Bauhistorische Untersuchung am Martinsturm in Bregenz

Zusammenfassung der Ergebnisse vom August 1997, März und Juni 1998

Dr. Rudolf Koch, Wien

Erweiterte Online-Fassung der Erstpublikation in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege LIX, 2005, Heft 2, S. 173 - 183.
(Erschien April 2006)

Einleitung

Historische Fakten und Forschungshypothesen

Bestandsuntersuchung
      Charakteristik des Baugefüges
         Kellerraum
                 Nord- und Ostwand
                 Süd- und Westwand
                 Gewölbe
         Chorraum und ehemaliges 1. Obergeschoß
                 Nordwand
                 Ostwand
                 Südwand
                 Westwand
          Langhaus

Versuch einer baugeschichtlichen Rekonstruktion
          Phase I: Stadtmauer mit Eckturm
          Phase II: Wohnturm mit kleinem Kapellenraum
          Phase III: Turm mit Kapellenobergeschoß
          Phase IV: Erweiterung des Kapellenraumes auf das ehemalige Erdgeschoß
          Phase V: Turmerhöhung

Anmerkungen


 

Einleitung


Durch die 1996 vom Bundesdenkmalamt begonnen Restaurierungen und Bestandssicherungen der Fresken und Wandverputze im Chorraum der Martinskapelle von Bregenz ergab sich die günstige Gelegenheit, die Gerüste im Untergeschoß des Martinsturmes auch für eine neuerliche bauhistorische Untersuchung zu benützen [1]. Beobachtungen zur baulichen Genese des Martinsturmes haben sich schon anläßlich der Restaurierungen von 1910/14 und 1952 ergeben, doch liegen davon keine ausführlichen bauhistorischen Befunde vor. Wertvolle Hinweise zur bauanalytischen Fragestellung wurden 1982 von Erika Doberer [2] publiziert, welche für ihre Untersuchungen eine photogrammetrische Bestandsaufnahme heranziehen konnte. Weitere Einzelbeobachtungen zur Baugeschichte hat Ilse Krumpöck [3] 1992 in ihrer Dissertation festgehalten, allerdings lag hier der Schwerpunkt auf der kunsthistorischen Analyse des Freskenzyklus aus dem 14. Jahrhundert. Bei den statischen Sicherungsmaßnahmen 1994 und 1995 wurden offensichtlich keine baugeschichtlich relevanten Beobachtungen zur Genese des Martinsturmes dokumentiert.

Ziel der jüngsten Bauuntersuchung war es - unter Berücksichtigung der Beobachtungen des Restauratorenteams [4] über die Freskierung -, weitere bauliche Quellen zu erschließen. Die bauhistorischen Untersuchungen beschränkten sich wegen des Denkmalwertes der Freskierung und der Wandverputze ausschließlich auf die Autopsie des Chorraumes. Zur Klärung des Baugefüges von Turm und Langhaus wurden außerdem der Dachbereich über dem Langhaus und insbesondere die an der Westwand des Martinsturmes möglichen Baubefunde beobachtet. Leider gestatteten es die derzeitigen Miet- und Wohnverhältnisse aus zeitlichen Gründen nicht, hier eingehende Analysen vorzunehmen. Die Befunddokumentation mußte sich auf die Photographie beschränken; eine dringend notwendige Klärung der Baugeometrie durch ein genaues Aufmaß stellt ein weiteres Desideratum der Bauforschung dar. Gleiches gilt für den angrenzenden Kellerbereich der sogenannten "Versorgungsstation", Martinsgasse 1.

Die Obergeschosse des Martinsturmes wurden bis in den Dachraum des frühbarocken Zwiebelturms begangen, wobei die Überprüfung des publizierten Bestandes im Vordergrund stand. Wichtig war außerdem die Frage nach dem Versatz der vom Keller bis in den Zwiebelhelm durchlaufenden Stützkonstruktion, deren Verlauf nur durch einen Nord-Süd-Schnitt planlich festgehalten ist.

Die Begehung des Kellergeschosses unter dem Chorraum erwies sich für die Analyse der Mauerwerksstruktur von Wichtigkeit, obwohl auch hier durch die zeitweilige Nutzung als Depotraum für Gartensträucher eine detaillierte Untersuchung sehr erschwert wurde [5].

 

 

Historische Fakten und Forschungshypothesen

Die historischen Eckdaten zur Baugeschichte des Martinsturmes und der Kapelle sind im wesentlichen zuletzt von Ilse Krumpöck [6] in ihrer Dissertation 1992 zusammengefaßt worden und beruhen auf den älteren Arbeiten von Ransperg [7] (1652), Vanotti [8] (1845), Ulmer [9] (1925, 1936), Sandner [10] (1953), Bilgeri [11] (1980) und Doberer [12] (1982).

Die Befestigungsmauer der Oberstadt wird allgemein ins 13. Jahrhundert datiert und soll auf Grundlage römischer Mauern des 3./4. Jahrhunderts errichtet worden sein. Zwar sind römische Spolien im Aufgehenden vorhanden [13], doch ist der Nachweis römischer Vorgängermauern als Grundlage für die hochmittelalterlichen Mauerzüge bisher nicht gelungen. Als Bauherren der Stadtmauer gelten die Grafen von Montfort.

Noch im 13. Jahrhundert dürfte mit dem Bau des Martinsturmes begonnen worden sein. Es wird vermutet, daß dieser Bau annähernd die Höhe des heutigen Chorraumes hatte und ein Pyramidendach mit Dachreiter trug (Ulmer) [14]. Ein von Ivo Hammer [15] festgestellter Pietra-rasa-Verputz wird dieser Bauzeit zugeordnet. Der spätromanische Turm diente nach E. Doberer [16] (1982) den Grafen von Montfort als Wohnturm und war Bestandteil eines "festen Hauses" [17].

Die Stiftung der Martinskapelle wird erst am 1. Okt. 1362 urkundlich faßbar: Stiftung der Kapelle mit einer Ewigen Messe und Dotation zu Ehren Mariens, der Hll. Martin, Oswald und Alexius, durch Graf Wilhelm III. von Montfort, der seit 1362 Dienstmann von Herzog Rudolf dem Stifter war [18]. Vorstand der Kaplanei war das Kloster Mehrerau. Die Sorge für das Ewige Licht wurde dem Rat und der Bürgerschaft von Bregenz übertragen.

Die dargestellten Heiligen und Wappen auf den Fresken im ehemaligen Kapellengeschoß lassen weiters auf die Ministerialen der Grafen von Montfort als mögliche Benützer (und Mitstifter?) der Kapelle schließen: Stifterbild an der N-Wand, oberes Register; Ritter Johannes von Schönau und seine Gattin Anna (Lilienwappen, mit Datierung 1363); Edler von Schwarzach (Fischwappen) , mit Bild des hl. Sebastian (Friedrich von Schwarzach?); Peter Stainegger, Leutpriester; 2 Edle von Schwarzach (Eberhard und Hermann?), Ritter Konrad der Mönch oder Konrad, genannt Panzer (mit Bild d. Hl. Petrus).

Aufgrund dieser Darstellungen entwickelten sich zwei Hypothesen über den Zweck des Sakralraumes.  Einerseits soll er als "gräfliche" Kapelle [19], andererseits als Dienstmannenkapelle gedient haben. Diese Hypothese vertritt vor allem I. Krumpöck unter dem Hinweis, daß sich die Burg der Grafen von Montfort, welche mit dem "festen Haus" gleichgesetzt wird, nicht an Stelle des Martinsturmes, sondern auf dem Gebhardsberg befand. Krumpöck beruft sich dabei auf Studien zur Burg Bregenz von Martin Bitschnau [20] (1983). Das Problem der ursprünglichen Funktion der Martinskapelle ist bisher nicht befriedigend gelöst.

Weitere Datierungshinweise der frühen Kapellenausstattung sind der Abschluß der Ausmalung an der Ostwand (25.05.1363) und die Fertigstellung der Hauptausmalung vor 1365.

  • Aus der Zeit um 1375 stammt der Ritter an der Westwand; um 1400 dürfte die Hl. Dorothea (Elisabeth?) an der Südwand entstanden sein.
  • In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgte der Durchbruch der Fensternische an der Nordwand mit den Darstellungen der  Hl. Apollonia und des Hl. Christophorus.
  • Möglicherweise gehörte zur ursprünglichen Ausstattung die 1498 bezeichnete Sakramentshausnische, welche allerdings erst 1952 hierher versetzt wurde.
  • 1599 - 1602 erfolgte die Erhöhung des Turms um drei Geschosse durch Benedikt Wiese (Benedetto Prato) aus Graubünden und die Einrichtung als "Hochwacht".
  • 1602 errichtete Baumeister Hundertpfund die bis in halbe Höhe des Turmes reichende Außentreppe an der Südwand (Ulmer). Außerdem wurde in dieser Zeit die Altarnische abgemauert.
  • Über die Datierung des Kellergeschosses gibt es unterschiedliche Ansichten: ebenfalls 1602, vielleicht um 1648 oder erst nach 1701 (gemeinsam mit dem Langhausbau) [21].
  • 1648 erfolgte eine Übertünchung der Wandmalereien auf Geheiß von Johann Georg Deuring, welche eine massive Kritik von Seiten der Bevölkerung bewirkte [22].
  • 1701 - 1705 wurde das Langhaus errichtet. Nach bisheriger Ansicht wurde angenommen, daß nur der Durchbruch der westlichen Kapellenwand als Triumphbogen und die Adaptierung des Rechteckraumes erfolgte. Die neue, vergrößerte Martinskapelle erhielt ihre Einweihung 1705.
  • 1780 erfolgte eine neuerliche Adaptierung durch den Einzug einer Stukkaturrohr-Gipsdecke, welche an die Deckenbalken des Presbyteriums gehängt wurde [23].
  • 1910 - 1914 legte der Maler Florus Scheel aus Feldkirch die seit 1648 übertünchten Fresken wieder frei [24]. Außerdem wurde ein Fenster abgemauert [25].
  • 1952 fand die bisher umfangreichste Restaurierung und Adaptierung im Chorraum durch den akad. Maler Hans Fischer statt. Dabei wurde die 1780 eingezogene Stuckdecke entfernt, ebenso die Vermauerungen zweier Fenster an der Nordseite und die Abmauerungen an der ehemaligen Chornische. Aus statischen Gründen mußte weiters ein zweiter Deckentram parallel zum vorhandenen Unterzug eingebaut werden, da man den Mittelpfeiler, der den Unterzug bisher stützte, abtrug. Gleichzeitig riß man die Sakristeiwand hinter dem Hochaltar ab. In dieser befand sich das Sakramentshaus, das an die Nordwand versetzt wurde.
  • 1957 baute man an der Südseite ein weiteres, aus Egg [26] stammendes, 1497 datiertes Sakramentshaus ein.
  • Um 1974 wurde über einer Drahtgitterbewehrung ein neuer Außenverputz aus Kalkzement aufgetragen [27].
  • 1993/94 wurden teilweise Verputze saniert und 1994/95 mußte der arg beschädigte Triumphbogenbereich rigoros statisch abgesichert werden.

 

Bestandsuntersuchung

Charakteristik des Baugefüges


Der Martinsturm erhebt sich in der Nordost-Ecke der Oberstadt und bildet hier gemeinsam mit dem Langhaus der Martinskapelle und der ehemaligen "Versorgungsstation" [28], Martinsgasse 1, die Innenverbauung der hochmittelalterlichen Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert. Der Turm ist im Aufgehenden viergeschossig und gliedert sich in ein Kellergeschoß, den Chorraum der Martinskapelle, der sich ursprünglich über zwei Geschosse erstreckte, ein niedrigeres Zwischengeschoß mit Schlüssellochschießscharten, ein Wohngeschoß des Türmers und das Arkadengeschoß, welches den mächtigen frühbarocken Zwiebelhelm trägt. Die Erschließung des Kellergeschosses erfolgt über eine Treppe an der Südseite, die der oberen Turmgeschosse über eine entlang der Stadtmauer und der Turmsüdmauer geführte Holztreppe ins Zwischengeschoß. Der Chorraum der Martinskapelle ist seit seiner Erweiterung um ein barockes Langhaus nur noch durch den Langhaussüdeingang betretbar.
Das Langhaus und das anschließende zweigeschossige Wohngebäude der "Versorgungsstation" erscheinen als eine bauliche Einheit, da sie von einem gemeinsamen Pultdach zusammengefaßt werden. Der Wohnhaustrakt ist unterkellert; die Situation unter dem barocken Langhaus der Martinskapelle konnte nicht untersucht werden, es besteht jedoch ein beträchtlicher Höhenunterschied zwischen dem Langhaus und dem Platzniveau, der durch eine Treppenanlage überwunden wird.

 

Kellerraum

Der Kellerraum hat annähernd quadratischen Grundriß und wird von einer quadratischen, gedrungenen Mittelstütze, welche das Kreuzgratgewölbe trägt, in vier Raumabschnitte geteilt. Die weitere Binnengliederung erfolgt durch moderne Lattengitter bzw. dünne Holzwände und soll hier nicht weiter beachtet werden.
Der Keller ist durch ein Rundbogenportal und über eine kurze gemauerte Treppe in der Südwestecke zu betreten. Das Portal zeigt eine einfache Abfasung mit einem typisch spätgotisch-frühneuzeitlichen Auslauf zur vollen Werkform. Allerdings wurde das Portalgewände bei der letzten Restaurierung offensichtlich zur Gänze erneuert. In der Anlage ist es zweifellos älter als die Kellergewölbe, welche auf die relativ große Portalöffnung Rücksicht nehmen. Da sich im Mauerwerk nirgends eine weitere Portalöffnung nachweisen läßt, befindet sich das Portal in situ.
Über dem Portal wurde während der jüngsten Restaurierung bei einer Fehlstelle im Chorraum ein relativ schmaler, spitzbogiger Entlastungsbogen sichtbar, dessen Scheitel ca. 50 cm über dem jetzigen Innenniveau liegt. Der Bogen dürfte zum älteren Kellerportal des hochmittelalterlichen Turmbaus gehören, das wesentlich schmäler angelegt worden war. Das jetzige Portal ist in seiner Anlage eine vorbarocke Erweiterung des Zugangs zum Keller und dürfte ins ausgehende Spätmittelalter zu datieren sein. Ein Zusammenhang mit den Veränderungen im Chorraum aus der Zeit um 1498 wäre denkbar.
Die kurze Stiegenanlage ins Kellergeschoß gehört in die Zeit der Wölbung, ist aber stark erneuert.
Die Belichtung des Kellers erfolgt durch je ein querliegendes Rechteckfenster in der Nord-, Ost- und Südwand. Die breiten und tiefen Gewände des Nordfensters sind teilweise mit Sandsteinplatten ausgelegt, das Überlager besteht aus ebensolchen Platten. An der Ostwand besteht der Sturz aus einem jüngeren Holzbrett, an der Südseite sind die Gewände verputzt. Die Fenster der Nord- und Ostwand werden vom späteren, barocken Gewölbe überschnitten. Ihre relativ breite Dimensionierung - man vergleiche dazu die wesentlich schmäleren Fenster im ehemaligen Turmerdgeschoß - belegt, daß sie nicht zum ersten Konzept des Turmes aus dem 13. Jahrhundert gehören und in die spätmittelalterliche Phase zu datieren sind.
Ein weiterer Hinweis auf eine spätmittelalterliche Umbauphase im Kellerbereich ist neben der Portalerweiterung und der Durchfensterung der Einbau eines geböschten Strebepfeilers in der Südwestecke des Kellers. Der Pfeiler läuft mit Fuge an die Südmauer des Kellers an und wird vom barocken Gewölbe überbaut. Er zeigt ein generell für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit charakteristisches Zwickelmauerwerk aus größeren, mit dem Hammer zugerichteten Bruchsteinen, die in den Lager- und Stoßfugen stark mit kleinen Steinen ausgezwickt sind. Es spricht nichts gegen eine Datierung um 1500.
Die Funktion dieses Strebepfeilers ist unklar. Sein unregelmäßiger und stark abgeschrägter oberer Verlauf - vielleicht eine verputzte Abbruchstelle - könnte möglicherweise auf eine hier ansetzende Wölbung der Vorgängerdecke schließen lassen.

Nord- und Ostwand


Das Mauerwerk der Nord- und Ostwand ist einheitlich aufgebaut und besteht ausschließlich aus Flußgeröllen (Lesesteinen, regional als sogenanntes "Bollenmauerwerk" bezeichnet), die in möglichst horizontalen Schichten verlegt wurden. Nach durchschnittlich fünf Schichten folgt eine dünnere Ausgleichsschicht. Über längere Strecken sind innerhalb dieser Schichtpakete mehr oder weniger stark ausgeprägte Streifen von "opus spicatum" verlegt.

Dieses Mauerwerk, welches hier zwei Seiten des Kellergeschosses bildet, kann im gesamten unteren Bereich der Stadtmauer nachgewiesen werden und ist seiner Struktur nach spätromanisch bzw. spätestens in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datieren.

Süd- und Westwand

Die Süd- und Westwand weisen ebenfalls eine gemeinsame Mauerwerkstruktur auf, die sich jedoch in charakteristischer Weise von jener der Nord- und Ostwand unterscheidet. Der Anteil an Lesesteinen ist hier auffallend gering, es dominieren längliche, eher plattig abgearbeitete Formate. Die Lagerfugen verlaufen weniger sorgfältig horizontal. Die Abgleichsschichten fehlen bzw. sind nicht deutlich ausgeprägt. Auch hier gibt es längere Streifen von "opus spicatum", wie besonders eindrucksvoll an der Westwand zu erkennen ist.

Die Struktur der Süd- und Westmauer unterscheidet sich zwar in Material ("Bollenmauerwerk" - plattiges Mauerwerk) und Versatzweise, doch belegt das "opus spicatum" ebenfalls eine Datierung in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es wurde demnach zunächst die Stadtmauer errichtet und anschließend der Kellerraum bzw. der Turmkörper. Dies entspricht durchaus den Baugepflogenheiten im Wehr- und Burgenbau, sodaß Stadtmauer und Turmbau - vorbehaltlich weiterer Untersuchungen und Vermessungen - einem Konzept zugeordnet werden können.

Gewölbe


Das Gewölbe erweist sich wegen der Überlagerungen mit den Fenstern und dem Strebepfeiler als nachmittelalterlich. Es wurde relativ sorgfältig über einer Bretterschalung gemauert, wobei die Schalungsabdrücke auf gesägte Bretter schließen lassen. Dies spricht ebenfalls für eine Datierung in die Barockzeit. Der Mittelpfeiler besteht aus grob mit dem Spitzeisen zugerichteten Einzelblöcken, deren Seitenlänge dem Pfeilerquerschnitt entspricht. Etwas weniger monumental sind die an der Ost- und Südwand mit Fuge angestellten Wandpfeiler gemauert, während an der West- und Nordmauer die Gewölbefüße glatt auslaufen.

Die Geometrie des Gewölbes liegt asymmetrisch aus der Nord-Südachse verschoben, was durch die Anlage der einseitig angeordneten Wandpfeiler bewirkt wird. Außerdem ergeben sich daraus unterschiedlich steile Gewölbeprofile. Eine Erklärung für diese Asymmetrie wurde bisher nicht gefunden, sie ist jedoch zweifellos gewollt und setzt sich unter schrittweiser Korrektur bis ins letzte Turmgeschoß fort.

Die Datierung in die Neuzeit wird unterschiedlich angesetzt. Ulmer [29] bringt eine Quelle, in der ein neues Gewölbe von "30 Schuh Seitenlänge" genannt wird. Dieser Einbau fällt nach Krumpöck [30] in die Zeit des Langhausbaus, der 1701 mit der Öffnung der Turmwestwand durch den barocken Triumphbogen erfolgte. Allerdings nimmt sie und alle bisherigen Autoren an, daß das Langhaus aus einer Adaptierung des mittelalterlichen "festen Hauses" hervorging. Tatsächlich jedoch war dieser mittelalterliche Bau bis zu seinem Abbruch um 1701 schmäler als die heutige Baulinie, was sowohl durch den Abdruck der alten Giebellinie am Dachboden der "Versorgungsstation" nachzuweisen ist, als auch durch die Stadtansichten vor 1701.

Die Südwand dieses spätmittelalterlichen (?) Gebäudes lag ungefähr [31] dort, wo heute der erste Gewölbefuß des Kellers an die Westwand anläuft bzw. war die Mauer ungefähr um die Breite der Wandpfeiler nach Norden versetzt. Es ist zu vermuten, daß die eigenartige Asymmetrie des barocken Gewölbes mit der Statik der Westwand und der dahinter verlaufenden Südmauer des mittelalterlichen Gebäudes zusammenhängt. Die 1701 abgetragene Südmauer des mittelalterlichen Bauwerks wirkte wie eine Längsaussteifung der Turmwestwand. Als man 1599 den Turm aufstockte, begann sich die Südwestecke des Turmes im oberen Chorbereich in Richtung auf die vorspringende freie Turmecke - also außerhalb der Längsaussteifung -  zu verformen, was heute noch deutlich zu erkennen ist. Durch die Verschiebung der Langhaussüdwand in die Bauflucht des Turmes im Jahre 1701 wurde dieses Problem zwar gelöst, jedoch bewirkte die Aushöhlung der Westwand durch den barocken Triumphbogen weitere statische Schäden in der Westwand, welche erst 1974/75 neutralisiert wurden.

Offensichtlich wußte man bereits 1599 bei der Turmaufstockung um die statische Problemzone an der Südwestecke des Turmes. Dies mag der Grund gewesen sein, warum man diesen Bereich nicht durch den Seitenschub des Kellergewölbes belasten wollte, sodaß man den Anlaufpunkt des Gewölbes in die Nähe der spätmittelalterlichen Längsmauer verschob. Die Asymmetrie des Gewölbes nimmt offensichtlich auf einen baulich-statischen Zustand Rücksicht, der zwar 1599 bestand, nicht jedoch 1701. Für eine Datierung des Gewölbes in die Zeit um 1600 spricht außerdem die Optik der grob abgespitzten Pfeileroberfläche. Sie paßt eher zu einer manieristischen Pfeilergestaltung [32] als zum Barock des frühen 18. Jahrhunderts.

Chorraum und ehemaliges 1. Obergeschoß


Aufgrund der Mauerstärken im Chorraum kann der Turmkörper aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis in die Höhe der jetzigen Decke von 1599 verfolgt werden. Dem entspricht am Außenbau das Wulstgesimse von 1599. An der Ostwand verringert sich die Mauerstärke in einem Rücksprung, der mit der Unterkante der ehemaligen Apsisnische abschließt. Er markiert die älteste nachweisbare Geschoßteilung, sodaß von einem Unter- und einem Obergeschoß gesprochen werden kann. In diesem befindet sich die Freskierung des 14. Jahrhunderts, während das Untergeschoß bis auf die Spuren der barocken Weihekreuze und Graffiti des 16. Jahrhunderts undekoriert blieb. Schon diese Zweiteilung bestätigt, daß sich die Kapelle des 14. Jahrhunderts zunächst nur auf das Obergeschoß beschränkte.

Nordwand

nordwand-1.jpgDas Untergeschoß der Nordwand weist drei hochrechteckige Fensteröffnungen auf, die in der Neuzeit mit Ziegeln und Bruchsteinen vermauert wurden. Sie lassen sich typologisch in zwei Gruppen einteilen:

Das westlichste Fenster hat tiefe Schräggewände, welche dann in eine Rundbogenlaibung übergehen. Die beiden folgenden Fenster, zwischen denen sich seit 1952 das Sakramentshaus von 1498 befindet, sind annähernd gleich dimensioniert, gehen jedoch in halber Tiefe in ein Fenster mit Dreiecksgiebel über. Dieser Dreiecksgiebel wird durch schräg gestellte Mauerziegel gebildet, wobei das bereits größere Ziegelformat und die Kanneluren ("handabgestrichene Ziegel") auf eine Datierung ins 15. oder 16. Jahrhundert schließen lassen. Im östlichsten Fenster befindet sich ein Ausgußstein, der ebenfalls in diese Zeit datiert werden kann. Als Sturz dient ein Holzbrett.

Im Obergeschoß wurde ein großes barockes Segmentbogenfenster ausgebrochen, wobei man, dem Verlauf der Fresken nach zu schließen, ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Rechteckfenster zerstörte. Die Oberkante dieses Fensters wird über dem Segmentbogen als Fehlstelle sichtbar. Das gotische Fenster dürfte ähnlich dimensioniert gewesen sein wie die des Untergeschosses.

Etwa in der Wandmitte befindet sich ein Rechteckfenster mit Biforenblende und Putzenscheibenverglasung. Ein Pendant belichtet die Südmauer. Die Rahmungen der Fresken aus dem 14. Jahrhundert berücksichtigen bereits dieses Fenster. Im Gegensatz zu den bisherigen gotischen Fensteröffnungen hat dieses eine stark abgeschrägte Sohlbank. Die Abschrägung der Sohlbank gehört hingegen nicht zum Konzept des 14. Jahrhunderts, sondern sinngemäß zur barocken Umbauphase, wie sich am folgenden Fenster zeigen läßt.

Dieses Fenster weicht durch seine Größe und Lage von den bereits genannten ab. Bei seiner Freilegung von den jüngeren Vermauerungen wurden die Fresken an den Gewänden entdeckt, die stilistisch in die Zeit um 1498 datiert werden können. Diese Freskierung ist auf eine gerade Sohlbank bezogen. Die starke Abschrägung wurde erst im Barock ausgebrochen, um eine bessere Belichtung des Chores im Untergeschoß zu erreichen.

Im obersten Wanddrittel läuft über die gesamte Nordwand eine regelmäßige Störzone von vermauerten Balkenlöchern. Diese sind hochkant gestellt und dienten offensichtlich als Träger für eine nach dem 14. Jahrhundert eingezogene Balkendecke, wie auch aus den korrespondieren Störungen an der Südwand belegt werden kann. Zwischen den beiden westlichen Fenstern konnten bei der jüngsten Restaurierung die Reste jenes barocken Stifterbildnisses nachgewiesen werden, das 1652 nach der Übermalung der Fresken des 14. Jahrhunderts hier aufgrund der Proteste der Bürger von Bregenz  angebracht werden mußte. Es überlappt zwei der Balkenlöcher, sodaß diese Zwischendecke wahrscheinlich der spätgotischen Umbauphase (um 1498) zuzuordnen ist.

Unmittelbar vor dem Fenster aus der Zeit um 1498 verläuft eine weitere, senkrecht zusammengehörige Störung durch vermauerte Balkenlöcher. Ein Pendant ist auch an der Südmauer festzustellen. Daraus kann auf eine durchlaufende hölzerne Trennwand vor der Ostmauer geschlossen werden. Da sich die horizontale Balkenreihe hinter dieser Trennwand nicht fortsetzte - es fehlen die entsprechenden Balkenlöcher - dürften die spätgotische Decke und die Trennwand zusammengehören. Zur Belichtung dieses abgetrennten schmalen Raumes dürfte außerdem das Fenster mit den Fresken aus der Zeit um 1498 ausgebrochen worden sein.

Ostwand

ostwand-1.jpgDas Untergeschoß hat nur eine in der Nordhälfte liegende Fensternische vom gleichen Typ wie jene in der Westecke der Nordwand; es wurde ebenfalls im Barock abgemauert. Ein entsprechendes Fenster in der Südhälfte der Ostwand konnte nicht nachgewiesen werden.

Im Obergeschoß ist die Wand bis auf die Öffnung der Altarnische in der Südecke fensterlos. Diese Altarnische läßt sich aufgrund der Mandorla-Darstellung im segmentbogigen Sturz annähernd in seiner ursprünglichen Tiefenerstreckung rekonstruieren. Die Freskierung nimmt anscheinend nicht auf eine Apsiskalotte Rücksicht, sondern läßt eher auf einen platt geschlossenen und wenig über die Außenwand vorspringenden Erker schließen. Die zur Altarnische gehörige Beistellnische (Armarium) hat sich im rechten Gewände erhalten.

Die Freskierung der Nische und Teile der Ausmalung an der Südseite scheinen einem älteren Konzept anzugehören als die übrige 1361 - 66 entstandene Ausstattung. Es zeigt sich nämlich, daß im Bereich um den Apsiserker die Ausmalung geringfügig höher reichte. Sie wird von der barocken Decke leicht überlagert, während die Ausstattung aus der Zeit ab 1361 voll sichtbar ist. Daraus folgt, daß die vielleicht noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts anzusetzende Ausstattung zu einem Kapellenbau gehörte, welcher nicht das gesamte Obergeschoß, sondern nur einen durch Holzwände abgetrennten Bereich in der Südostecke betraf [33]. Balkenlöcher in der Südwand könnten zu dieser älteren Trennwand gehören, welche an der Ostwand unmittelbar an die linke Gewändekante der Altarnische angeschlossen hat. Hier konnte an einer Fehlstelle ein abgesägter Pfosten freigelegt werden [34].

Der Nachweis einer vor 1361 anzusetzenden kleineren Kapelle innerhalb des ehemaligen Obergeschosses würde die exzentrische Lage des Altarerkers erklären. Abgetrennte und mit einer Nische oder Erkerapsis versehene Kapellen in sonst profan genützten Turmgeschossen sind bis ins Spätmittelalter kein Einzelfall [35]. Die von der älteren Forschung tradierte Ansicht, daß der Erker deshalb angebracht werden mußte, weil sich über und unter einem Sanktuarium kein profan genutzter Raum [36] befinden darf, ist liturgiegeschichtlich und aus der Sicht des Denkmalbestandes nicht belegbar.

Der Altarerker wurde bei der Aufstockung von 1599 wohl aus statischen Gründen abgemauert und im 17. Jahrhundert durch ein Fenster geöffnet.

Südwand

suedwand-1.jpgIm Untergeschoß befand sich im östlichen Drittel ein Rechteckfenster, welches bei Errichtung der hölzernen Trennwand um 1498 abgemauert wurde. Statt dessen baute man  im Bereich vor der Trennwand eine kleine Beistellnische (Armarium) ein. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, daß der Kapellenaltar jetzt im Erdgeschoß vor dieser Trennwand stand. Links befand sich die 1952 an die Nordwand versetzte Sakramentsnische von 1498 und rechts in der Südwand die kleine Beistellnische.

In der Wandmitte öffnete sich ein spätgotisches Rundbogenportal, dessen Gewände bei der Restaurierung völlig ergänzt wurde. Die Grundform kann jedoch nach älteren Aufnahmen als gesichert gelten. Graffiti mit Landsknechtsdarstellungen lassen darauf schließen, daß das Portal bis ins spätere 16. Jahrhundert noch benutzbar war. Die eigenartige Hochlage des Portals ist scheinbar auf ein höheres Innenniveau berechnet, doch wäre dieses nicht mit den übrigen Sohlbankhöhen in Einklang zu bringen.

In der Westecke zeigte sich an einer Fehlstelle kurzfristig ein gemauerter Spitzbogen, der allerdings wegen der Mauerstruktur als Entlastungsbogen für das wesentlich kleinere Kellerportal gedeutet werden muß.

Das Obergeschoß wird im Osten von einem 1952 wieder geöffneten Biforenfenster belichtet, das in Form und Genese dem Pendant an der Nordmauer entspricht. Die Gewände sind zur Gänze erneuert. Das folgende mittlere Segmentbogenfenster gehört zur barocken Umgestaltung. Das westlichste Fenster jedoch ist mindestens zweiphasig.

Ursprünglich war hier bloß eine segmentbogige Öffnung vorhanden, welche wahrscheinlich nur bis zum Boden der Kapelle des 14. Jahrhunderts reichte. Der Scheitel lag knapp unter der Balkendecke aus der Zeit um 1498. Die Öffnung ist mittig zwischen dem Ende des Freskenzyklus und der Westwand plaziert. Ihr gegenüber befindet sich das Christophorusfresko, welches ikonologisch im Zusammenhang mit einem Zugang sinvoll wird.

Aus diesem Zusammenhang ist zu schließen, daß die Öffnung der ursprüngliche Hocheinstieg in das ehemalige Kapellengeschoß war. Bis ins 15. Jahrhundert hatte demnach das Ober- und das Untergeschoß der Kapelle jeweils einen eigenen Zugang. Mit der Öffnung der Westwand durch den Triumphbogen und der Umgestaltung der mittelalterlichen Kapelle zum Chorraum ab 1701 wurde der obere Zugang unbenutzbar, nach unten zum barocken Fenster erweitert und durch Einbau eines Mauerblocks dem neu ausgebrochenen barocken Mittelfenster angepaßt.

Westwand

Die Öffnung der Westwand ist auf den Umbau von 1701 zurückzuführen. An einer Fehlstelle links neben dem Triumphbogen konnte kurzfristig die rechteckige Vermauerung eines Fensters mit ähnlicher Dimensionierung wie jene an den übrigen Wänden des Untergeschosses festgestellt werden. Die Durchfensterung an dieser Stelle ist nur erklärbar, wenn sich hier im 14. Jahrhundert eine Turmaußenwand befand. Wie schon weiter oben dargelegt, zeichnet sich über dem Dachboden des Langhauses sowohl an der Turmwestwand als auch an der Gegenseite (Langhauswestwand bzw. Dachboden der "Versorgungsstation" Martinstraße Nr. 1) die Abrißkante eines Satteldaches ab, dessen Scheitel knapp unter dem barocken Wulstprofil der Turmaufstockung von 1599 (ehemalige Höhe des Martinsturmes im 13. Jahrhundert!) endet. Im Norden ruhte das Dach auf der Stadtmauer bzw. auf deren Überhöhung auf, im Süden auf der 1701 abgebrochenen Mauer innerhalb des heutigen Langhauses.

Eine Begehung der Kellerräume in der Versorgungsstation zeigte, daß sich die mittelalterliche Binnengliederung nur in den Hauptmauern nachweisen läßt, woraus sich ergibt, daß der gesamte Komplex des Wohngebäudes im Barock umgebaut und im Bereich des jetzigen Langhauses komplett erneuert wurde.

Im Obergeschoß des Chorraumes knickt die Wand im Bereich der ehemaligen Südwand des mittelalterlichen Hauses nach außen. Wie schon oben angenommen, ist dies auf eine statische Insuffizienz bei der Erhöhung des Turmes zurückzuführen, da an der Südwestecke des Turmes bis 1701 die Längsaussteifung fehlte.

Zu der ursprünglich anderen Geschoßteilung des mittelalterlichen Baus im Anschluß an die Turmwestwand gehört weiters eine rechteckige, nur teilweise unter dem Verputz erfaßbare Türrahmung über dem Triumphbogen.

Langhaus


Das Langhaus, 1701 unter Abtragung eines mindestens bis ins 14. Jahrhundert indirekt erschließbaren Rechteckgebäudes errichtet, ist für die Baugeschichte des Martinsturmes nur insofern von Bedeutung, als ein an der Nordseite verlaufender Mauerrücksprung die ungefähre Höhe der Stadtmauer erfaßbar macht.

Versuch einer baugeschichtlichen Rekonstruktion

Phase I: Stadtmauer mit Eckturm


Der Martinsturm wurde noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in unmittelbarem Anschluß an den Bau der Stadtmauer errichtet. Er gliederte sich in ein Kellergeschoß, ein höher liegendes Erdgeschoß und ein Obergeschoß.

Phase II: Wohnturm mit kleinem Kapellenraum


Schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, vor der urkundlichen Nennung einer Kapellenstiftung durch Graf Wilhelm III. von Montfort, Herr von Bregenz, wurde im ersten Obergeschoß des spätromanischen Turmes durch Abtrennung mit Holzwänden eine kleine freskierte Kapelle errichtet. Diese Kapelle hatte einen flachen Altarerker.

Phase III: Turm mit Kapellenobergeschoß


Mit der Stiftung von 1361 beginnt der Umbau und die Freskierung des gesamten Obergeschosses. Die asymmetrische Lage des Kapellenerkers wird beibehalten. Die Erschließung der Kapelle dürfte über einen eigenen Aufgang an der Südwestecke erfolgt sein - heute befindet sich dort das barocke Südwestfenster.

Phase IV: Erweiterung des Kapellenraumes auf das ehemalige Erdgeschoß


Im ausgehenden 15. Jahrhundert kommt es zu einem rigorosen Umbau, bei dem das bisher profan genützte Untergeschoß in den Sakralbereich einbezogen wird. Zunächst wird die bisherige Decke im Obergeschoß abgesenkt und eine Trennwand vor der Ostwand errichtet, welche einen gangartigen Bereich abtrennt. Zur Belichtung dieses Bereiches wird ein Fenster in der Nordwand geöffnet, dessen Gewände mit einer Darstellung des Hl. Christophorus und der Hl. Katharina freskiert wird.

Die Trennwand reicht bis ins Erdgeschoß, wo die Sakramentsnische mit der Jahreszahl 1498 eingebaut wird. Sie hat vermutlich eine Martinsreliquie enthalten. An der Südwand wird eine Beistellnische (Armarium) errichtet. Aus beiden Einbauten ist zu schließen, daß sich der Hauptaltar nun nicht mehr im Kapellenerker des 14. Jahrhunderts im Obergeschoß, sondern im adaptierten Erdgeschoß befindet. Entsprechend den Gepflogenheiten des Spätmittelalters hat man sich dabei einen Flügelalter mit Gesprenge vorzustellen, der ohne eine teilweise Entfernung der Zwischendecke des 14. Jahrhunderts nicht aufzustellen gewesen wäre. Außerdem werden durch die neu eingefügte Zwischendecke, die quer durch den oberen Bildstreifen geführt wird, die Raumproportionen verändert.

Der durch die Zwischenwand abgetrennte schmale Raum hinter dem Hochaltar wird im ehemaligen Obergeschoß durch ein neu geschaffenes freskiertes Fenster erhellt. Der Raum bekommt dadurch trotz seiner Enge eine liturgische Bedeutung. Der Gesamtumfang der Freskierung des 14. Jahrhunderts läßt vermuten, daß im Martinsturm eine Reihe von Reliquien aufbewahrt wurde. Es wäre denkbar, daß dieser im 15. Jahrhundert abgetrennte Bereich die Funktion einer Reliquien- oder Schatzkammer übernahm.

Im Untergeschoß befindet sich an der entsprechenden Stelle ein Fenster mit Ausgußstein, was auf die Verwendung des schmalen Raumes als Sakristei schließen läßt.

Zusammenfassend ergäbe sich für die Zeit um 1498 folgendes Bild: Das Untergeschoß mit dem Hochaltar wird durch das Südportal betreten, wobei der Betrachter vor einem Flügelaltar mit hohem Gesprenge steht. Das Obergeschoß kann wie im 14. Jahrhundert über eine Außentreppe mit Portal in der Südwestecke betreten werden. Wegen des hohen Auszugs des Altares im Erdgeschoß ist der ehemalige Boden des Obergeschosses teilweise entfernt und zu einer umlaufenden Empore umgestaltet worden. Über diese konnte der neu geschaffene Raum hinter dem Hochaltar erreicht werden, der wegen seiner Freskierung des Fensters liturgisch als Schatz- oder Reliquienkammer diente. Möglicherweise sollte die Beibehaltung des Obergeschosses als Empore auch eine Trennung in "Leutkirche" und herrschaftlichen Bereich ermöglichen.

Phase V: Turmerhöhung


1599 wird der Turm aufgestockt, was unter anderem aus statischen Gründen zur Abmauerung der wohl seit dem Umbau von 1498 nicht mehr benützten Altarnische bzw. zur Entfernung des Chörleins führte. In dieser Zeit könnte bereits die neue Wölbung des Kellerraumes mit einer gleichzeitigen Veränderung des Erdgeschoßniveaus der Kapelle erfolgt sein.

Im 17. Jahrhundert kommt es zur Entfernung der niedrigeren Zwischendecke aus der spätgotischen Phase. Das dabei noch sichtbare oder wieder sichtbar werdende Stifterfresko wird übertüncht, muß jedoch auf allgemeinen Protest durch ein neues von 1652 ersetzt werden.
1.4.6 Phase VI: Erweiterung um ein barockes Langhaus

Erst 1701 wird der Kapellenraum unter Zerstörung des im Westen anschließenden mittelalterlichen Wohngebäudes um das Langhaus erweitert und der Triumphbogen ausgebrochen. Die Nord- und Südwand erhält eine barocke Durchfensterung. Die Sohlbänke der bestehenden Fensteröffnungen werden zur besseren Belichtung des ehemaligen Erdgeschosses stark abgeschrägt. Dieser Umbau bleibt im wesentlichen bis zur Freilegung und bis zum Abbruch der Altarwand im Jahre 1952 bestehen.

Anmerkungen


 [1] Die bauhistorischen Untersuchungen am Martinsturm wurden im August 1997, im März und April 1998 und im Juni 1998 durchgeführt. Ein zusammenfassendes Referat der Baugeschichte aus Sicht der bauanalytischen Untersuchungen wurde anläßlich des internationalen Symposiums in Bregenz am 17. April 1998 den Fachkollegen vorgetragen.
 [2] Doberer E., Die ehemalige Burgkapelle im Bregenzer Martinsturm. In: Von Österreichischer Kunst, Festschrift Franz Fuhrmann, Salzburg 1982, S. 23 ff.
 [3] Krumpöck I., Studien zur Wandmalerei des 14. Jahrhunderts in Vorarlberg, phil. Diss. Wien 1992.
 [4] ACT - Advanced Conservation Team, P. Berzobohaty, Wien. Die Ergebnisse der dabei vor Ort und am 23. 3. 1998 in Wien geführten Erörterungen zwischen Bauforschung und Restaurator wurden in den BDA-Bericht der ACT: "St. Martin's Chapel, Bregenz, Bericht zu den Konservierungsarbeiten" vom 1. 5. 1998 eingearbeitet. Wertvolle Hinweise für die bauliche Genese des Chorraumes ergaben sich außerdem aus den von Ivo Hammer, Restaurierungswerkstätten des Bundesdenkmalamtes, 1996 anläßlich einer Befundsicherung festgehaltenen stratigraphischen Beobachtungen der Wandmalereien (BDA-Bericht GZ. 13.731/96).
 [5] Es muß daher an dieser Stelle in besonderem Maße der Landeskonservatorin Frau HR Dr. Renate Madritsch und der Stadtverwaltung für die Unterstützung bei der Erschließung der teilweise privaten Nutzungsbereiche gedankt werden.
 [6] Krumpöck I., 1982, insbesondere S. 4 - 29.
 [7] Ransperg F., Beneficia (1652), LA Bregenz n. 10, S. 247
 [8] Vanotti J. N., Geschichte der Grafen von Montfort und von Werdenberg, Belle Vue bei Constanz 1845.
 [9] Ulmer A., Die Burgen und Edelsitze Vorarlbergs und Liechtensteins, Dornbirn 1925. - Derselbe, Alt-Bregenz und seine kirchlichen Bauten, in Schriften des Vereines für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 63, 1936, S. 148ff.
 [10] Sandner O., Die Bregenzer Martinskapelle. In: Vorarlberger Volksblatt vom 14. 11. 1953, S. 8.
 [11] Bilgeri B., Bregenz. Geschichte der Stadt, Bd. 1, Wien-München 1980.
 [12] Doberer E., 1982, S. 23ff.
 [13] Sandstein-Relief der Göttin Epona über dem feldseitigen Torbogen des unteren Stadttores in der Nordwestecke des Ehregutaplatzes. Das spätrömische Originalrelief befindet sich heute im Vorarlberger Landesmuseum. Vgl. Dehio Vorarlberg, Wien 1983, S. 58.
 [14]  Ulmer, 1925, 1936, S. 194.
 [15] Hammer I., BDA-Bericht.
 [16]  Doberer E., 1982, S. 23.
 [17] Man vergleiche dazu die Arbeit von B. Bilgeri, 1980, S. 34 bezüglich der Bezeichnung "Hof, Höflin".
 [18] Die  Frau Graf Wilhelms III. war Ursula von Pfirt-Hohenberg, eine Schwester von Johanna v. Pfirt, die Frau Herzog Albrechts II.
 [19] Zur Problematik der Funktion der frühesten Martinskapelle vgl. I. Krumpöck, 1992,  24ff.
 [20] Bitschnau M., Burg Bregenz, Bauanalyse und Baugeschichte der Burg auf dem Gebhardsberg, in: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins, 1983, S. 106ff.
 [21] Vgl. Ulmer A., 1936, S. 153.
 [22]  Vgl. Ransperg F., 1652, S. 249.
 [23] Siehe Ulmer 1936, 152.
 [24] Mitteilungen der k. k. Zentralkommission, 3. Folge, 16, 1918, S. 54.
 [25] Kleiner V., Die Wandgemälde in der St. Martinskapelle in Bregenz, in: Vorarlberger Volksblatt vom 25.5.1914.
 [26] Es wurde zwischenzeitlich im Vorarlberger Landesmuseum verwahrt.
 [27] Dieser Putz verdeckt leider jegliche bauhistorisch verwertbare Oberflächenstruktur, welche Rückschlüsse auf das darunterliegende Turmmauerwerk zuließe.
 [28] Laut Dehio Vorarlberg , 1983, S. 104, ein Umbau des 18. Jahrhunderts, im Kern jedoch sicher spätmittelalterlich.
 [29] Ulmer A., 1936, S. 153.
 [30] Krumpöck I., 1982, S. 8.
 [31] Zur Klärung dieser Fragen wäre eine genaue Bauaufnahme des Keller- und Dachbodenbereiches des "Versorgungshauses" dringend notwendig.
 [32]  Man vergleiche dazu ganz allgemein "Kellerräume" und Grottenarchitekturen des 16. Jahrhunderts mit ihren oft bewußt archaisch gestalteten Gliederungs- und Dekorationselementen.
 [33] Auf die Möglichkeit einer kleineren Vorgängerkapelle mit eigener Nordmauer innerhalb des Obergeschosses des Martinsturmes hat schon E. Doberer aus der exzentrischen Lage der Chornische geschlossen. Sie datiert diese Kapelle jedoch einschließlich des später abgebrochenen Chörleins ins Hochmittelalter (d. h. in die Erbauungszeit des Turmes, 13. Jhdt.) Vgl. Doberer E., 1982, S. 27.
 [34] Ob er tatsächlich zur Wandkonstruktion gehörte, wie vom Team ACT angenommen wird, oder zu einer Gerüstkonstruktion im Zuge der Errichtung der Altarnische, wie mir eher scheint, muß offenbleiben. Möglicherweise könnte hier eine zerstörungsfreie Untersuchung der Wand mit einem Georadar weitere Teile der Wandkonstruktion feststellen. Ein weiterer Pfosten wurde von Team ACT unmittelbar über dem Christuskopf in der Abendmahl-Darstellung eruiert.
 [35] E. Doberer verweist diesbezüglich auf die von Walter Haas genannten hochmittelalterlichen Beispiele in Bayern. Vgl. dazu: Haas W., Kirchenbau im Herzogtum Bayern zwischen 1180 und 1255, in: Wittelsbach und Bayern, Bd. 1,1, 1980, S. 418ff.
 [36] In Bregenz wäre dies der im 15. Jahrhundert (vgl. Doberer E., 1982, S. 23: 1409) genannte Kornspeicher. I. Krumpöck, 1992, S. 9 (und ihre Anmerkung 26) nennt dazu eine Quelle vom 28. 4. 1393, wonach sich im Martinsturm der Keller mit dem "cornhaus" befunden hätte. Es wäre allerdings von quellenkundlicher Seite zu klären, ob damit dezitiert die Räumlichkeiten des Kellers und des Erdgeschosses des Martinsturmes gemeint sind, oder ob sich diese Speicherräume nicht vielleicht auch in dem 1701 abgetragenen Anbau westlich des Turmes befunden haben könnten. Schon die Durchfensterung im ehemaligen Erdgeschoßraum läßt eine Verwendung als Getreidespeicher fraglich erscheinen.


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