DIE FILIALKIRCHE ZUM HL. JAKOB IN ANTLANGKIRCHEN, BH, SCHÄRDING / OÖ.

Rudolf Koch, Wien

Erstveröffentlichung: in: F. Felgenhauer, Archäologisch-historische Feldforschungen im Umkreis der Ortschaft Antlangkirchen (Gemeinde St. Willibald, Bezirk Schärding, Oberösterreich), Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Stillfried, Sonderbd. 1, 1982, 81 - 87.

 

In Antlangkirchen läßt sich eine Kirche bis ins 14. Jhdt. nachweisen. Für die Wende vom 14. zum 15. Jhdt. werden zwei Jahrtagsstiftungen erwähnt. Bis 1786 werden jährlich mehrere Ämter abgehalten, dann wird die Kirche durch die weltliche Obrigkeit gesperrt und zum Verkauf freigegeben. 1839 wird sie als Filialkirche von St. Willibald wiedereröffnet, mit neuer Einrichtung versehen und 1842 restauriert [1]. Die letzte Restaurierung der durch Feuchtigkeit und Blitzschlag beschädigten Kirche erfolgte 1953 - 1956 durch das Land Oberösterreich. Dabei legte man spätgotische Fresken frei [2].

Kirchenrechtlich untersteht das Gotteshaus seit 1839 als Filiale der Pfarrkirche von St. Willibald, vorher war es wie St. Willibald der Pfarre von Raab untergeordnet und zählte zum Besitz des Augustiner-Chorherrenstifes Suben (ERLÄUTERUNGEN 1956, 135).

Nach Gugitz (GUGITZ 1954, 32, 42; 1958, 9f.) war die Kirche ab dem 15. Jhdt. das Ziel einer Wallfahrt, die mit dem nahegelegenen Jakobsbrunnen und einem heute zerstörten Schalenstein - der sogenannten Jakobsrast - in Verbindung stand. Das Kirchenpatrozinium ist jedoch nicht der Pilgerheilige Jakobus Major, sondern Jakobus Minor. Ob hier eine Verwechslung der beiden Heiligen durch die Volksfrömmigkeit oder ein späterer Patrozinienwechsel vorliegt, kann nicht mit Sicherheit entschieden werden. Auch eine Gleichsetzung der beiden Heiligen wäre denkbar.

Der spätgotische Bau liegt auf einem kleinen Hügel und vertritt den Typus der anspruchslosen Landkirche (Abb. 8). Das dreijochige Langhaus ist als einschiffiger Saalraum mit eingezogenen Wandpfeilern ausgebildet, daran schließt im Osten der stark eingezogene, zweijochige Chor mit 3/6 Schluß an (Abb. 9). Im Westen befindet sich ein auffallend schlanker Turm, der nur durch die dreischiffige, nach rückwärts gebrochene Empore betreten werden kann. Die Wölbung im Langhaus ist als Zweiparallelrippen-Figuration mit Schlußsteinscheiben an den Schnittpunkten der Rippen ausgeführt, die des Chores als Rautenstern-Figuration mit Gurtrippen über kapitellosen Runddiensten.

Der Außenbau wird durch einen einfach gekehlten Sockel und ein Kaffgesims horizontal gegliedert. Der Turm und der strebepfeilerlose Chor bleiben ohne Kaffgesims. Der Bau wirkt durch seine Gliederung blockhaft und gelagert. Vertikale Akzente werden durch die schmalen Spitzbogenfenster mit gekehlter Laibung und das einfache, aus der Mauermasse geschnittene Südportal gesetzt (Abb. 10).

Eigenartig und für die Wirkung des Innenraumes bestimmend ist die Lichtführung. Nur im Ostjoch des Langhauses und vor dem Chorpolygon befinden sich Fenster. Das fehlende Scheitelfenster im Chor dürfte eine barocke Abmauerung sein. Gemeinsam mit den jochbetonenden Wandpfeilern des Langhauses und den Gurtbögen im Chor ergibt sich ein eher gedrungener Innenraum mit rhythmischer Abfolge von hellen und dunkleren Raumelementen.

Die Schlichtheit der Jakobskirche in ihrer Konzeption und den Detailformen macht eine genauere Datierung aufgrund stilistischer Merkmale schwierig. Die aufgedeckten Gewölbefresken lassen wegen ihrer geringen Qualität und des schlechten Erhaltungszustandes auch keine genauere Datierung und damit einen terminus ante quem für die Einwölbung zu. Die eher gedrungenen Raumproportionen und die kontrastreiche Lichtführung legen eine Datierung des bestehenden Baues in die Zeit des sog. Eckigen Stils nahe. Eine Entstehungszeit im 3. Viertel des 15. Jhdts. wäre denkbar. Die Proportionierung der figuralen Fresken und die etwas unruhige Umrißlinie des Johannes-Symbols bestätigen dies ebenfalls.

Bemerkenswert ist, daß sich im unmittelbaren Bereich des Innviertels keine direkt vergleichbaren Kirchenbauten zu Antlangkirchen aufzeigen lassen [4] wohl aber im bayrischen Bezirk Traunstein. Sowohl im Typus als auch in der Wahl der Gewölbeform und ihrer Verteilung auf Langhaus und Chor finden sich engste Bezüge. Im 2. Drittel des 15. Jhdts entstehen im Bezirk Traunstein die Bauten von Truchtlaching (1435ff. KUNSTDENKMALE 1902, 1881 ff.), Diepoltsberg (Abb. 11; 1430. KUNSTDENKMALE 1902, 1744f.), Gollenshausen (Abb. 12; 1. H. 15. Jhdt. KUNSTDENKMALE 1902, 1776ff.) und Ischl/Oberbayern (um 1451. KUNSTDENKMALE 1902, 1797f.), die mit dem Burghausener Meister Konrad Pürkel in Verbindung gebracht werden. Sie zeigen neben der Anwendung von Wandpfeilern die typische Verteilung von Zweiparallelrippen-Figuration im Langhaus und Rautennetzung im Chor.

 

 Am Außenbau der Traunsteiner Kirchen befindet sich unterhalb des Dachansatzes ein freskierter Maßwerkstreifen (Abb. 13), der an der Empore von Antlangkirchen nahezu wörtlich übernommen wird. Obwohl solche Maßwerkstreifen eine allgemein gebräuchliche Form darstellen, gewinnt der Zusammenhang mit Antlangkirchen an Bedeutung.


 

Die nach rückwärts gebrochene Empore von Antlangkirchen findet eine Entsprechung in der Empore der Kirche von Neukirchen a. d. Enknach (Mitte 15. Jhdt. ÖKT BRAUNAU 1947, 276ff.). Der Meister dieser Kirche war Oswald Pürkel, ein Vetter Konrad Pürkels. Wir bewegen uns damit wieder im gleichen Künstlerkreis wie in Traunstein. Die Art der nach rückwärts gebrochenen Empore ist auffallend, weil eine solche Emporengestaltung in Oberösterreich erst gegen Ende des 15. Jhdts. auftritt. Da Antlangkirchen nach stilistischen Gesichtspunkten aus dem 3.Viertel des 15. Jhdts. stammt und die Empore - soweit sich das in der neugetünchten Kirche feststellen läßt - aus der Erbauungszeit datiert, muß man Zusammenhänge mit Werken des Pürkel-Kreises annehmen.

Für die Baugeschichte der Jakobskirche von Antlangkirchen bedeutet dies, daß im 3.Viertel des 15. Jhdts. durch einen Baumeister des Kreises um die Familie Pürkel hier ein Neubau entstand, der die Errungenschaften des Gebietes Traunstein an die östlichste Grenze des ehemals bayrischen Gebietes verpflanzte. Das ist umso erstaunlicher, als die Kirche in den Details keine sehr hohe architektonische Qualität zeigt und offensichtlich von lokalen Kräften ausgeführt wurde. Von solchen würde man eher die Anlehnung an örtliche Gepflogenheiten erwarten. Eine Erklärung mag sein, daß dieser Teil des Innviertels dem Rentamt Burghausen unterstand, das für die Bauangelegenheiten befugt war.

Näheres über die Vorgeschichte der Jakobskirche ergab eine Außengrabung am Chor. Es wurden zwei Schnitte an der NO-Ecke des Langhauses und an der O-Seite des Chores durchgeführt, die eine Bruchstein-Trockenmauer aufschlossen, deren Verlauf durch mehrere Sondagen bis zur Triumphbogenwand nachgewiesen werden konnte (Abb. 14). Es ergab sich ein Mauerzug, der mit geringer Achsenabweichung dem Grundriß des Chores folgte und in der Art einer Zungenmauer in Verlängerung der Triumphbogenwand über das Langhaus hinausreichte. An der Nordseite brach der Sockel des Langhauses in Breite dieser Zungenmauer ab, die hier mit dem Langhausfundament eine Baufuge ergab. Unterhalb der barocken Sakristei konnte die Mauer nicht verfolgt werden.

 

Die ergrabenen Fundamente des Vorgängerbaus gehören eindeutig zu einem got. Polygonchor, der in unserem Gebiet sicher nicht vor dem 13. Jhdt. zu finden ist. Die Grundrißdisposition würde eher auf einen Bau des 14. Jhdts. deuten; man vergleiche hierzu die Kirche von St. Cäcilia ob Murau vom Beginn des 14. Jhdts. (GOTIK 1978, 54). Um die Wende vom 14. zum 15. Jhdt. ist der Vorgängerbau der Jakobskirche durch Jahrtagsstiftungen urkundlich belegt. Scherbenfunde aus den beiden Schnitten scheiden für die Datierung dieses Fundaments aus, da sie aus der Zeit vor dem 13. Jhdt stammen.

Die Steinsetzung ist wegen ihrer Lage und Struktur als Fundament eines got. Polygonchores deutbar. Da dieses Fundament an der Ostseite des aufgehenden Chores um ca. 50 cm, an den übrigen Stellen um rund 20 cm unter der Sockelkante nach außen vorspringt, kann es sich kaum um das ursprüngliche Fundament des jetzigen Kirchenbaus handeln, sondern nur um die teilweise Einbeziehung eines Vorgängerfundaments. Daraus läßt sich auch die Wahl des altertümlichen 3/6 Polygons und die starke Einziehung des Chores erklären. Wie die beiden Zungenmauern unterhalb des Triumphbogens zu deuten sind, muß noch offen bleiben. Sicherlich gehörten sie zum Langhaus des Vorgängerbaus, jedoch ist unklar, ob die vorspringenden Partien Teil eines Strebepfeiler-Paares sind, oder ob sie die Breite des Langhauses des älteren Baus zeigen. Eine Sondage beim Südportal ergab kein Strebepfeilerfundament. Aufschluß über diese Fragen kann nur die Fortführung einer systematischen Grabung ergeben.

Zusammenfassend ergibt sich aus den Aufschlüssen der Spatenforschung, den spärlichen historischen Quellen und der Beurteilung der Kirche aus kunsthistorischer Sicht folgendes Bild:

Für die Zeit vor dem 14. Jhdt. belegen die Scherbenfunde in den beiden Grabungsschnitten eine kulturelle Tätigkeit am Kirchhügel. Eine erste sakrale Bautätigkeit wäre somit denkbar. Im 14. Jhdt. besteht bereits eine Steinkirche, die ungefähr die Fläche des heutigen Chores, vielleicht auch die des Langhauses einnahm. Gegen Ende des 14. Jhdts. setzt mit der Nennung der Jahrtagsstiftungen die schriftliche Überlieferung ein. Aus ungeklärten Gründen kommt es im 3. Viertel des 15. Jhdts. zu einem gänzlichen Neubau der Kirche, wobei die Fundamente des Vorgängerbaus im Chorbereich teilweise miteinbezogen werden. Für den Chor bringt dies keine Vergrößerung des Raumes mit sich. Der Baustil läßt auf enge Beziehungen zum oberbayrischen Raum um Traunstein schließen. Um diese Zeit ist bereits mit der Jakobs-Wallfahrt zu rechnen. Die weitere Geschichte ist durch schriftliche Quellen belegt: Barockisierung während der Gegenreformation, Sperre der Kirche im 18. Jhdt. und Wiedereröffnung bei gleichzeitiger Regotisierung im 19. Jhdt.

Anmerkungen

  • [1] ÖKT SCHÄRDING 1927, 107ff. Hier auch nähere Quellenangaben und ältere Literatur.
  • [2] DENKMALPFLEGE 1956, 139. Mit Angabe der einzelnen Restaurierungen.
  • [3] Zum Stilbegriff vgl. ULM 1954.
  • [4] Die derzeitige Forschungslage deckt sich weitgehend mit den Beiträgen in den ÖKT Schärding und ÖKT BRAUNAU.
  • [5] Topographie und kunstgeschichtliche Zusammenhänge. In: KUNSTDENKMALE 1902, 1699ff.

Literaturverzeichnis und Abkürzungen

  • Walther BUCHOWIECKI 1952, Die gotischen Kirchen Österreichs, Wien 1952, 55, 317.
  • Joachim BÜCHNER 1964, Die spätgotische Wandpfeilerkirche Bayerns und Österreichs, Nürnberg 1964, 36ff.
  • Franz DAMBECK 1940, Spätgotische Kirchenbauten in Ostbayern. Passau 1940.
  • DENKMALPFLEGE in Oberösterreich von 1945 - 1955. Oberösterr. 1956, Heimatbl. 10, Heft 3/4, Linz 1956.
  • Katharina DOBLER 1979, Die Restaurierung von Filialkirchen im Dienste der Volksbildung. Zeitschr. Oberösterr. 29, Heft 3, Linz 1979, 52.
  • ERLÄUTERUNGEN zum historischen Atlas der österreichischen 1956, Alpenländer. II. Abtlg., 7. Teil, Wien 1956.
  • GOTIK in der Steiermark - Ausstellungskatalog St. Lambrecht 1978. 1978,
  • Rudolf GUBY 1921, Die Kunstdenkmäler des oberösterr. Innviertels. Wien 1921.
  • Gustav GUGITZ 1954, Die Wallfahrten Oberösterreichs. Linz 1954. 1958, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Bd. 5, Wien 1958.
  • Die KUNSTDENKMALE des Königreiches Bayern, l. Band, II. Theil, 1902, München 1902.
  • Österreichische Kunsttopographie (=ÖKT) XXI - Die Denkmale 1927, des polit. Bezirks SCHÄRDING. Wien 1927.
  • Österreichische Kunsttopographie (=ÖKT) XXX - Die Kunst-1947, Denkmäler des polit. Bezirks BRAUNAU. Wien 1947.
  • Franz PFEFFER 1958, Das Land ob der Enns, Linz 1958.
  • Benno ULM 1954, Die Stilentfaltung in der Architektur der gotischen Landkirchen in den Bezirken Freistadt und Perg in Oberösterreich. Dissertation Wien 1954.