburg (1745/48) mit zweijochigem Langhaus.

Beide Beispiele belegen, daß zu dieser Art der Wandgilederung bzw. Ecklösung konkav geschwungene Gurtbögen und eine kuppelige Gewölbeform gehören. Für die Kapelle von Hafnerbach darf daher für den Hauptraum ein Platzelgewölbe angenommen werden, während im Chorraum und im Vorbau wahrscheinlich eine Tonne mit Stichkappen zur Anwendung gelangte. Die Empore dürfte ein gedrücktes, kuppeliges Gewölbe besessen haben, wie die ergrabenen Wandvorlagen und die Beispiele von Wien und Korneuburg nahelegen.

Der Chorraum ist durch das stärkere Vorziehen des konkaven Triumphbogens und die Pilaster unmittelbar vor dem gedrückten Chorschluß als eigenständiger Raumteil aufzufassen. Das Verhältnis von Haupt- und Chorraum zueinander, besonders in der Grundrißbildung, läßt an die Übertragung der architektonischen Lösung des Chorteils der Stiftskirche von Herzogenburg (1743 begonnen) in stark reduzierter und vereinfachter Form auf einen Kapellenbau denken. Desgleichen ließe sich die prinzipielle Struktur der Außengliederung durch Putzstreifen in Herzogenburg für den Chorteil der Kapelle von Hafnerbach vorstellen.

Aus diesen Vergleichsbeispielen kann ersehen werden, daß die Kapelle von Hafnerbach ihre Vorbilder dem Repertoire des niederösterreichischen Kirchenbaus der 1. Hälfte des 18. Jhs. entnimmt und in reduzierter Form verwendet. Mit der Wahl des zentralisierenden Hauptraumes schließt sie sich an die längszentralen Anlagen des 2. Jahrhundertviertels an. Die Datierung in diese Zeit wird durch eine Eintragung im Pfarrgedenkbuch (1747) gestützt.

 

Rekonstruktionsversuch der Marienkapelle, Schnitte
(Dr. R. Koch)

Querschnitt gegen W

Längsschnitt gegen N

Querschnitt gegen O