Kirchenbaukunst im Mühlviertel bis zum Ende der Romanik

Rudolf Koch, Wien


Noch vor 50 Jahren hätte man kaum eine Geschichte der romanischen Kirchenbaukunst im Mühlviertel schreiben können, waren doch erst wenige Bauten bekannt: die Krypta des Stiftes Schlägt, das Kloster Baumgartenberg, die Kirche von Niederwaldkirchen, die Burgkapelle von Spielberg und das Ossarium des Karners von Mauthausen [1]. Den Kunsthistorikern und Mittelalterarchäologen ist es, meist im Zuge von Restaurierungen, gelungen, ein beinahe gleichmäßiges Netz von romanischen Kirchen im Mühlviertel nachzuweisen [2]. Dennoch bleibt uns heute der direkte visuelle Zugang zu diesen Bauten versperrt. Das Phänomen einer nur spärlich auf uns gekommenen hochmittelalterlichen Architektur gilt ganz allgemein für Oberösterreich und wurde mit der intensiven Baufreudigkeit in der Gotik und im Barock zu erklären versucht, wobei auch die Aufhebung von Kleinkirchen unter Kaiser Joseph II. eine Rolle spielte. Ähnliche Voraussetzungen müßten für das dem Mühlviertel benachbarte Waldviertel gelten, doch haben sich hier weitaus mehr romanische Kirchen erhalten. Diese Beobachtung führte zur Hypothese, viele der noch im 12. Jahrhundert errichteten Kirchenbauten in Oberösterreich wären Holzbauten gewesen, die erst in der Gotik durch Steinbauten ersetzt wurden [3].

Tatsächlich aber fanden sich neben den beiden frühen Holzkirchenbauten, der Wenzelskirche von Wartberg ob der Aist und St. Michael ob Rauchenödt, rund 60 weitere Steinkirchen, welche sich aufgrund des Quadermauerwerks, der sockellosen Langhausmauern, architektonischer Details wie etwa Traufsteinen oder der ergrabenen Fundamentzüge als romanisch erwiesen [4].

In der Gotik wurden die romanischen Kirchen im wesentlichen in zwei Phasen verändert: im 14. Jahrhundert und nach den umfangreichen Zerstörungen während der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert. Es dürften zunächst die kleinen romanischen Chorräume gewesen sein, die im 14. Jahrhundert dem Kunstwollen nach weiträumigen Anlagen zum Opfer fielen. Im Mühlviertel zeigt bloß die Kirche von St. Nikola an der Donau den originalen Chorraum im Aufgehenden, während die Chorformen weiterer Landkirchen bruchstückhaft von der Archäologie erschlossen sind.

Eine andere Möglichkeit spätmittelalterlicher Kirchenerweiterung betraf das Langhaus. "Herrschaftskapellen" [5], zumeist ein südlicher Annexbau des Langhauses, die als Grabkapelle eines Geschlechtes oder als Seelgerätstiftung dienten, wurden durch eine spitzbogige Öffnung mit dem Langhaus verbunden wie in Altenburg und in einem weiteren Entwicklungsschritt zum südlichen Seitenschiff ausgebaut. Die Spätphase öffnet den Kirchenraum zur Gänze nach Süden unter Beibehaltung der romanischen West-, Nord- und Ostwand, wobei durch geschickte Wahl einer raumverschleifenden Wölbung ein Gesamtwerk aus Lichtführung, Raumverschmelzung und dekorativer Detailgestaltung entstand, dessen bedeutendster Vertreter im Mühlviertel die Kirche von Königswiesen ist.

Die frühesten Kirchen in Oberösterreich waren Holzbauten. Dies scheint durch die oft zitierte Stelle der Vita Altmanni, der Biographie Bischof Altmanns von Passau um 1136, belegt zu werden: "Vor seiner Ankunft [1065] waren fast alle Kirchen jenes Bistums aus Holz und schmucklos, allerdings waren auch deren Priester, wenn ich so sagen darf, hölzern, weil sie in Ehen und weltliche Geschäfte verstrickt, des Gottesdienstes völlig unkundig waren . . . Jetzt aber sind sie durch seinen Eifer fast alle aus Stein, . . . und was das Wichtigste ist, mit sittenstrengen und gebildeten Männern gut besetzt." Das Zitat ist die antithetisch zugespitzte Schilderung der verrotteten Sitten des Weltklerus und weniger eine Würdigung der Bautätigkeit Altmanns, der überdies seit 1080, dem Jahr seiner Verbannung, in Niederösterreich saß und dem somit für unseren Bereich die Hände gebunden waren.

Die Textstelle enthält zwei brauchbare Hinweise: Der Übergang vom Holzbau zum Steinbau zur Zeit Altmanns war ein gradueller (fast alle Kirchen aus Holz - fast alle aus Stein), und der Holzkirchenbau wurde bereits Mitte des 11. Jahrhunderts beziehungsweise um 1135 als rückständig angesehen. Wir können ab der Zeit mit Holzkirchen nur bei Übergangsbauten und in Rückzugsgebieten rechnen.

Die ältere Holzkirchenforschung [6] war der Ansicht, daß die Kirchen der frühen Romanik aus liegenden Baumwalzen im Blockverband aufgeführt wurden, was zur Ausbildung des quadratischen Chorraumes führte und die Proportionen des Langhauses wegen der typischen Reihung quadratischer Zellen zwingend auf l : 2 festlegte. Für diese Hypothese wurden der bäuerliche Profanbau und die Kolomannskirche bei Mondsee angeführt, die allerdings frühestens aus dem 17. Jahrhundert stammt. Der romanische Steinkirchenbau wird als fossile Erscheinung des Blockbaus angesehen.

Die Mittelalterarchäologie stellt den theoretischen Überlegungen ein reales Bild gegenüber: den Ständer- und Schwellbalkenbau. Die erste rekonstruierbare Holzkirche in Österreich wurde im Mühlviertel als Ursprungsbau der Kirche von St. Michael ob Rauchenödt erschlossen, die Spuren eines weiteren Ständerbaus fanden sich unter der Wenzelskirche von Wartberg ob der Aist. Zuletzt wurde in Linz-Kleinmünchen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Mühlviertels, eine weitere rekonstruierbare Holzkirche freigelegt [7].

 

muehlviertel1.jpg

Rekonstruktion der mittelalterlichen Holzkirche zu St. Michael ob Rauchenödt, Aufn. Schepe

Der Holzbau von St. Michael ob Rauchenödt dürfte sich, den vorgefundenen Pfostenlöchern nach, in einen zweischiffigen Hauptraum und eine westliche Vorhalle gegliedert haben und war an den übrigen Seiten von einem schmalen Umgang umgeben. Vor der westlichen Eingangshalle befand sich ein freier Platz. Im Osten reichte ein Gräberfeld bis nahe an die Kirche. Mit einer Großenerstreckung von 6 x 3,6 m bot die Kirche einer größeren Gemeinde nicht Platz, die dem Gottesdienst wohl zum Teil vom Vorplatz aus beiwohnte. Der Bautypus entspricht der Rekonstruktion des bajuwarischen Haupthauses aus dem 8. Jahrhundert, wie er in der Lex Baiwariorum geschildert wird. Aufgrund des historischen Umfeldes wird die Holzkirche ins 11. bis 12. Jahrhundert datiert. Der Nachfolgebau ist bezeichnenderweise eine Chorquadratkirche.

Weniger weiß man über die früheste Wenzelskirche in Wartberg ob der Aist. Der Ausgräber fand bloß drei Pfostenlöcher, teilweise in den anstehenden Fels gesprengt oder durch einen Steinkranz verkeilt, die ihn zur Annahme eines West-Ost orientierten Ständerbaus von 7,5 m Länge veranlaßten. Die Kirche wurde wahrscheinlich zur Zeit der Gründung der Ottonischen Mark errichtet und 1111 urkundlich genannt. Weiter geht die jüngste Forschung, welche unter dem Eindruck der Befunde in Linz-Kleinmünchen in Wartberg Pfostenlöcher durch Rekonstruktion ergänzt und einen Nord-Süd orientierten Holzständerbau mit schmal-rechteckigem Vorbau im Süden annimmt. Zwar gibt es schon im Mittelalter vereinzelt Kirchen mit Nordchor und Südeingang, wie zum Beispiel in Baumgartenberg, doch dürfte die Rekonstruktion von Wartberg die Befunde überfordern.

In Linz-Kleinmünchen gelang der Nachweis einer annähernd West-Ost orientierten Holzkirche mit quadratischem Langhaus und rechteckigem Chorraum in Ständer-Bohlen-Technik. Die Bohlen dieser Kirche des 10. Jahrhunderts (?) waren nicht in die Ständer eingezapft, sondern außen an ihnen befestigt.

Das Gesamtbild, welches sich unter Hinzufügung der in Osterreich bekannten Holzkirchen der Frühzeit ergibt, erlaubt noch keine konkrete Entwicklung darzulegen. Die Befunde zeigen jedoch, daß sich der Holzkirchenbau - mit Ausnahme Oberrauchenödts - früh von der Profanarchitektur durch variationsreiche Gruppen absetzte. Der Blockbau dürfte für den Kirchenbau keine Rolle mehr gespielt haben, wobei nachmittelalterliche Kirchenbauten, wie das Beispiel Kolomannsberg nahelegt, Rückübersetzungen des Steinbaus in den Blockbau darstellen.

Innerhalb des romanischen Kleinkirchenbaus haben sich verschiedene Typen ausgebildet, je nach Chorform und Turmstellung [8]. Den ältesten Typus vertritt der schon aus der frühchristlichen Architektur bekannte Apsidensaal, dessen halbrunde Apsis im Hochmittelalter gegenüber dem Langhaus stark eingezogen wird. Das Hauptverbreitungsgebiet ist der Süden Österreichs, der sich kunstgeographisch dem mediteranen Ursprungsland dieses Typs öffnet. Der Apsidensaal spielt nördlich der Alpen in der Romanik vor allem bei Burgkapellen eine Rolle. Im Mühlviertel konnten bisher keine Vertreter nachgewiesen werden, was für die Zuordnung dieses Gebietes zum süddeutschen Raum spricht.

Der Grundtypus des Mühlviertels ist die Chorquadratkirche. Seine Wurzeln liegen als rein mittelalterliche Neuschöpfung im Holzbau. Schon im Frühmittelalter sind saalraumartige Bauten mit schmalem, querrechteckigem Chorraum nachzuweisen, welche in ihrer Grundrißdisposition direkt in den Steinbau übersetzt wurden. Spätestens ab ottonischer Zeit erfolgt im Kleinkirchenbau die generelle Umsetzung des rechteckigen Chores zum Quadrat. Wenngleich sich die Vertreter dieses Typus in Oberösterreich entlang der Donau erhalten haben, darf daraus nicht unbedingt auf eine kunstgeographische Eigenheit geschlossen werden. Neben der im Aufgehenden diesem Typus zuzuordnenden Pfarrkirche von St. Nikola an der Donau konnten Chorquadratkirchen in Oberrauchenödt, Wartberg, St. Peter bei Freistadt und jüngst in Niederzirking archäologisch erfaßt werden [9]

Aufgrund der hohen Mauerstärke im Chorquadrat und Ausnehmungen für eine Ständerkonstruktion beim romanischen Bau der Michaelskirche von Oberrauchenödt kann aus der Rekonstruktion des Aufgehenden die Verbindung zum Typus der Chorturmkirche nachvollzogen werden. Dieser Typus soll bereits in karolingischer Zeit entstanden sein, wie man für die Pfalzkirche in Karnburg in Kärnten annimmt. Die unmittelbaren Vergleichsbeispiele für diese in Bayern und Böhmen reich vertretene Bauform liegen im angrenzenden Waldviertel, wo sie typische Vertreter der Rodungskirchen im Neusiedlungsgebiet sind. Neuere Forschungen über den süddeutschen Raum bringen den Typus mit der Funktion als Herrschafts- und Patronatskirche in Zusammenhang. [10]

Die als Spätform entwickelte "Vollständige Anlage" mit Langhaus, Chorquadrat und Halbkreisapside stellt einen weiteren Typus dar, dessen Existenz im Mühlviertel nicht ausgeschlossen werden darf, wie der Erweiterungsbau der romanischen Kirche im benachbarten Linz-Kleinmünchen nahelegt. Die kunstgeographische Verteilung deckt sich in Österreich mit jener der Chorquadratkirchen.

Die im Mühlviertel fragmentarisch auf uns gekommenen Langhausbauten der Landkirchen dürften, den heute am Dachboden sichtbaren Balkenlöchern und den hochliegenden kleinen Rundbogenfenstern nach zu schließen, flach gedeckt gewesen sein. Der Wölbungsbau ist eine Domäne der Klosterbaukunst, wie die Beispiele von Baumgartenberg und Schlägl belegen. Die Übernahme in den Landkirchenbau, wie auch die Rhythmisierung des Innenraumes durch Wandvorlagen, kann nur außerhalb unseres Gebietes belegt werden [11].

Der Außenbau der meist schmucklosen Bauten wird durch die Verwendung von Quadermauerwerk - ursprünglich immer unverputzt und auf Sicht bezogen -, sockellose Wandbildung und relativ gedrungene Dachformen mit einem Giebelwinkel von 90 Grad geprägt. Verputztes Bruchsteinmauerwerk und steile Dachkonstruktionen treten vermehrt erst in der Gotik auf. An Langhausecken haben sich vereinzelt romanische Traufsteine erhalten, welche, wenn figural geschmückt, apotropäischen Charakter besitzen. Ihre Wiederverwendung oder Beibehaltung trotz gotischer Umbauten hat dokumentarischen Wert, der die bauliche Kontinuität demonstrieren soll.

Neben diesen Filial- und Pfarrkirchentypen sind noch drei aus der Sepulkralarchitektur stammende Bauten zu erwähnen. Am klarsten erfaßbar ist das Ossarium des Karners von Mauthausen. Die Wölbung des Rundbaus über halbrunden Wanddiensten mit differenzierten Würfelkapitellen erlaubt eine Datierung in die Spätzeit der Romanik. In der Apsis hat sich die originale Wandmalerei im zackbrüchigen Stil (um 1260) erhalten, welche durch ihre Darstellung des Weltgerichts auf die endzeitliche Todessymbolik Bezug nimmt. Von der 1798 abgebrochenen Nikolauskirche in Hofkirchen hat sich in einem Mostkeller die mittelalterliche, vermutlich romanische Gruft der Familie Clam erhalten, ein mit einer Rundtonne überwölbter Raum der 1230 erwähnten Kirche. Die ehemalige Kirche in Höflein, um 1260 als Eigenkirche der Lobensteiner genannt, wurde 1786 in ein Bauernhaus umgewandelt. Von der durch Umbauten stark verunklärten Raumstruktur dürfte ein rundbogig unterkellerter, rechteckiger Raum ebenfalls der Romanik zuzuordnen sein.

Der Übergang zur frühen Gotik erfolgt außerhalb der Ordensbaukunst bereits kurz nach der Mitte des 13. Jahrhunderts und ist von der Auftraggeberschicht abhängig. Die 1267 urkundlich erwähnte Katharinenkirche von Freistadt besteht im Kern aus einer dreischiffigen, flachgedeckten Pfeilerbasilika mit gerade geschlossenen Seitenschiffen. Die Mauern sind noch sockellos, die schmalen Lanzettfenster im Obergaden und die spitzbogigen Pfeilerarkaden gehören bereits der durch die Bettelorden vermittelten Gotik an. Wesentlich erweist sich der Vergleich mit dem Typus des Zisterzienserklosters Hohenfurth, der zeigt, daß sich die bürgerlichen Auftraggeber für ihre Stadtkirche an böhmischen Vorbildern orientierten.

Die Großbauten der Ordensbaukunst im Mühlviertel, vertreten durch das Zisterzienserkloster Baumgartenberg und das Prämonstratenserstift Schlägl, nehmen innerhalb des romanischen Kirchenbaus eine andere Stellung ein [12]. In beiden Fällen arbeiteten ordenseigene Werkleute, welche sich einer entwickelten Bautechnik bedienten und die Wölbung verwendeten.

Otto von Machland, ein Ministeriale der Babenberger, stiftet um 1141 gemeinsam mit seiner Gattin Jeuta das Zisterzienserkloster Baumgartenberg. 1142 übernehmen 12 aus Heiligenkreuz berufene Mönche die bereits errichteten Regulargebäude, vermutlich noch Holzbauten. Rechtsstreitigkeiten, vor allem mit dem Kloster Säbnich-Waldhausen, der zweiten Stiftung Ottos, und das Fehlen einer starken Gönnerpersönlichkeit nach dessen Tod verzögerten den monumentalen Weiterbau in Baumgartenberg, dessen Schlußweihe erst um 1259 erfolgte. Den größten Verlust an romanischer Bausubstanz bringt die Zerstörung des Chorschlusses in den Hussitenkriegen.

Der Gründungsbau war eine siebenjochige, dreischiffige Pfeilerbasilika mit breitrechteckigen Mittelschiffs- und längsrechteckigen Seitenschiffsjochen, deren originale Kreuzrippengewölbe noch in den südlichsten Teilen - der Bau ist nach Norden orientiert - erhalten sind. Die Querschiffarme waren zweijochig. Daran schließt der gotische Chor, doch gehören die Mauern der ersten Travee noch der Romanik an. Der Ursprungsbau folgt dem Schema von Pontigny I, wobei die Einführung der rechteckigen Gewölbejoche aus der burgundischen Bautradition das bisher heimische gebundene System ablöst. Damit wird ein rascher Rhythmus in der Jochfolge erzielt, der für die Gotik wichtig wird.

Die Frage nach der ursprünglichen Chorform von Baumgartenberg wurde aufgrund einer Miniatur im Baumgartenberger Urbar (um 1335) und dem Kirchenmodell am Tumbadeckel des Stiftergrabes (um 1400) zu lösen versucht. Demnach hatte die Kirche einen gerade geschlossenen Mittelchor wie Pontigny I und Clairvaux II. Neuere Forschungen legen nahe, daß am Querschiff je zwei Kapellenanbauten vorhanden waren [13]. Auch der Chor folgt in seiner rekonstruierbaren Form den burgundischen Vorbildern.

Hingegen zeigen Detailgestaltung und Struktur des Hauptportals (letztes Viertel 12. Jahrhundert), daß die Durchführung in Händen süddeutsch-österreichischer Werkleute lag. Dies läßt sich an der Verwendung gemauerter Portalsäulchen und an der typischen Weiterführung des Kapitellringes als verkröpfte Rundstableiste aufzeigen.

Einem anderen Kunstkreis gehören die romanischen Bauteile des Prämonstratenserstiftes Schlägt an. Chalhoch von Falkenstein berief 1204 ebenfalls Zisterzienser, diesmal aus Langheim, zur Errichtung des Klosters. Die Stiftung endete mit dem Tod des Abtes und der Flucht der Mönche ins Mutterkloster. Die zweite Stiftung ging an die Prämonstratenser aus Mühlhausen in Böhmen, welche 1218 das an einem anderen Ort neu errichtete Kloster übernahmen. Die Schlußweihe der Klosterkirche erfolgte zwischen 1258 und 1278. Von dem stark veränderten Gründungsbau stammt die einschiffige Klosterkirche mit durchgehendem quadratischen Chor, unter dem ein gewölbter Einstützenraum der frühesten Phase liegt.

muehlviertel2.jpg

Einstützenraum unter dem Chor der Stiftskirche von Schlägl, Aufn. Michaiek

 

Der quadratische Tiefraum unter dem Chor, ein vierjochiger Einstützenraum mit spitzbogigen Kreuzgratgewölben und rundbogigen Gurten, welche in der Wandmitte auf polygonalen Pfeilervorlagen aufruhen, galt zunächst als Ursprungskirche des Klosters. Der gesamte Raumcharakter, die grob belassene Wölbung, bei der noch die Abdrücke der Schalungsbretter zu sehen sind, und der Grundrißtypus sprechen jedoch für die jetzige Bezeichnung Krypta. Auch das plastische Programm, drei Eckkonsolen mit stilisierten Fratzen, eine bei Grabungen gefundene Konsolmaske sowie ein menschlicher Kopf am Kapitell des Mittelpfeilers, dürfte eher für die Symbolik einer Krypta geschaffen worden sein.

Die Deutung als Kapitelsaal des Gründungsklosters mit dem Hinweis auf die bei Grabungen freigelegte umlaufende Sitzbank zwischen hohen Pfeilerbasen findet sich zwar ähnlich im Kapitelsaal von Zwettl, doch hat auch die Krypta des Kollegiatstiftes von Ardagger eine solche Session. Der jüngste Versuch, den alten Gedanken der Gründungskirche wieder aufzugreifen, fußt auf der falschen Vorstellung, es gäbe bei den Prämonstratensern keine Krypten, und auf der Auslegung der Quellen über die Lage des Stiftergrabes. [14]

Der Vergleich zwischen dem Einstützenraum in Schlägl und dem als Dormitorium bezeichneten Tiefraum des Zisterzienserstiftes Zwettl belegt den untergeordneten Stellenwert der Krypta in Schlägl. In beiden Fällen stimmen Raumtypus, die Art der Gewölbeführung mit Gurten zu den Wandmitten und die unmittelbare Wirkung der roh belassenen Gewölbeschale überein. Auffallend ist der Unterschied in der plastischen Dekoration: Während in Zwettl die klare geometrische Form angestrebt wird, herrscht in Schlägt eine eigentümlich urwüchsige und primitive Formgebung vor.

Im Gegensatz zum Stil der Konsolmasken und der Rundbogenfenster stehen die bereits gotisch beeinflußte, aus dem Achteck entwickelte Pfeilerform, die Kapitellform und die spitzbogigen Kreuzgratgewölbe. Will man in diesen stilistischen Spannungen nicht den Niederschlag einer Planänderung während der langen Bauzeit sehen, gehört die Krypta von Schlägl zur Architekturströmung des Übergangsstils, der romanisches Formengut mit den Elementen der Gotik verbindet.


Anmerkungen

1 Vgl. Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler in der Ostmark, Oberdonau, Wien-Berlin 1941. Dehio-Handbuch Oberosterreich, Wien 1977.

2 ULM, BENNO, Das Mühlviertel, Salzburg 1976

3 BUCHOWIECKI, WALTER, Romanische Landkirchen in Oberösterreich, Oberösterreichische Heimatblätter IV, 1950, S l ff.

4 Ulm, Mühlviertel, S 49 ff.

5 WAGNER-RIEGER, RENATE, Gotische Kapellen in Niederösterreich, Festschrift K. M. Swoboda, Wien 1959, S 273 ff.

6 Die ältere Forschung geht zur Gänze auf Buchowiecki, Landkirchen, zurück.

7 KOCH, RUDOLF, Schwerpunkte der Kirchenarchäologie in Oberösterreich, Festschrift Benno Ulm, Oberösterreichische Heimatblätter 40, 1986, S 191 ff; Siehe auch: Onlinefassung - OFFENBEROER, JOHANN, Archäologische Untersuchungen im Bereich der ehemaligen Pfarrkirche zum hl. Quirinus von Linz-Kleinmünchen Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 1984, S 215 ff.

8 Typen und Verteilung: BACHMANN, ERICH, Kunstlandschaften im romanischen Kleinkirchenbau Deutschlands, Zeitschrift des Deutschen Vereines für Kunstwissenschaft 8, 1941, S 165 ff.

9 Mündliche Mitteilung von Dr. Ch. Schwanzar.

10 WALLISER-SCHÄFER, MARGARETE, Entwicklung und Bedeutung der romanischen Chortürme mit Beispielen aus Schwaben und Franken, Tübingen 1986.

l l Vgl. SCHWARZ, MARIO, Romanische Architektur in Niederösterreich, Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreich 17/18 Wien-St. Polten 1979.

12 SCHWARZ, MARIO, Studien zur Klosterbaukunst in Osterreich unter den letzten Babenbergem, Diss. phil. der Universität Wien 147, Wien 1981, S 30 ff (Baumgartenberg), S 137 ff (Schlägl); Ulm, Mühlviertel S 57 ff und 203 ff.

13 Schwarz, Klosterbaukunst, S 44.

14 LUGER, WALTER, Beiträge zur Baugeschichte des Stiftes Schlägl, Zeitschrift Oberösterreich 31, Heft 4, 1981, S 65 ff.


Studiolo | Kirchenbaukunst