Notizen 2006 > Themenübersicht > "Pfostenlöcher", Balkenlöcher, Dübellöcher, Dachspuren etc. an ägyptischen Tempelbauten

Zum Vergleich: Gerüstformen und Dachspuren (europäisches Mittelalter)


Gerüste, die mit dem Bauwerk temporär verbunden sind, hinterlassen im Mauerwerk Spuren. Um eine gewisse Vorstellung von den verschiedenen historischen Gerüstformen zu geben, seien hier einige Beispiele aus dem europäischen Mittelalter in zeitgenössischen Abbildungen vorgestellt.

Auch nachträglich angebaute Dächer hinterlassen unter Umständen an der älteren Gebäudewand Spuren. Sie erlauben es, den Verlauf der ehemaligen Dachlinie zu rekonstruieren. Dazu ebenfalls ein Beispiel - hier aus nachmittelalterlicher Zeit.

Mittelalterliche Gerüstformen und ihre Überlieferung in zeitgenössischen Dartellungen des 12. - 15. Jahrhunderts.

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Bockgerüste hinterlassen weder im Boden Spuren (Pfostenlöcher, Pfostengruben), noch an der aufgehenden Wand (Rüstlöcher).
Sie hinterlassen keine archäologische Spuren und eignen sich nur für geringe Gerüsthöhen.

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Bei Auslegergerüsten werden die horizontalen Balken während des Hochziehens der Wand mitgemauert. Eine zusätzliche Verankerung durch Steher im Boden wird nicht verwendet, jedoch können zur Erhöhung der Stabilität vertikale Verstrebungen angebracht werden. Wie beim Bockgerüst hinterläßt das Auslegergerüst keine archäologischen Spuren im Boden, allerdings eine Reihe von mehr oder weniger systematisch verteilte Rüstlöcher. Diese laufen durch die gesamte Mauerstärke und können entweder runden oder viereckigen Querschnitt haben.

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Der berühmte Flügelaltar in St. Wolfgang (Oberösterreich), ein Werk Michael Pachers, zeigt, wie nach Fertigstellung des Rohbaus die Wand von oben nach unten verputzt wird. Dabei werden sukzessive die Laufbretter abgebaut, anschließend die eingemauerten Riegelbalken abgesägt und der Verputz geschlossen. Zumeist zerfallen bzw. verrotten die Holzbalken im Laufe der Zeit, sodaß heute nur mehr der Balkenkanal nachweisbar ist. Dies hat unter anderem zu der irrigen Annahme geführt, bei diesen Kanälen in der Wand handelt es sich - etwa bei Profanbauten (Burgen etc.) - um Späh- oder Horchröhren, oder man hätte die Kanäle absichtlich offen gelassen, um hier bei späteren Reparaturen neuerlich Gerüstbalken einzuführen. Diese Interpretationen sind falsch, da sich die mitgemauerten Rüstbalken nach Abbinden des Mörtels nicht mehr aus der Wand herausziehen lassen. Sie sind quasi eingegossen, sodaß man etwa im Falle von unbearbeiteten Rundhölzern noch den Negativabdruck der Rinde feststellen kann.

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Bei Stangengerüsten bindet nur ein Ende des Riegelbalkens in die Wand ein, während das freie Ende mit dem Gerüstpfosten verbunden ist. Bei günstigen Bedingungen können die Pfostenlöcher bzw. Pfostengruben archäologisch nachgewiesen werden. Die Rüstlöcher in der Wand reichen nicht durch die gesamte Mauerstärke, sondern enden manchmal schon nach wenigen Zentimetern. Aufgrund der Lage im Mauerwerk ist zu entscheiden, ob es sich um ein zeitgleich mit dem Bauwerk hochgezogenes Gerüst handelt (primäre Rüstlöcher, liegen meist unmittelbar an Lager- oder Stoßfugen), oder um die Rüstlöcher einer späteren Erweiterung bzw. einer Restaurierungsphase (sekundäre Rüstlöcher, nehmen oft keine Rücksicht auf den Fugenschnitt der Wand oder auf dekorative Elemente Rücksicht). Auslegergerüste und Stangengerüste wurden im Mittelalter gleichzeitig verwendet, wie die beiden Mosaike von S. Marco/Venedig und im Dom von Monreale belegen.

 

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Doppelte Stangengerüste sind nur sporadisch zur Erhöhung der Kippsicherheit mit der Wand verbunden und hinterlassen daher in der Regel nur archäologische Spuren im Boden - günstige Erhaltungsbedingungen vorausgesetzt. Zeitlich handelt es sich im Bezug auf mittelalterlche Gerüste um die jüngste Form (spätmittelalterlich?).

 

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Vereinzelt kann man an den Wänden sehr seicht beginnende und nach oben tiefer werdende Rüstlöcher feststellen. Sie stammen von den sogenannten Gerüstbügen, das sind schräge Abstützungen bei Auslegergerüsten. Das im Bild rechts angegebene Schema (2. Beispiel von oben) zeigt eine zusätzliche Absicherung des Riegelbalkens gegen Herausziehen mit einem innenseitig angebrachten Splint. Ob diese Sicherung bei einem mitgemauerten Balken allerdings wirklich notwendig war, ist fraglich. Die Gerüstbüge wird kaum einen so starken Seitenzug erzeugen.

Befunde von Dachspuren und Gerüstlöchern

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Die Aufnahme zeigt zwischen den beiden Hochgadenfenstern und links der rechten Fensters kleine weiße Vierecke. Sie stammen von einem Gerüst. Man beachte, daß die jetzt weiß verputzten Balkenkanäle jeweils unmittelbar an einer Lagerfuge situiert sind, teilweise sogar in der Eche einer Lager- und Stoßfuge. Der Quader mußte dabei nur an einer Ecke ausgestemmt werden. Bei einem Rüstloch in der Mitte eines Quaderspiegels, wie es oft bei sekundären Gerüsten erforderlich ist, hätte man alle vier Seiten des Rüstloches ausstemmen müssen.

Die weißen horizontal und schräg verlaufenden Linien sind jetzt verputzte Ausstemmungen von wenigen Zentimerter Tiefe. Hier lief jeweils ein Dach an. Die Dachhaut wurde dabei geringfügig in die Ausstemmung eingezapft, wodurch ein Weiterlaufen von Regenwasser (zB Schlagregen, insbesondere an der Wetterseite) entlang der Mauer in den Dachraum vermieden wurde. In der linken unteren Ecke sieht man ein Stück des heutigen Daches. Darüber eine erste Spur eines älteren Daches. Die horizontale Dachspur im unteren Drittel der beiden Fenster verkleinerte ursprünglich einen Teil der romanischen Fensteröffnungen - ein typisches Beispiel für die neuzeitliche Änderung in der Lichtführung.

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Beim Quadermauerwerk - insbesondere aus der Romanik - stammt nicht jeder Befund einer kleinen viereckigen Vermauerung von einem Rüstloch. Bei der älteren Versatztechnik der Quader arbeitete man noch nicht mit durchlaufenden Quaderketten gleicher Lagerhöhe, sodaß ein unregelmäßiges Fugennetz entstand. Die Quader verschiedener Höhe wurden erst am Bau aneinander angeglichen. Dies geschah durch Ausklinken (a), durch Anstellen der Quaderlagen an einer durchlaufenden Stoßfuge (c), die durch einen Pufferquader (d. Pseudo-Binder? Problem der nicht auf Lager gestellten Steine) verbunden sein kann. Es gab auch die Möglichkeit, die Quader unterschiedlich hoher Schichten unmittelbar aneinander zu reihen (b), wodurch an der Stelle des Fugenversatzes eine kleine quadratische Stelle freiblieb. Diese Öffnung wurde dann mit einer sogenannten "Vierung", einem kleinen Füllstein, verschlossen. Die Unterscheidung zwischen Vierung und Rüstloch ergibt sich aus der Gesamtstruktur der Mauer. Vierungslöcher weisen außerdem nicht die relativ regelmäßige Anordnung der Rüstlöcher auf.


13.01.2006