SALZBURG, BENEDIKTINER-STIFTSKIRCHE MICHAELBEUERN, Bauuntersuchung

Rudolf Koch, Wien

(Onlineversion aus: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 47, 1992, S. 95 - 98)

Anläßlich von geplanten Umbauarbeiten im Bereich der Stiftskirche von Michaelbeuern [1], Salzburg, wurden im Auftrag des Bundesdenkmalamtes in der Zeit vom 8. bis 14. Juli 1992 Bauuntersuchungen durchgeführt, deren Ziel die Erfassung des mittelalterlichen Baubestandes und dessen rigorose Veränderungen vor allem durch den Stuttgarter Architekten O. Linder um 1950 war. Ein weitgehend undokumentierter Teilabbruch [2] der Kirche erfolgte schon ab 1938, der damals seitens des Landeskonservatoriats gestoppt werden mußte. Über den heutigen Umbau, der quasi einem neoromanischen Neubau gleichkommt, existieren zwar Planungsvorschläge, die jedoch mit dem ausgeführten Projekt nur bedingt übereinstimmen [3]. Die Ergebnisse der Bauuntersuchung seien hier kurz zusammengefaßt [4] (Abb. 116).

Die 1072 geweihte Stiftskirche von Michaelbeuern war eine dreischiffigeachtjochige Pfeilerbasilika. Der fünfjochige laikale Bereich war in allen drei Schiffen flach gedeckt, daran schloß - durch zwei Schwibbogen im fünften und siebenten Joch getrennt - der Chorus minor an. Die monotone Pfeilerform des Langhauses wird hier durch halbrunde Wandvorlagen rhythmisiert und von den heute noch an der Nordseite erhaltenen ca. 20 cm höher gelegenen Arkadenkämpfern betont. Über den östlichsten Seitenschiffjochen war ein integriertes Ostturmpaar geplant, von dem allerdings nur der südliche Turm zur Ausführung gelangte. Die romanischen Kreuzgratgewölbe in den Turmjochen wurden durch barocke ersetzt, wobei die Gewölbehöhe im südlichen Turmjoch wegen des darüberliegenden unteren Oratoriums im 17. Jahrhundert abgesenkt werden mußte. Die beiden Apsidiolen in den Seitenschiffen sind eine freie Neuschöpfung des Architekten Linder. Im Dachboden lassen ein in situ befindlicher romanischer Traufstein und die erhaltene Quermauer des Triumphbogens erkennen, daß die Raumproportionen des Langhauses durch Linder nur unwesentlich angehoben wurden. Der nicht näher bestimmbare romanische Chorschluß fiel dem gotischen Polygonchor zum Opfer.

Vom Bau des 11. Jahrhunderts hat sich die Grundrißdisposition erhalten, wobei die nördliche Arkadenreihe, Nordschiff- und Ostwand, die Turmjoche und die Westwand dem Altbestand angehören (Abb. 116). Die Schilfblattkapitelle und die attisch-romanischen Basen im Chorus minor sind den Formen nach erst in spätromanischer Zeit entstanden, wie die stilistisch gleichen Formen am Südportal zeigen. Die südliche Hoch- und die Seitenschiffwand wurden von Linder neu errichtet, wobei die ursprünglich im Chorus minor höher gelegenen Kämpferplatten im Niveau jenen des Laienraumes angeglichen und die Seitenschiffwand bis zur Bauflucht der Josephskapelle nach außen verlegt wurden. Neu sind ferner sämtliche Sockelprofile (Kunststein?) und Kämpferplatten der Schiffspfeiler bis zu den Turmjochen und die mächtigen Würfelkapitelle im Langhaus, Letztere liegen für die zu rekonstruierenden romanischen Schwibbogen zu tief, wohl aus Rücksicht auf die hier wiederaufgestellte barocke Figurengruppe.

Linder hob beide Seitenschiffe annähernd auf das mittelalterliche Niveau an, wobei er die barocken Langhausemporen einschließlich des Gewölbes der Josephskapelle abtrug und über dem nördlichen Seitenschiff den Boden des Sommer- und des Winterchores (jetzt Lehrmittelzimmer) höher legte. Die barocken Fenster im Winterchor sind seither zu Nischen vermauert; der Sommerchor öffnet sich in zwei neoromanischen Triforen gegen das Langhaus.

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116. Michaelbeuern, Stiftskirche; Längsschnitt in Höhe der südlichen Arkadenpfeiler und Grundriß.

Das romanische Mauerwerk des Südturmes hat sich im Norden bis zum Mittelschiffboden erhalten; an den freistehenden drei Seiten endet das hochmittelalterliche Quadermauerwerk über dem zweiten barocken Oratorium [5]. Ab der ehemaligen Uhrkammer bis zur Glockenstube besteht der Turm aus Tuffquadern. Dieser Materialwechsel ist auf den Neubau unter Abt Georg (1470-1472) zurückzuführen. Im Glockengeschoß sind mit Ausnahme des Nordfensters sämtliche Triforensäulchen nach altem Vorbild [6] ergänzt.

Vom romanischen Bestand der Westteile der Stiftskirche hat sich das Quadermauerwerk der ursprünglich zweigeschossigen Vorhalle im Kern der 1619 barockisierten Prälatengruftkapelle, jetzt innere Vorhalle, bis in halbe Höhe der durch Linder zur Orgelempore umgestalteten Katharinenkapelle [7] erhalten. Hier zeigte sich an der Südwand über der von Linder mit einer niedrigeren Segmenttonne (Holz) versehenen Josephskapelle (ehemalige Konventualengruftkapelle) eine breite Bogenstirn, deren rekonstruierbare Proportionen jenen des Südportals entsprechen. Das Quadermauerwerk des Bogens und der Wand mit sorgfältig aufgeputztem Fugennetz gleicht dem der älteren Turmteile. Dem Befund nach dürfte an dieser Stelle der ursprüngliche Ort des von Linder vom Langhaus an die äußere Vorhalle versetzten südlichen Stufenportals sein. Reste von spätromanischen Profilstücken in den Ecken der Ostwand der äußeren Vorhalle liegen tiefer als die Kämpferhöhe des Südportals und gehören zur Gliederung der ehemaligen Vorhallenwestwand - die romanische Vorhalle öffnete sich daher nur gegen Süden, wohl bedingt durch die noch heute hier stark abfallende Geländestufe.

Die Bogenöffnung wurde in einer zweiten Phase mit Quadermauerwerk verschlossen. Reste einer Wandmalerei aus dem späteren 15. Jahrhundert mit Zahnschnittfries, krabbenbesetztem Spitzbogenrahmen und Spruchband laufen über diese Abmauerung, deren Baufuge auch unter dem barocken Verputz an der Südwand der inneren Vorhalle zu erkennen ist. Balkenlöcher über der gotischen Verputzkante belegen, daß sich anstelle der 1620 vollendeten Konventualengruftkapelle wahrscheinlich die flachgedeckte gotische Benediktskapelle befand [8]. Somit dürfte die erste Versetzung des romanischen Südportals zum südwestlichsten Seitenschiffjoch ursächlich mit dem Anbau der Benediktskapelle im späten 15. Jahrhundert zusammenhängen (Abb. 117).

Michaelbeuern2.jpg117. Michaelbeuern, Stiftskirche: Baubefund über dem Ostteil der Josephskapelle. Reste des romanischen Bogens mit Fugenmörtel. Über dem Bogen Reste der gotischen Wandmalerei, Rechts davon Abrißkante des von O. Linder abgetragenen barocken Gewölbes der ehemaligen Konventualengruftkapelte, Die Verputzreste (letzte Phase 19. Jahrhundert) des Schildbogens laufen sowohl über den romanischen Bogen als auch über die gotische Vermauerung der romanischen Bogenöffnung.

Die barocke Instrumentierung der Prälatengruftkapelle blieb beim Umbau Linders unverändert, lediglich zwei niedrige Durchgänge zur Josephskapelle und zum Krippenraum unter der Treppenanlage sind neu. Der erst 1671 an die Prälatengruftkapelle angebaute Chorraum wurde durch Linder abgetragen, die Öffnung des Triumphbogens zum heutigen inneren Portal abgemauert, und es sind die doppelt so tiefe äußere Vorhalle sowie die Laube errichtet worden. Die Adaptierung der Konventualengruftkapelle zur Josephskapelle beschränkte sich auf die Neuwölbung und eine Angleichung der Fensterachsen an jene des Seitenschiffs. Der Treppentrakt im Norden geht in seiner Anlage noch auf die Barockisierung der Kirche zurück, die Zugänge im Bereich der abgetragenen und tiefer gelegenen Westempore sind heute zu Nischen geschlossen. Die Beibehaltung der barocken Raumhöhe der inneren Vorhalle und die völlige Öffnung der Ostwand der ehemaligen Katharinenkapelle bewirken die heute extreme Hochlage und bühnenartige Konzeption der Orgel- bzw. Sängerempore.

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118. Oben: Michaelbeuern, Stiftskirche, Südportal

119. Rechts: Erneuerungen des romanischen Altbestandes durch O. Linder um 1950

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Der Baubefund des Südportals ergab, daß die Grundstruktur des Stufenportals mit vorgelegten Gewändesäulen im wesentlichen bei der zweimaligen Versetzung beibehalten wurde. Zum Originalbestand aus der Mitte des 13. Jahrhunderts gehören sämtliche Kapitelle [9], die meisten Quader der Gewändepfosten mit Ausnahme der Türpfosten, die Gewändesäulen und die Archivolten [10] sowie großteils die Sockelprofile. Letztere weisen im Bereich der Eckzier und der Pfostenecken einige Vierungen auf und sind mit dem Stockhammer bzw. dem Mondeisen überarbeitet. Das Tympanon (Terrakottarelief von H. Heger, 1950), der Sturz, die beiden Konsolen, die Kämpferplatten und der Schaft der linken Säulenvorlage sind neu. Die gesamte romanische Oberfläche des Portals ist später überarbeitet worden, lediglich die Anspitzungen der Schilfblätter an den Kapitellen könnten noch alt sein (Abb. 118, 119).

Durch die Methoden der Bauforschung gelang es, aufgrund von Materialanalysen, Auswertung der Umbaupläne, Abbruchfotos und Baufluchten sowie der gezielten Intervention im Dachbodenbereich nicht nur den Anteil des Neubaus von Linder zu erfassen, sondern auch einen wesentlich genaueren Einblick in die hochmittelalterliche Baugeschichte -vor allem der Westteile und des Portals - zu gewinnen, Ergebnisse, die der nunmehr geplanten Restaurierung der Stiftskirche in diesem Bereich zugrunde gelegt werden können.


Anmerkungen:

[1] P. Buberl, Österreichische Kunsttopographie, Bd. X, II. Teil, Wien 1913, S. 477 ff. - R. Pühringer, Denkmäler der früh- und hochromanischen Baukunst in Österreich, Akademie der Wissenschaften in Wien, Denkschriften, 70. Bd., l. Abhandlungen., Wien 1931, S. 68 ff. - Benediktinerabtei Michaelbeuern, Dokumentation, Michaelbeuern 1985. - A.Hahnl, Abtei Michaelbeuern (Christliche Kunststätten Österreichs, Nr. 156), Salzburg 1987.

[2] Originale im Stiftsarchiv, Repros im Fotoarchiv des Bundesdenkmalamtes Wien, N 118.865 - 118.870.

[3] Plankopien im Stiftsarchiv. Diese Pläne Linders vermischen Planung und Istzustand. Das Endkonzept fehlt. Vgl. dazu die Zusammenfassung bei O. Linder. Vom Entstehen und der Neugestaltung der Stiftskirche zu Michaelbeuern, in: Dokumentation Michaelbeuern (zit .Anm. l), S.190ff.

[4] R. Koch. Bauuntersuchungen an der Benediktiner-Stiftskirche Michaelbeuern, Manuskript im Bundesdenkmalamt Wien, Wien 1992.

[5] Öffnung zum Chor und Durchgang zum abgetragenen barocken südlichen Emporengang durch Linder abgemauert.

[6] Romanisierende Formen des 15. Jahrhunderts?

[7] Die Elisabeth- und Katharinenkapelle wird 1507 geweiht und durch Abt Wolfgang Burger (1582-1592) umgestaltet.

[8] Unter Abt Georg (1440-1472) wurden ein Gang von der "St. Benediktskapelle zum Chor" und "auch das Portal der Kirche" errichtet. Vgl. Buberl (zit. Anm. l), S. 478.

[9] Nach Beobachtungvon Hahnl (zit. Anm. l, S. 14) sekundär aus römischen Spolien (Reliefspuren an den Rückseiten) hergestellt.

[10] Als Quaderverblendung ausgeführt, die dahinterliegenden grob abgespitzten mächtigen Keilsteine gehören zur Altsubstanz.

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