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Die Entwicklung der romanischen Westturmanlage in Österreich*

Rudolf Koch, Wien


Inhalt:


Einführung

Ausgangspunkt der Überlegungen zur Entwicklung der romanischen Westturmanlage in Österreich war die Feststellung, daß Kirchen mit achsialem Einzelwestturm hier relativ selten auftreten und sich vor allem auf das Einflußgebiet des Erzbistums Salzburg und der Mark bzw. des Herzogtums Österreich beschränken. Die bisherige Forschung war zu drei Hypothesen gelangt, wonach der Westturm als Reduktionsform vom karolingischen Westwerk abzuleiten sei oder dem Berchfrit mit Kapelle bzw. der Turmkirche nahesteht. Der Westturmanlage wird dabei eine apotropäische oder reelle Wehrfunktion zugeschrieben, oder es wird in ihr ein von der politisch-programmatischen Einstellung des Auftraggebers bestimmtes Hoheitsmotiv gesehen. Der Zeitpunkt des ersten Auftretens eines Einzelwestturms in Österreich wurde in karolingischer Zeit oder aber im Hochmittelalter als Endstufe einer linearen Typenentwicklung angenommen [1].

Verbreitungskarte

Verbreitungskarte der romanischen Westturmanlagen in Österreich

Eine der frühesten monumentalen Westanlagen entsteht unter Karl dem Großen mit der Dreiturmanlage der Aachener Pfalzkapelle. Die charakteristischen Elemente dieser Lösung sind der dominierende Mittelturm mit hoher Portalnische, die flankierenden, niedrigeren Treppentürme, das Atrium mit zwei Exedren, welche mit dem Turm einen Trikonchos ausbilden, und der Verbindungsgang zur Palastaula, welcher in der Westturmanlage direkt auf die Empore mit dem Thron des Kaisers führt. Die Wurzeln dieser komplexen Lösung liegen im Vorbild spätantiker kaiserlicher Repräsentation und den speziellen Erfordernissen karolingischer Kaiserliturgie. Während das Atrium mit den Exedren auf spätantike Kaiserforen zurückgeht, ist die Dreiturmanlage als karolingische Neuschöpfung ein Hoheitssymbol, welches die Präsenz des Herrschers auf der Empore auch am Außenbau manifestiert [2].

Unter dem Einfluß der Aachener Anlage werden in der Karolingerzeit auch die älteren Westoratorien turmartig überhöht, welche anstelle der Empore eine Kapelle, meist mit Michaelspatrozinium, bergen. Dieser Typus findet häufig bei Klosterkirchen Anwendung, wie das frühe Beispiel der Benediktinerkirche am Petersberg bei Fulda zeigt, deren westlicher Erweiterungsbau über dreiteiligem Grundriß unter Hrabanus Maurus (822-842 Abt von Fulda) errichtet wurde.

Unter den Ottonen beginnt ein formaler Umbildungsprozeß, der aufgrund einer geänderten Liturgie den komplexen Aufbau der Dreiturmanlage vom Typus Aachen durch Zurücknahme der seitlichen Treppenannexe zum Einzelwestturm reduziert. Die Innenstruktur der Westturmanlage mit liturgischem Hochgeschoß - Empore oder Kapelle - wird beibehalten. Der reduzierte Typus wird nun auf den Pfarrkirchenbereich in breiter Basis angewandt [3].

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts sind die Typen der nach außen geschlossenen Westturmanlage, des Vorhallenturms und des Querbaus voll ausgebildet. Dazu kommen noch die Gruppe von Anlagen mit integriertem Westturm über einem Nartex und die Westchortürme. Die typologische Entwicklung des romanischen Einzelwestturms ist damit abgeschlossen und nimmt eine ausgesprochen kunstlandschaftliche Verbreitung an: querriegelartige Bauten in Niedersachsen und Westfalen, quadratische, meist mit dreischiffigen Kirchen verbundene Anlagen als nieder- und oberrheinische Ausprägungen. In der Folge breiten sich die Westturmkirchen von hier nach Osten aus.

Die Genese des Westturms von der komplexen karolingischen Dreiturmanlage zum Einzelturm, der sich sowohl an aufwendigen Basiliken als auch am Apsidensaal findet, widerlegt die Vorstellung einer linearen Entwicklung von der Turmkirche über die Ostturmkirche zur Westturmkirche. Ebenso leitet sich der Einzelwestturm nicht als Reduktionsform von den karolingischen Westwerken ab, vielmehr haben Westturm und Westwerk in der Aachener Pfalzkapelle die gleiche Wurzel.

In Österreich nimmt die Entwicklung der Westturmanlage an zwei Stellen ihren Ausgang, in Salzburg und in Niederösterreich. Die frühesten Vertreter des Einzelwestturms entstehen im 11. Jahrhundert in Salzburg an den beiden Klosterkirchen von St. Peter und Nonnberg [4]. Als unmittelbares Vorbild muß wohl die unter Abt Hartwik (991-1023) errichtete monumentale Dreiturmanlage des Salzburger Domes angesehen werden. Sowohl St. Peter als auch Nonnberg hatten ursprünglich liturgisch benützte Hochgeschosse, vermutlich mit Kapelle, welche den späteren Umbauten weichen mußten.

Von diesen beiden Bauten sind die weiteren Westtürme des 12. und 13. Jahrhunderts in Salzburg, Oberösterreich und Kärnten abhängig [5]. Kennzeichnend sind die liturgischen Hochgeschosse in Form von Kapellen, wie z.B. in Suben/Oberösterreich, und das oberitalienische Gliederungssystem der Schallfenster, welche die Turmmasse sukzessive nach oben hin auflösen. Die Existenz der Westturmanlagen an zentralen Orten im Interessengebiet des Erzbischofs oder des Domkapitels zeigt die Einflußnahme der klerikalen Auftraggeber bei der Wahl dieser Architekturform.

Im entstehenden Herzogtum Österreich, territorial etwa dem heutigen Niederösterreich entsprechend, sind Westturmkirchen erst im frühen 12. Jahrhundert nachweisbar [6] Die Auftraggeber oder Patronatsherren kommen zumeist aus der weltlichen Oberschicht der babenbergischen Markgrafen und ihrer Ministerialen. Noch vor der Erhebung der Mark zum Herzogtum durch das Privilegium minus (1156) werden die als Burgkirchen im Range von Pfarrkirchen anzusehenden Bauten von Gars/Thunau, Zwettl und im weiteren Sinne St. Ruprecht in Wien errichtet. Hocheinstiege mit Verbindungsgang zum Herrensitz und die nachweisbaren Emporeneinbauten verdeutlichen, daß die typologische und inhaltliche Wurzel dieser Westanlagen nicht im monastischen Turmbau Salzburgs, sondern im Burg- und Pfarrkirchenbau Nord-und Nordwestdeutschlands liegen. Zwischenstufen, insbesondere der integrierte Turmtypus von Zwettl mit in das Kircheninnere einbezogenem Emporenturm, sind im böhmischen Raum zu suchen. Der nur archäologisch erfaßte Westquerbau der Martinskirche in Klosterneuburg weist direkt auf den niedersächsisch-westfälischen Kunstkreis hin.

Die Westturmbauten dieser ,,Niederösterreichischen Gruppe" des 12. Jahrhunderts werden stilistisch durch ihre geschlossene und ungegliederte Außenerscheinung charakterisiert. Die fast ausschließliche Anwendung von Emporengeschossen weist sie als Träger einer herrschaftlich betonten Architektur aus. Letztere nimmt im Grunde genommen das karolinigsche Prinzip der Westanlage von Aachen in reduzierter Form und bei geändertem Inhalt wieder auf. Bei Klosterstiftungen hochfreier Patronatsherren, wie z. B. in St. Andrä an der Traisen, findet der Kapellentypus Anwendung.

Noch im 12. Jahrhundert kommt es zur Ausbildung von Sonderformen, welche auf der Ebene der Pfarrkirche Elemente verschiedener Funktion und Herkunft mit der Westanlage kombinieren; so bei der Piaristenkirche in Krems, wo die Funktion des Stadtturms mit der des Kirchturms verbunden wird, in Pürgg/Steiermark, wo Ost- und Westturm an einem Kirchenbau auftreten, und in Stillfried/Niederösterreich, wo das Ossarium eines Karners und die Westturmanlage eine Einheit bilden. Im weiteren Sinne kann auch die aufwendige Anlage der Burgkirche von Oberranna/Niederösterreich mit zwei Türmen, zwei ,,Querschiffen" und Kryptenwestanlage diesen Sondertypen zugeordnet werden.

An der Wende zum 13. Jahrhundert kommt es innerhalb der ,,Niederösterreichischen Gruppe" zur entscheidenden Änderung bei der romanischen Westturmanlage [7]. Bedingt durch den politischen und ökonomischen Abstieg der Ministerialen verlagert sich das bauliche Interesse dieser Auftraggeberschicht auf die Kleinarchitektur der Seelge-rätstiftungen, etwa auf Privatkapellen und Karner. Der Stil dieser Bauten orientiert sich an oft schon überholten Detailformen und zeigt den Charakter einer retardierenden Entwicklung. Im Gegensatz dazu wenden sich die in den Herzogstand erhobenen Babenberger und ihre unmittelbaren Ministerialen, die Kuenringer, der modernen Stilrichtung der Zisterzienser und der Gotik zu. Ihr architektonisches Interesse gilt anderen Bauformen. Der Einzelwestturm verliert seine besondere Rolle als Bedeutungsträger. Er wird zunächst unter Wegfall der liturgischen Hochgeschosse zur dekorativen Außenarchitektur und schließlich durch Erweiterung der Zugänge im Turmerdgeschoß zum Passage- bzw. Glockenturm.

 

Anmerkungen

[1] Zur Verbreitung: E. Bachmann, Kunstlandschaften im romanischen Kleinkirchenbau Deutschlands, in: Zschr. d. Dtsch. Vereins f. Kunstwissenschaft 8, 1941, S. 159ff. - A. Klaar, Kirchenbaukarte, in: Romanische Kunst in Österreich, Ausstellungskatalog, Krems a.d. Donau 1964, S. 272 ff. Hypothesen über Form, Funktion und Zweck: K. Ginhart, Die St. Peterskirche in Karnburg, in: Dtsch. Kunst und Denkmalpflege 8, 1934, S. 85 ff. - R. K. Donin, Die romanische Baukunst in Österreich, in: Die bildende Kunst in Österreich Bd. 7, 1937, S. 57 ff. - W. Buchowiecki, Die Baukunst, in: Romanische Kunst in Österreich, Wien 1962, S. 5 ff. - R. Feuchtmüller, Die Romanik. Kunst in Österreich, Bd. 1, Wien 1972 - R. Wagner-Rieger, Architektur, in: 1000 Jahre Babenberger in Österreich, Ausstellungskatalog, Wien 1976, S. 141 ff. Datierungen: R. Pühringer, Denkmäler der früh-und hochromanischen Baukunst in Österreich, Wien-Leipzig 1931 (Frühdatierung karolin-gisch) - K. Ginhart 1934 - R. K. Donin 1937 -W. Buchowiecki 1962 (wie oben, Spätdatierung).

[2] Über den Zusammenhang zwischen Westanlage und spätantikem Kaiserkult bisher wenig beachtet: H. Vetters, Vom Tribunal zum Westwerk, in: Adriatica, Prähistorica et Antiqua, Gregorio Novak dicta, Zagreb 1970, S. 467ff.

[3] Der Reduktionsvorgang wurde unter Einbezug der nur archäologisch erfaßbaren Anlagen analysiert. Vgl. F. Oswald, L. Schaefer und H. Sennhauser, Vorromanische Kirchenbauten, München 1966.

[4] Die Datierung des Westturmes von St. Peter um 847 ist aufgrund der allgemeinen Entwicklung nicht haltbar. Auch die archäologischen Ergebnisse konnten keine karolingische Turmanlage glaubhaft machen. Vgl. S. Karwiese, Erster vorläufiger Gesamtbericht über die Ausgrabungen zu St. Peter in Salzburg, in: Festschrift St. Peter, Salzburg 1982, S. 404ff. - und Kritik durch R. Sennhauser, Mausoleen, Krypten, Klosterkirchen und St. Peter I - III, in: Frühes Mönchtum In Salzburg, Salzburger Diskussionen 4, Salzburg 1983, S. 57ff. (Datierung ins 11. Jh.).

[5] Westturmanlagen 12. Jh.: Suben/Oberösterreich, Pürgg/Steiermark, St. Andrä im Lavanttal/Kämten. 12.-13. Jh.: Anthering/Salzburg, Aspach und Schalchen/Oberösterreich, Grades und Seltenheim/Kärnten. 13. Jhdt.: Dortbeueren und Kuchl/Salzburg.

[6] Westturmanlagen 12. Jh.: Burgkirchen von Gars/Thunau und Zwettl, Limberg, Stillfried, Klosterneuburg St. Martin, Krems Piaristenkirche, St. Andrä a.d. Traisen und Wien, St. Ruprecht.

[7] Westturmanlagen 13. Jh.: Amstetten, Friedersbach, Hof-Amsdorf, Krems-Weinzierl, Sieg-hartskirchen, Petronell und Drösing. Die Westanlage von Kleinmariazell ist fraglich. Güssing im Burgenland hat eine integrierte Anlage, wie sie im westungarischen Gebiet für kleine Patronatskirchen charakteristisch ist.

[*] Erweitertes Resumee unter Verwendung von:

  • R. Koch, Die Entwicklung der romanischen Westturmanlage in Österreich, phil. Diss. Wien 1986. [Onlinefassung!]
  • (Resumee) R. Koch, Die Entwicklung der romanischen Westturmanlage in Österreich, in: Das münster 3, 1988


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