Brink's Traum (1) Kampf gegen die weißen Wölfe. Variationen zu Bemerkungen. Unwahr sind die Nachrichten, die über Österreich in den ausländischen Zeitungen verbreitet werden, doch die Schuld daran liegt nicht nur beim Ausland, nein, die Unwahrheit entspringt dem Herzen des Kaiserstaates selbst: Die Metropole Wien ist von einem „Heer von Lügen“ durchzogen, tausend Zungen sind hier allzeit bereit, „Nachrichten von erschlagenen Menschen, von ermordeten ganzen Familien, von Raub und Plünderung“ ungeprüft weiter zu verbreiten. Und diese Lügen bleiben nicht in den Mauern der Stadt, posttäglich werden sie in Paketen den „Freunden, Clienten, oder Patronen im Auslande oder in den Provinzen“ zugestellt.

In Paris wurden die Körper der Verunglückten und Ermordeten öffentlich zur Schau gestellt, um sich „von der Richtigkeit eines Factums [zu] überzeugen“, in London geschieht dies heute noch. In Wien hat „man“ dazu weder Zeit noch Gelegenheit und so ist „man“ dazu verdammt, des Abends voller Angst die Vorstädte zu betreten, und sein Hab und Gut „durch kein Schloß und keinen Riegel gesichert zu halten“.

Den Vaterländischen Blättern kommt angesichts dieser Situation eine klare Aufgabe zu: Bekämpfung der Lügen, Berichtigung der Gerüchte, Bezwingung dieser ungeheuren „Hydra“, die sich mittels Stimme, Brief- und schließlich Zeitungspapier fortpflanzt.

Daher rühren also jene in den Rubriken „Warnungstafel“, „Tagesbegebenheiten“ oder „Miszellen“ abgedruckten Meldungen, deren fast jede wert wäre, in eine Kleistsche Kurzgeschichte übersetzt zu werden:

Frauen, die sich zur Bekämpfung des Ungeziefers Quecksilbersalbe in die Haare schmieren, darüber den Verstand verlieren und sich vor lauter Wahn in der Donau ertränken. Zweijährige Knaben, die unbeaufsichtigt beim Fenster liegen, den Riegel lösen und zu Tode stürzen. Und schließlich schlägt am Abend des 30. Juni 1810 auch noch ein Blitz in die Agramer Kapelle zum heiligen Geist ein: Bei dieser Gelegenheit explodieren 300 Zentner Pulver, die dort gelagert werden. Bäume werden entwurzelt, Gräber gespalten, die ganze Stadt erzittert wie bei einem Erdbeben.

– Das Böse, Grausame scheint in jenem Jahr 1810 so unwiderruflich in die Öffentlichkeit getreten zu sein, daß es auch in den offiziösen Blättern der Monarchie nicht länger geleugnet werden kann. Funktion der Berichterstattung ist die Bannung, die Feststellung des Bösen, das Zuweisen klarer Grenzen: Reden, die über das geschriebene hinausgehen, sollen delegitimiert werden. Denn eines steht außer Zweifel: Es gibt keine vergleichbare Stadt, die sich einer solchen öffentlichen Sicherheit erfreuen kann wie die Hauptstadt des Österreichischen Kaiserstaats. Die Greuelberichte der Vaterländischen Blätter sollen dazu dienen, die durch Gerüchte genährten Ängste gerade der besitzenden Klassen zu kanalisieren. AT

("J-s.": Bemerkungen über Zeitungsartikel des Auslandes und Tagesgerüchte in Wien. In: Vaterländische Blätter. 20.12.1808/23.12.1808, Nr. 65/66, S. 457–458.)


Weiße Wölfe Paganini Brink's Traum (1). Totentraum Ein Mann, der vorgibt, dass an ihm nichts Außergewöhnliches sei, um dann das Außergewöhnliche zu berichten, zieht den unbestimmten Verdacht des Lesers nach sich. Brink beteuert, es ergehe ihm, "wie den meisten Menschen" (128), er glaube "Grundsätze zu haben, und handle fast immer nach Einfällen" (128), sein Besitz erscheine ihm gering, das Versagte "eines Wunsches werth" (128), wäre er an eines anderen Stelle, so hätte er "große Dinge ausgerichtet" (128), das habe er sich zumindest "oft eingebildet" (128), doch selbst das Gute, welches zu tun in seiner Macht stand usw.

Die Reue, die der Einsicht folgt, erschließt sich aus einem Traum, den er, seine Befugnisse überschreitend, sich damit eingehandelt hatte. Staatsdinge, eine aufgeschlagene "Charte von Europa" (129), die neuesten Begebenheiten und ihre Wirkung auf künftige Zeiten - darüber sei er eingeschlafen.

"Ich hörte Fußtritte über mir und Stimmen. Nach und nach ward es ruhig. Ich lag enge und kühl: eine sanfte Wärme drang durch die Erde, gleich einem gelinden Sommerregen." (129)

Die Legitimation, seinen Traum zu erzählen, bezieht Brink aus dem Argument des Außergewöhnlichen ("[…] und hatte einen Traum, der seltsam genug ist, um erzählt zu werden."/129). Dieses ist aber nicht - wie man annehmen könnte - an die Präexistenz eines extravaganten Subjekts gebunden, sondern es stößt dem gesichtslos Gewöhnlichen, Alltäglichen in seiner ritualisierten Grenzüberschreitung zu - es bricht herein und drängt ungestüm mit seinen metaphorischen Antworten auf die richtigen Fragen.

Ihm träumte, er sei gestorben und "zur Erde bestattet" (129), und als Erzähler dieses seines seltsamen Traums greift Brink erneut auf die Metapher des Traumes zurück, um den Zustand des erträumten Todes sagbar zu machen ("Mein Bewußtsein verlor sich, wie wenn man im Traume tiefer einzuschlafen glaubt" /129), ist nun aber nicht an den Beginn der Erzählung des Traums vom eigenen Gestorbensein gestellt, sondern folgt unmittelbar auf die schon o.a. Impressionen ("Ich hörte Fußtritte […]") des bereits sich totgeträumten Brinks. Ihm träumte nicht nur von seinem Zustand des Gestorbenseins, sondern auch davon, dass es ihm in diesem Zustand gewesen sei, als träume er. Brink ergibt sich damit jener Narrativik, der er den Eingang in diese Erzählung erst verdankt. Mit dieser Selbstbezüglichkeit der Erzählung ist eine weitere Ebene von Fiktionalisierung erreicht, vergleichbar dem Spiel im Spiel, das gerade durch den Abbruch seiner referenziellen Bezüge zu einer Wirklichkeit außerhalb des Spiels seine Richtigkeit hat.

Der Erzähler konstruiert damit eine weitere Zeitachse ("Es mochte einige Zeit verflossen seyn, da ich mich wieder fühlte." /129) und kann allmählich in die neue Qualität dieses Totentraums eintreten: Er beginnt nun auch räumlich Veränderungen wahrzunehmen ("Mir war, als sänke ich; erst langsam, dann ruckweise […]" /129) und kann nun den eigentlichen Plot seiner Erzählung eines Traumes, seltsam genug, um erzählt zu werden, beginnen. CMA [Fortsetzung folgt]

(Brink's Traum. In: Thomas West. Sonntagsblatt. Bd. 1, 1807, S. 128-132.


Brink's Traum (1) Brink's Traum (2) Paganini. "Teurer Victor! im Menschen ist ein großer Wunsch, der nie erfüllt wurde: er hat keinen Namen, er sucht seinen Gegenstand, aber alles, was du ihm nennest, und alle Freuden sind es nicht [...]. Aber diesen Wunsch, dem nichts einen Namen geben kann, nennen unsre Saiten und Töne dem Menschengeiste - der sehnsüchtige Geist weint dann stärker und kann sich nicht mehr fassen und ruft in jammerndem Entzücken zwischen die Töne hinein: ja alles, was ihr nennt, das fehlet mir ..." (Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundsposttage)

So und so ähnlich beschreiben jene Intellektuellen, die sich mehr oder weniger als romantische Dichter bzw. Dichtungs- und Kunsttheoretiker bezeichnen lassen, die Musik. Novalis, Wackenroder, E.T.A. Hoffmann, Schlegel und schließlich auch Hegel bringen für die Ästhetik der Musik das auf, was die Rezeption den 'Unsagbarkeitstopos' nennt. Musik ist das Medium des Unaussprechlichen, des Unbegreiflichen, des Unendlichen, aber auch des Absonderlichen und Unheimlichen. Die Unbestimmtheit ihrer Töne läßt sie (in der Vorstellung der Romantik) zur Sprache des Unaussprechlichen werden. Robert Schumann spricht wie selbstverständlich vom "unbestimmten, romantischen Charakter der Musik".

Dieser Verweis auf die Unbestimmtheit der Musik evoziert nun zwei gegenläufige Bewegungen in der Musikpraxis und im Musikdiskurs: einerseits eine Bewegung zur Abstraktion, zur Instrumentalmusik, zur sogenannten 'absoluten Musik' und zu einer metaphysischen Qualität der Musik (wie sie etwa Schopenhauer formuliert); andererseits die Bewegung einer explosionsartigen Theatralisierung, Ausschmückung und 'Aufblähung' der musikalischen Mittel durch immer größere Orchester, Konzertsäle, Opern sowie durch eine fast unbändige Vermarktung, Inszenierung und Popularisierung von großen Solisten. Kurz gesagt: das Unbezeichenbare läßt die Zeichen explodieren - oder: Wien im Paganinifieber ... HGN

Paganini Brink's Traum (2). Thomas. Die Dramaturgie der Bewegung vermittelt den Übergang in diese neue Traumsphäre als Rückeroberung des Realen. Das vorerst von Brink noch differenziert wahrnehmbare, ruckhafte Absinken des Sarges, beschleunigt sich bis zum - auch die Sinne - überwältigenden Sturz in die Unterwelt, dem eine jähes Ende gesetzt ist:
"Ich empfand einen Stoß, - und der Sarg sprang."
Brink erwacht - seine Wahrnehmung ist durch den Schock kathartisch gereinigt und dementsprechend klar sind seine Beobachtungen - neben einem Toten. Er macht sein Zeichen über ihn und beginnt mit der Frage, wann er denn gestorben sei, Konversation mit dem Toten. Ein ebenso lapidares wie abstraktes: "Vor hundert Jahren", erhält er daraufhin zur Antwort und erneut überfällt ihn Phobos:
"Ich erschrak sehr; denn ich sah, dass es Thomas war."
Der Leser des Sonntagsblattes weiß selbstverständlich augenblicklich, dass es sich bei "Thomas" nur um "Thomas West", den Herausgeber des "Sonntagsblattes", also jener Zeitschrift handeln konnte, in welcher er soeben diesen Text von Brink's Traum las. Was er nicht wissen konnte ist: "Wer ist Brink?" CMA [Fortsetzung folgt]

(Brink's Traum. In: Thomas West. Sonntagsblatt. Bd. 1, 1807, S. 128-132.